DAMPFSCHIFFE: «Ich gebe zu: Ich bin stolz»

Nächste Woche geht die Saison der Dampfschifffahrt wieder los. Kuno Stein (59), Kapitän des Flaggschiffs «Stadt Luzern», über seine Leidenschaft, seine Vorfreude und die kniffligsten Momente seiner Karriere.

Interview Robert Bossart
Drucken
Teilen
Das Dampfschiff «Stadt Luzern» hat eine neue Steuerung bekommen und fährt erstmals ohne Steuerrad, dafür mit Steuerhebel. (Bild Manuela Jans)

Das Dampfschiff «Stadt Luzern» hat eine neue Steuerung bekommen und fährt erstmals ohne Steuerrad, dafür mit Steuerhebel. (Bild Manuela Jans)

Kapitän auf einem Dampfschiff – ein Traumjob?

Kuno Stein: Es ist ein schöner, aber auch ein fordernder und strenger Beruf. Die Verantwortung ist gross.

Ist es schwierig, ein Schiff zu steuern?

Stein: Einfach ist es nicht immer, es stellt schon gewisse Herausforderungen. Wir fahren nicht auf Schienen, sind Wind und Stürmen ausgesetzt, und jedes Schiff hat seine eigenen Fahreigenschaften.

Haben Sie schon mal einen richtigen Crash verursacht?

Stein: Zum Glück nicht, aber es kommt durchaus vor, dass man mal eine härtere Landung hat, wenn der See unruhig ist. Die «Stadt Luzern» ist 415 Tonnen schwer, wenn sie leer ist, zudem ist sie flachbodig. Deshalb hat sie die Tendenz zum Driften und ist nicht so leicht steuerbar. Die «Schiller» etwa hat einen markanten Kiel und darum die viel bessere Führung im Wasser.

Am Karfreitag geht es wieder los mit der Dampfersaison. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Stein: Es ist immer eine grosse Freude, wieder loszulegen. Aber natürlich gibt es auch viel zu tun, die ganze Mannschaft hat tagelang geputzt und geschrubbt.

Auch der Kapitän?

Stein: Sicher, auch der Kapitän schrubbt die Wände, poliert das Deck. Aber auch sonst muss viel getan werden, so kontrollierten wir die ganzen Sicherheitseinrichtungen und zählten die 1200 Schwimmwesten.

Mit einem Maschinisten, der im Motorenraum arbeitet, möchten Sie wohl eher nicht tauschen?

Stein: Das ist natürlich auch eine sehr interessante Aufgabe. Die grossen Maschinen «leben», so tönen sie zum Beispiel jedes Jahr anders. Das sind trotz ihrer Grösse sehr subtile Anlagen, die viel Konzentration und Aufmerksamkeit erfordern. Aber meine Leidenschaft ist eher das Steuern.

Als Kapitän sind Sie aber nicht der einsame Chef, der über alles befiehlt, wie es scheint.

Stein: Nein, überhaupt nicht, man ist auf eine gute und eingespielte Mannschaft angewiesen, sei es auf Deck, in der Maschine und natürlich auch in der Gastronomie. Ich habe immer einen jungen Bei-Mann zur Seite, der auch navigieren kann und ich mich dann um Aufgaben auf Deck kümmern kann. Natürlich hat man in meiner Funktion auch viel mit der Gästebetreuung zu tun.

Sieht man Sie im Sommer nie in der Badi oder auf einem Ausflugsberg?

Stein: Doch, doch, wir haben mindestens fünf Tage pro Monat frei, immerhin. Es ist eine strenge Zeit, aber im Winter können wir unsere Überzeit wieder kompensieren.

Was machen Sie, wenn Sie mal frei haben?

Stein: Ich mache gerne Ausflüge, bei denen auch immer wieder mal eine Schifffahrt mit dabei ist. Oft fahre ich im Sommer in die Berge und mache dort leichtere Wanderungen. Manchmal ruhe ich mich einfach nur aus, ich bin schliesslich auch nicht mehr zwanzig.

Dampfschiffe haben eine grosse Fangemeinde. Oft sind es Leute, die schon als Kinder die Fahrpläne und Schiffstypen in- und auswendig kannten. Sind Sie auch so einer?

Stein: Ja, ja, ich war schon als Bub viel an den Landungsbrücken in Luzern und beobachtete, welches Schiff welchen Kurs hatte.

War Kapitän Ihr grosser Bubentraum?

Stein: So kann man das nicht sagen. Ich war schon während der Kanti-Zeit als Aushilfe auf den Schiffen tätig. Und dann bin ich hängen geblieben. Zuerst war ich Kontrolleur und Matrose. Ich weiss noch, wie ich stolz war, als ich vom B-Matrosen hier auf der «Stadt Luzern» zum A-Matrosen aufgestiegen bin.

A-Matrose?

Stein: Der B-Matrose war unter anderem für die Güter zuständig, die damals noch alle mit dem Schiff transportiert wurden. Der A-Matrose konnte sich um die Passagiere kümmern und durfte vorne am Schiff mit den Seilen hantieren, was einfach prestigeträchtiger war. (lacht) Dann war ich Kondukteur und später neun Jahre lang Kassier.

Mussten Sie sich zum Kapitän «hochdienen»?

Stein: Gewissermassen. Während der Zeit als Kassier begann ich zu fahren, zuerst auf den kleinen Motorschiffen, später auf den grösseren und schliesslich auf den Dampfschiffen.

Ein Leben für die Schiffe – gab es nie einen anderen Traumberuf?

Stein: Eigentlich wollte ich Architekt werden, aber eben – ich bin hier hängen geblieben. Was ich aber ganz und gar nicht bereue.

Kapitän auf einem Binnensee zu sein, ist ja schön und gut, aber werden Sie von Kollegen, die auf dem Meer arbeiten, nicht fast etwas belächelt?

Stein: Das ist natürlich eine ganz andere Dimension. Vor ein paar Jahren war ein Kapitän zu Besuch, der ein Mærsk-Containerschiff befehligte, das damals eines der weltweit grössten Containerschiffe war. Er war absolut fasziniert von unseren Dampfschiffen. Ich weiss noch, wie seine Tochter mich fragte, ob er mal das Steuer halten dürfe. Der hatte eine Riesenfreude an der Schönheit unserer Schiffe und wie wir hier navigieren.

Hat es Sie nie gereizt, mal auf einem grossen Schiff bei Sturm über die Meere zu fahren?

Stein: Ich habe schon diverse Kreuzfahrten gemacht, allerdings als Passagier und nicht als Steuermann. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit hier, und ich mag die vielen Manöver, die wir auf dem See machen müssen. Wenn ich mir da einen Hochseekapitän vorstelle, der tagelang auf dem weiten Ozean fährt, stelle ich mir das nicht so spannend vor.

Stürmisch kann es auch hier zu und her gehen. Was haben Sie diesbezüglich schon erlebt?

Stein: Vor ein paar Jahren sind während eines Unwetters auf der «Schiller» die Bänke auf Deck herumgeflogen und haben sogar Deckenlampen zertrümmert. Beim Sturm «Lothar» war ich auch unterwegs, bis in Weggis dann Endstation war.

Was muss man gut können als Kapitän?

Stein: Insbesondere bei Sturmlagen geht es darum, die richtigen Entscheide zu treffen: Fahren wir noch weiter oder ist es zu riskant, kann eine Landung noch verantwortet werden? Man steht auch unter Druck, weil die Leute am richtigen Ort ein- und aussteigen wollen. Zudem braucht es Vertrauen in die Technik, in die Mannschaft – und man trägt viel Verantwortung. Manchmal braucht es auch einfach Glück.

Glück?

Stein: Die Winde am Vierwaldstättersee können sehr wechselhaft sein. Hat man Pech und erwischt bei einer Zufahrt eine heftige Windböe, kann es sehr schwierig werden. Der Föhn-Hafen in Brunnen ist zum Beispiel heikel. Wenn der Föhn plötzlich abstellt und der Wind schneeweiss von Gersau her bläst, hat man keine Chance, anzulegen. Dann muss man schleunigst das Manöver abbrechen.

Mussten Sie auch schon Leute aus dem Wasser retten?

Stein: Wir haben schon Surfer aus dem Wasser geholt, weil sie entkräftet waren. Aber Passagiere sind mir zum Glück noch nie ins Wasser gefallen.

Welche Wetterstimmung haben Sie am liebsten?

Stein: Vom Geschäft her ist schönes Wetter am besten, weil dann die Schiffe voll sind. (lacht) Ich habe sehr gern, wenn sich die Wolken nach einer Schlechtwetterphase wieder lichten. Schön finde ich auch Stimmungen, wenn alles grau in grau ist. Wenn man das malen würde, bräuchte man nur Grautöne und etwas Grün. Das sind auch die Tage, wo wir es etwas ruhiger haben. Nach einer längeren Schönwetterperiode sind wir manchmal froh um schlechtes Wetter.

Sind Sie ein Hobbymaler?

Stein: Nein, aber ich fotografiere. Und im Winter, wenn ich mehr Freizeit habe, reise ich gerne. Ich hole nach, was ich im Sommer nicht tun kann. Ich gehe sehr gerne in die Oper, da reise ich in ganz Europa herum, um etwas Schönes zu hören und zu sehen.

Sie haben jahrelang die «Schiller» gesteuert, welche als das ästhetischste Schiff der Flotte, aber auch als brav und zuverlässig gilt. Passt das zu Ihnen als Person?

Stein: In gewissem Sinne schon, ja. Ich schlage nicht zu sehr über die Stränge. Und verlässlich bin ich auch.

Nun haben Sie auf die «Stadt Luzern», das Flaggschiff der Flotte, gewechselt. Ist das die Krönung Ihrer Karriere?

Stein: Eine eigentliche Beförderung ist es nicht. Aber ich gebe zu: Ich bin stolz. Die Schiffe und ihre Geschichte liegen mir am Herzen, es ist schon so etwas wie der Höhepunkt einer Karriere auf diesem See.

Auf den Dampfern sind schon etliche berühmte Persönlichkeiten gefahren, der frühere russische Präsident Medwedew etwa ...

Stein: ... da habe ich den «Schiller» gesteuert – unglaublich, wie gross die Sicherheitsvorkehrungen waren, ständig waren zwei Polizeibeamten mit geladenen Sturmgewehren bei mir im Steuerhaus.

Königin Elisabeth II. war auch schon Gast, und 1940 fuhr General Guisan aufs Rütli. Welches war Ihr persönliches Highlight?

Stein: Václav Havel habe ich in guter Erinnerung, als er anlässlich eines Staatsbesuches mit dem damaligen Bundespräsidenten Leuenberger das Rütli besuchte.

Es heisst, der Kapitän ist immer der Letzte, der das sinkende Schiff verlässt. Seit der «Costa Concordia» weiss man, dass das keine Selbstverständlichkeit ist – Kapitän Schettino gilt seither als Feigling. Wie würden Sie sich verhalten?

Stein: Es ist schwer vorauszusagen, wie man sich in einer Katastrophe verhält. Ich hoffe und glaube auch, dass ich die menschliche Grösse hätte, nicht einfach davonzuspringen.

Schiffskapitäne werden von der Damenwelt umschwärmt, heisst es. Stimmt das?

Stein: (lacht) Es kommt schon vor, dass man deswegen mehr beachtet wird, aber so arg ist es nun auch wieder nicht.

Sie sind Junggeselle geblieben – der Hafen der Ehe hat Sie nie interessiert?

Stein: Nein, aber lassen wir diese privaten Dinge, reden wir lieber über die Schifffahrt.

Verzeihung. Die Pension ist nicht mehr allzu weit entfernt. Werden Sie ein regelmässiger Gast auf dem See sein?

Stein: Ich werde sicher die Schifffahrt weiterverfolgen, ich gehe sehr gerne auch auf andere Dampfschiffe.

Gibt es noch einen Schifffahrtstraum?

Stein: Es gibt schon noch einige Reisen mit klassischen Schiffen, die ich gerne machen würde, wenn ich mehr Zeit habe. Vielleicht sogar mal eine Weltreise auf einem Schiff. 110 Tage auf See – das wäre ein Traum.

Berufliche Treue

Zur Person Kuno Stein (1954 geboren) ist in Luzern aufgewachsen und hat schon während der Kantonsschule nebenbei bei der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee (SGV) gearbeitet. Nach der Matura ist er vollberuflich dort eingestiegen. Kuhn liess sich zum Matrosen ausbilden, später wurde er Kontrolleur und Kassier. 1978 wurde er Schiffführer, 1993 erfolgte die Beförderung zum Kapitän. Kuno Stein war zwischen 1990 und 2009 auf dem Dampfschiff «Schiller» tätig, seither ist er auf der «Stadt Luzern» Kapitän. Kuno Stein lebt als Junggeselle in der Stadt Luzern. In seiner Freizeit fotografiert er, besucht Opernabende und hört klassische Musik.