DARUM GEHT ES: Tourismus: Klasse statt Masse

Chefreporter Alexander von Däniken über den Tourismus in der Zentralschweiz

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Die Touristenmassen in der Zentralschweiz bewegen derzeit die Gemüter. Im Bild: asiatische Besucher beim Schwanenplatz in der Stadt Luzern. (Bild Nadia Schärli)

Die Touristenmassen in der Zentralschweiz bewegen derzeit die Gemüter. Im Bild: asiatische Besucher beim Schwanenplatz in der Stadt Luzern. (Bild Nadia Schärli)

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Tourismusregion Zentralschweiz schlägt dem Fremdenverkehr der bislang heftigste Widerstand entgegen. Als vor 200 Jahren die ersten Touristen auf die Rigi stapften oder durch Luzerns Altstadt schlenderten, waren die Probleme von heute noch in weiter Ferne:

 

  • Reisecars bringen den Verkehr in Luzerns Innenstadt während der Stosszeiten beinahe zum Kollaps;

 

 

  • Reisegruppen vorwiegend asiatischer Herkunft erschweren in Luzern den Durchgang für Einheimische am Schwanenplatz und entlang der Reuss;

 

 

  • Chinesische Touristenmassen nehmen die Rigi in Beschlag und müssen mittels Schildern aufgeklärt werden, wie man hierzulande sein Geschäft verrichtet;

 

 

  • Reisegruppen aus Indien beanspruchen etliche Sitzplätze in der Zentralbahn von Luzern nach Engelberg, während viele Einheimische stehen müssen;

 

 

  • Chinesische Touristen werden carweise nach Ebikon gefahren, wo sie sich zu Dumping-Preisen verpflegen und die Anwohner mit Lärm, Gestank, Gespucke und einem Verkehrschaos verärgern;

 

 

  • Touristen aus Asien und den Golfstaaten fordern mit ihrem bisweilen lauten bis aggressiven Auftreten Einheimische, aber auch Angestellte aus der Hotellerie und Gastronomie heraus.

 

Seit unsere Zeitung vor rund zwei Wochen begonnen hat, diese Probleme in verschiedenen Artikeln zu thematisieren, mehren sich Stimmen, die den Tourismus am liebsten abschaffen würden oder für Touristen aus bestimmten Herkunftsländern eine Einreisesperre verhängen wollen. Bei allem Verständnis für das emotionale Thema: Solche Gehässigkeiten führen zu keiner Lösung, sondern schaffen im schlimmsten Fall weitere Probleme.

Vor allem wird durch die Polterei Wesentliches ausgeblendet: Der Tourismus ist in den letzten 200 Jahren für die Zentralschweiz zu einem wichtigen Wirtschaftspfeiler geworden. Die Wirtschaft des Kantons Luzern erzielt gemäss Luzern Tourismus mit dem Fremdenverkehr ein direktes Umsatzvolumen von rund 1,5 Milliarden Franken und eine direkte Wertschöpfung von 810 Millionen Franken pro Jahr.

Im Branchenvergleich hat der Tourismus im Kanton Luzern bezüglich der direkten Wertschöpfung etwa dieselbe Bedeutung wie etwa die Maschinen- und Elektroindustrie oder die Kreditinstitute. Rund 8600 Vollzeitstellen hängen im Kanton Luzern direkt vom Tourismus ab. Das sind knapp 5 Prozent der rund 182 000 Vollzeitstellen im Kanton.

Wenn ausländische Besucher in der Schweiz touristische Dienstleistungen beanspruchen, hat dies auf die schweizerische Zahlungsbilanz die gleiche Wirkung wie der Export von Waren. 2012 generierte der Tourismus in der Schweiz gemäss Bundesamt für Statistik Einnahmen von 15,1 Milliarden Franken – gleich viel wie die Banken an Leistungen exportiert haben.

Ohne Tourismus wäre die Zentralschweiz nicht da, wo sie jetzt ist: eine hochentwickelte, international wettbewerbsfähige Region, deren Innovationen oft aus dem Tourismus kommen, wie zum Beispiel die Seilbahnen auf den Titlis und den Pilatus zeigen. Und sie punktet gleichzeitig mit einer hohen Lebensqualität: kleine Städte und Gemeinden, saubere Seen und Flüsse, nahe und gut erschlossene Berge, intakte Natur. Doch genau diese Lebensqualität sehen viele Zentralschweizer jetzt zunehmend in Gefahr. Der Tourismus wird zum Opfer seines eigenen Erfolgs.

Was die Zentralschweiz braucht, ist ein Tourismus, der zu ihr passt. Für riesige Reisegruppen sind die Berge zu spitz, die Züge zu kurz und die Strassen in Luzern zu eng. Das ist Fakt und keine neue Erkenntnis.

Schon seit Jahren sind die Carprobleme in Luzern ein Thema. Zu lange hat die Stadt mit konkreten Massnahmen zugewartet. Das geplante Parkhaus Musegg und die mittlerweile aufs Abstellgleis geschobene Metro (vom Gebiet Ibach zum Schwanenplatz) sind eher Ausdruck von Symptom- statt Ursachenbekämpfung.

Der Hebel muss bei der Vermarktung im Ausland angesetzt werden, aber auch bei einem Umdenken der lokalen Dienstleister. Die Stossrichtung hat mittlerweile auch Luzern Tourismus erkannt. Mit der «Strategischen Ausrichtung 2020» soll eine «Premium-Qualitätsstrategie» verfolgt werden. Bloss: Ausser unkonkreten Punkten wie «Anzahl der Wiederholungsgäste steigern» oder «die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste erhöhen» fehlt es an griffigen, messbaren Zielen und konkreten Instrumenten. Bekannt ist, dass die mittlere Aufenthaltsdauer bei Übernachtungsgästen in der Stadt Luzern im Jahr 2013 1,7 Tage betragen hat. Zehn Jahre zuvor lag sie bei 1,8 Tagen. Und im Jahr 2023?

Es ist höchste Zeit, dass die Tourismusverantwortlichen den notwendigen Wandel im regionalen Fremdenverkehr forcieren. Dann dürfte auch das Verständnis der einheimischen Bevölkerung gegenüber Touristen aus anderen Kulturen steigen. Auf Chinesen, Inder und Gäste aus den Golfstaaten wird der Tourismus auch weiterhin angewiesen sein.

Der Tourismus in der Zentralschweiz muss sich stärker nach Gästen ausrichten, die individuell anreisen und dafür auch entsprechend mehr Geld ausgeben wollen. Das hätte auch den Vorteil, die Touristen zielgerichteter auf hiesige Gepflogenheiten aufmerksam zu machen.

Anders ausgedrückt: Klasse statt Masse. Ein Venedig will hier niemand. Apropos: Was die Zahl der Übernachtungen im Verhältnis zur Einwohnerzahl betrifft, hat Luzern die über Massentourismus klagende Lagunenstadt bereits überholt. Während in Venedig zehn Mal mehr Übernachtungen (2,6 Millionen pro Jahr) als Einwohner (264 000) gezählt werden, stehen in Luzern 80 000 Einwohner dem 15-fachen an Übernachtungsgästen (1,2 Millionen pro Jahr) gegenüber.

Alexander von Däniken