DAS ANDERE INTERVIEW: «Spiritualität ist nichts Abgehobenes»

Yvonne Fluri (53), Körpertherapeutin

Turi Bucher
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Yvonne Fluri mit ihrem Quaty, einem indianischen Paddel, sowie einem Tambourin samt Schläger. (Bild: Nadja Schärli / Neue LZ)

Yvonne Fluri mit ihrem Quaty, einem indianischen Paddel, sowie einem Tambourin samt Schläger. (Bild: Nadja Schärli / Neue LZ)

Verlust um Verlust war schliesslich ein Verlust zu viel: Die in Rothenburg wohnhafte Yvonne Fluri (53) ereilte im Alter von 30 Jahren eine Lebenskrise. Doch sie fand den Weg aus dem Burn-out. Heute sagen die Leute, die der diplomierten Körpertherapeutin begegnen, sie hätte ein ansteckendes Lachen. Aber das ist nur eines von Yvonne Fluris L-Wörtern.

Yvonne Fluri, Sie nennen sich Yvonne-Indyanah. Wieso das?

Yvonne Fluri: Indyanah bedeutet, das Indianische ist nah. Der Name symbolisiert meine Nähe zur Natur, meine Verbundenheit mit dem Ursprünglichen. Ich bekam diesen Namen 1996 vor einer Meditation.

Sie pflegen den Indianerkult ganz öffentlich. Wie sind Sie sozusagen auf die Spur der Indianer gekommen?

Fluri: Mein heutiger Mentor Richard Smith, der indianisch-afrikanischer Herkunft ist, gab 1992 in Luzern ein Gospelkonzert. Das hat mich ganz tief im Herzen berührt. Als ich seine Stimme hörte, wusste ich: Das ist mein Lehrer. Später besuchte ich ein Meditationswochenende, das Richard Smith im Tessin abhielt. Er ist jetzt 87 Jahre alt und wohnt wechselweise in Zürich und München.

Danach haben Sie die Indianer auch selber besucht.

Fluri: Ja, 1995. Ich hatte zuvor sehr viel gelesen über die Indianer und verspürte so etwas wie Heimweh, obwohl ich noch nie dort war. Als ich die Gelegenheit hatte, das Reservat der Hoh-Indianer in der Nähe von Seattle zu besuchen, wollte ich das nicht als Tourist tun. Ich sagte mir: Ich mache es nur, wenn ich bei den Indianern wohnen kann. Mary-Key Leitka, die Schwester des Reservat-Häuptlings – sie war einst bei «Wetten, dass ...» eingeladen, um ihr Buch über Indianer vorzustellen – sagte, sie hätte geträumt, dass eine Frau in ihr Reservat kommen würde. Deshalb hat sie mich akzeptiert.

Was Sie dort erlebt haben, war allerdings nicht das, was Sie sich vorgestellt hatten.

Fluri: Ja, es war sehr traurig, sehr desolat. Ich habe viel geweint. Alkohol, Drogen, Spielkasino waren bei den Indianern an der Tagesordnung, auch Mordfälle gab es. Das hat mich auf den Boden der Realität geholt. Mary-Key sagte: «Diese Generation ist verloren, wir müssen den Samen an die Kinder weitergeben.» Auch sind die Indianer sehr kritisch gegenüber den Weissen. Ich habe durch die Schwester des Chiefs vor allem gelernt, zuzuhören.

Sie haben aus dem Reservat ein indianisches Paddel mitgenommen.

Fluri: Mary-Key weigerte sich, meinte, das gehe nicht, dass ein Nicht-Indianer das Paddel von Amerika wegbringe. Doch ihr Bruder Collaya, der Chief, hatte die Vision, mir das Paddel mitzugeben und das Quaty den guten Menschen in die Hand zu drücken. Die Kreativwochen der Stadtschulen Luzern bieten übrigens im Frühling und im Herbst das einwöchige Seminar «Auf den Spuren der Indianer» an. Da gehe ich mit den Kindern in den Wald, um ihnen die Natur näherzubringen, und das Quaty ist auch mit dabei.

(Im Verlaufe des Gesprächs dürfen sowohl der Interviewer wie auch die Fotografin das Quaty anfassen; Anm. d. Red.)

Auf Ihrer Homepage ist nachzulesen, dass Sie die «feuertanzende Adlerin» vom Clan der Donnervögel sind und Ihr indianisches Zeichen der rote Habicht ist. Mit Verlaub, das klingt alles sehr abgehoben.

Fluri: Das ist überhaupt nicht abgehoben. Ich werde von den Menschen, mit denen ich arbeite, nicht als «abgehoben» wahrgenommen. Spiritualität ist nichts Abgehobenes. Die indianische Astrologie wird mit Tieren sowie Feuer, Wasser, Wind und Erde symbolisiert. Ganz einfach: Ich bin Widder und im indianischen dem Donnervogel-Klan zugeordnet. Der rote Habicht entspricht dem Monat zwischen dem 21. März und dem 19. April.

Nun bringen Sie das Indianische auch zu den Kindern in die Schulklasse.

Fluri: In einer Kita in Meggen lautet das Jahresthema «Indianer». Es macht mich sehr glücklich, dort meine langjährige Erfahrung mit einfliessen lassen zu können. Generell feststellen zu dürfen, wie Kinder reich im Herzen sind und wie authentisch sie es uns vorleben.

Ich las auf Ihrer Homepage, dass Mary-Key Leitka eine Schamanin vom Wolfs- und Rabenclan ist. Sind Sie auch eine Schamanin?

Fluri: Ich habe es nicht so gern, in eine Schublade gesteckt zu werden. Wenn es die Situation und meine Arbeit erfordert, integriere ich das Schamanistische. Mein Auftrag lautet: Herzensbildung! Ich möchte, dass die Kinder merken: «Ich habe ganz viel in meinem Herzen.»

Und da sind ja auch noch die vier «L’s: Leben, Lieben, Lachen, Lernen. Ehrlich gesagt, das schaff ich nicht jeden Tag.

Fluri: Ich doch auch nicht. Das ist eine Lebensaufgabe. Wenn die Zeit zum Lernen ist, kommt vielleicht das Lachen zu kurz. Dann muss man wieder Lachen dreinbringen. Gerade bei uns in der Schweiz finde ich, dass bei den Kindern als Gegenpol zum vielen Lernen das Lachen und Lieben gefördert werden sollte.

Ihre Anleitung zu einer besseren Welt?

Fluri: Lernen zuzuhören. Lernen, zwei Schritte zurückzutreten, damit Freiraum für das Gegenüber entsteht, damit Kinder von ihrem Goldschatz, den sie in sich tragen, erzählen können. Unsere Zivilisation kann sich nur ändern, wenn wir den Kindern und den Jugendlichen zuhören, ihnen Hilfe und Halt geben. Nicht Monologe, sondern Dialoge führen. Das können übrigens die Indianer gut. Mit sich selber im Einklang sein, indem das Herz den Verstand führt und nicht umgekehrt. – das können Kinder und Tiere sehr gut.

PS: Yvonne-Indyanah hat während des Gesprächs gefühlte tausend Mal gelacht. Ihr Lachen ist wirklich ansteckend.

Interview Turi Bucher

Hinweis: Mehr über Yvonne Fluri auf www.indyanah.ch