Suizidhilfe in öffentlichen Altersheimen wird in Luzern und Zürich diskutiert: «Das Heim ist für viele das Zuhause»

In den meisten Kantonen entscheiden Alters- und Pflegeheime wie auch Spitäler selber, ob ihre Bewohner Suizidhilfe in Anspruch nehmen dürfen. Das provoziere Ungleichbehandlungen, finden Selbstbestimmungsorganisationen.

Andreas Faessler
Drucken
Teilen
Der assistierte Suizid ist bundesrechtlich geregelt und schweizweit zulässig.

Der assistierte Suizid ist bundesrechtlich geregelt und schweizweit zulässig.

Bild: Getty

Der Kanton Zürich will durchsetzen, was in der Stadt Zürich seit fast 20 Jahren möglich ist: den assistierten Suizid in den öf­fentlich finanzierten Alters- und Pflegeheimen per Gesetz ermöglichen. Der Zürcher Kantonsrat hat Mitte September den Vorstoss «Selbstbestimmung am Lebensende auch in Alters- und Pflegeheimen» gutgeheissen.

Die beiden Schweizer Selbstbestimmungsorganisationen Exit und «DIGNITAS – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben» begrüssen den Entscheid des Kantons Zürich und erwarten nun, dass der Kantonsrat das Gesundheits­gesetz entsprechend ergänzt. «Damit wird bezüglich dem Menschenrecht auf Selbstbestimmung über das eigene Lebensende Gleichberechtigung für alle im Kanton Zürich wohnhaften Menschen geschaffen», sagt dazu Julia Gerber Rüegg, DIGNITAS-Mitarbeiterin.

Politischer Vorstoss im Kanton Luzern

Das Thema bewegt freilich auch jenseits der Zürcher Kantonsgrenzen. Ein Blick in die Innerschweiz: Vor wenigen Tagen hat die Luzerner FDP-Kantonsrätin Helen Schurtenberger einen Vorstoss eingereicht, in dem sie und die Unterzeichnenden vom Kanton wissen wollen, wie er zu Suizidhilfe steht und ob er auf dieses immer virulenter werdende Thema vorbereitet ist. Eine der formulierten Fragen lautet, ob der Kanton Luzern Richtlinien für die Zulassung von Suizidhilfe in Institutionen wie Alters- und Pflegeheime wie auch Spitäler zur Verfügung stelle. «Kantonale Bestimmungen, welche die Inanspruchnahme von Suizidhilfe in öffentlichen Einrichtungen verbieten, gibt es nicht», so Julia Gerber Rüegg von DIGNITAS.

«Unseres Wissens gibt es in der Zentralschweiz aber keinen Kanton, welcher den Bewohnerinnen und Bewohnern öffentlicher Alters- und Pflegeheime oder anderer Institutionen des Gesundheitswesens gesetzlich garantiert, dass sie die Dienste von Organisationen wie DIGNITAS oder Exit in ihren Räumen in Anspruch nehmen dürfen.» In den meisten Kantonen sei es ­diesen Einrichtungen überlassen, selber zu entscheiden, wie sie mit Beratung und Begleitung durch Suizidhilfeorganisationen umgehen wollen. Die Krux dabei: Das bedeutet eine mögliche Ungleichbehandlung in öffentlichen Einrichtungen. «Und das ist grundsätzlich inakzeptabel», betont Gerber Rüegg. «Würden sie allen den Zugang gewähren, wären kantonal-gesetzliche Bestimmungen zur Gleichbehandlung aller Bewohnerinnen und Bewohner gar nicht erst notwendig.»

Es geht um ein Menschenrecht

Die Arbeit von DIGNITAS besteht vorderhand aus juristischer Hintergrundarbeit. DIGNITAS wie auch Exit setzen sich ein für das, was ihren Mitgliedern und weiteren Bürgerinnen und Bürgern ein Anliegen ist. Jedoch bringen sich die Orga­nisationen aktiv dort ein, wo ­Suizidhilfe Thema aufgrund von Diskussionen in der Öffentlichkeit und Politik ist oder ­beispielsweise aufgrund eines Konflikts zwischen einem Bewohner eines Heims und der ablehnenden Heimleitung. «Da engagieren wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten», sagt Julia Gerber Rüegg. Sie ruft in diesem Kontext einen Luzerner Fall aus dem Jahr 2018 in ­Erinnerung, bei dem das Kantonsspital einem schwer krebskranken Mann eine Freitodbegleitung im Spital untersagt hat (Ausgabe vom 20. September 2018).

«Über Art und Zeitpunkt des eigenen Lebensendes zu entscheiden, ist jedenfalls ein Menschenrecht», hält Julia Gerber Rüegg fest. «Die meisten Menschen möchten dies in den eigenen vier Wänden wahrnehmen. Und das Heim ist für einige das Zuhause.» Auch werde dieses Menschenrecht von einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung befürwortet, weiss sie. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch darüber hinaus, wie diverse repräsentative Umfragen ergeben hätten. «Unseres Erachtens ist es nicht einzusehen, weshalb Bewohner eines Heimes dieses verlassen müssen, wenn sie eben von ihrem Freiheitsrecht eines selbstbestimmten und selbst herbeigeführten Lebensendes mit professioneller Hilfe Gebrauch machen wollen», fährt Julia Gerber Rüegg fort. «Wären sie nicht im Heim, würde die ­Begleitung ja auch bei ihnen ­zuhause stattfinden.»

Politiker und Parteien sind gefordert

Schlussendlich sind es die Stimmbürgerinnen und -bürgern, die darüber befinden, ob der Zürcher Entscheid auch in anderen Kantonen real wird. «In einer eher konservativen katholisch geprägten Region eine politische Mehrheit zu finden, ist wohl schwieriger als in urbanen Zentren», glaubt Julia Gerber Rüegg. «Aber in erster Linie ist das die Arbeit der Politikerinnen und Politiker und ihrer Parteien.»

Mehr zum Thema