Der Kampf gegen die Migros

Migros und Einkaufszentren sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Im Kanton Schwyz allerdings wurde gegen diese Einrichtungen jahrzehntelang opponiert.

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Gegen die Erweiterung des Mythen-Centers Ende der Neunzigerjahre reichte ein Komitee beim Schwyzer Regierungsgebäude Unterschriften ein. (Bild: Archiv Neue SZ)

Gegen die Erweiterung des Mythen-Centers Ende der Neunzigerjahre reichte ein Komitee beim Schwyzer Regierungsgebäude Unterschriften ein. (Bild: Archiv Neue SZ)

Einer der Verkaufswagen der Migros im Kanton Schwyz. (Bild: Archiv Neue SZ)

Einer der Verkaufswagen der Migros im Kanton Schwyz. (Bild: Archiv Neue SZ)

Supermärkte der Migros finden sich heute in jedem grösseren Ort, in Innerschwyz in Brunnen, Goldau, Küssnacht, Einsiedeln und im Ibächler Mythen-Center. Nach ihrer Gründung vor etwas weniger als hundert Jahren allerdings hatte die Migros zunächst nur in den Städten Fuss fassen können. Massenumsatz und eine geschickte Verteilung ermöglichten ihr anfänglich, Kaffee, Reis, Zucker, Teigwaren oder Seife bis zu 40 Prozent günstiger anzubieten als die herkömmlichen Läden. Solche gab es im früheren Schwyz noch zuhauf. Überdies war man im vorwiegend bäuerlichen Kanton Schwyz noch weitgehend Selbstversorger oder deckte sich neben dem Einkauf im Dorfladen auch auf den lokalen Märkten ein.

Die Giro-Läden

Der Journalist und Historiker Kari Kälin, Mitarbeiter unserer Zeitung, schildert dies in der soeben erschienenen «Geschichte des Kantons Schwyz». 1937 führte die Migros den sogenannten Girodienst ein: «Dorflädeli» konnten ihr Sortiment mit günstigen Migros-Artikeln erweitern, ohne damit ihre Selbstständigkeit aufzugeben. 1938 bestanden im Kanton bereits fünf Giro-Läden. Gegen sie begannen die «Dorflädeler», über den kantonalen Gewerbeverband erfolgreich zu opponieren. Der Regierungsrat verbot die Girodienste, wurde aber 1940 vom Bundesrat zurückgepfiffen.

Abseits des Dorfes

In den Fünfzigerjahren tauchte der Verkaufswagen, eine neue Verkaufsform der Migros, auch im Kanton Schwyz auf. Jetzt entbrannte die Migros-Debatte im Kanton wieder. Der Gewerbeverband forderte erneut Abwehrmassnahmen. Und die Behörden verwehrten der Migros auf öffentlichem Grund und Boden Haltestellen. Doch Private sprangen in die Bresche. So kamen die Schwyzer Hausfrauen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren auch an abgelegenen Orten zur günstigen Einkaufsmöglichkeit. Der Autor dieses Artikels erinnert sich, wie ein Migros-Wagen noch bis in die Siebzigerjahre im Sattler Hageggli regelmässig seine Türen öffnete – weit abseits des Dorfes und der dortigen Läden.

«Chronische Polemik»

Laut Kälin machten die Migros-Wagen im Kanton eher bescheidene Umsätze. 1965 waren es in Goldau 19 380 Franken, in Ibach 20 160 Franken. Demgegenüber berichtete der Detaillistenverein Schwyz 1959 von einem Umsatz seiner Läden von knapp 12 Millionen Franken. «Trotzdem liess der Gewerbeverein die gleiche Krisenrhetorik erschallen wie 20 Jahre zuvor beim Girodienst. Er stellte den Mittelstand als Opfer der Discountpreise dar, machte Druck auf die Politik und entfachte im kantonalen Gewerbeblatt eine chronische Polemik gegen die Migros», schreibt Kälin. Er zitiert den Detaillistenverein Innerschwyz, der in den Sechzigerjahren schrieb: «Die grossen Umsätze der Migros-Wagen beweisen, dass es an Disziplin und Zusammenhalt bei uns fehlt.»

In der Gemeinde Schwyz gelang es in den Sechzigerjahren, zwei Projekte für Migros-Läden vorzeitig abzublocken. Zur gleichen Zeit entwickelte der Geschäftsmann Reinhold Camenzind aus Brunnen die Idee für ein erstes Shoppingcenter in Ibach. Unterstützt wurde er von Paul Tschümperlin, Besitzer der Tschümperlin Schuhe AG. Ihre Idee stiess auf Skepsis. «Die lokalen Banken stellten kein Investitionskapital zur Verfügung», schreibt Kälin. «Also sprang die Migros-Bank in die Bresche.» Und als Camenzinds Mythen-Center am 16. März 1972 seine Tore öffnete, belegte ein Migros-Supermarkt einen schönen Teil der damaligen Verkaufsfläche.

«Die verhasste Migros»

Anfänglich betrachtete man es bei den Schwyzer Detaillisten noch als Erfolg, dass sich «die verhasste Migros», so Kälin, in Ibach, damals noch fern vom Dorfkern, installieren musste. Aber schon im ersten Jahr erzielten die zwölf Geschäfte im Mythen-Center einen Umsatz von 36,5 Millionen Franken. Die Frequenzen stiegen stetig, 1978 lag der Umsatz schon bei 60 Millionen Franken. 1980 wurde das Ibächler Einkaufszentrum erstmals vergrössert, 1999 ein zweites Mal. «2002 wurde erstmals die Marke von 200 Millionen Franken Umsatz geknackt», berichtet Kälin. Für 2011 geben die Geschäfte im Mythen-Center 190,5 Millionen Franken Umsatz an.

Tambouren und Rote Schwyzer

Gegen die beiden Center-Erweiterungen in Ibach wurde erbittert opponiert. Die Detaillisten, der Gewerbeverband und «Pro Schwyz» veranstalteten einen Demonstrationszug samt Tambouren und Roten Schwyzern vor das Regierungsgebäude. Die Opponenten fanden offene Ohren, Regierungsrat und Kantonsrat schufen ein «Mythen-Center-Verhinderungsgesetz», wie es Kälin bezeichnet. Das Gesetz fiel allerdings in einer Abstimmung am 12. Juni 1977 beim Volk durch. Auch gegen den zweiten Ausbau wurde mit einer Unterschriftensammlung vor dem Regierungsgebäude opponiert. Dazu allerdings hält Kari Kälin fest: «Bei der zweiten Erweiterung spielte der gewerblich-politische Widerstand keine Rolle mehr. Umweltpolitische Anliegen standen im Zentrum der Debatte.»«Also sprang die Migros-Bank in die Bresche.»

Bert Schnüriger / Neue SZ