Interview

Der Pilot, der den Vierwaldstättersee touchierte, ist auch Erfinder des orangen Handy-Ballons – und erzeugt damit ganz schön Lärm

Stefan Wälchli (48) aus Riken setzt seine Ballons gerne mal kontrolliert aufs Wasser. Aufmerksamkeit ist ihm aber auch sonst garantiert.

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Hatten Ballonfahrer während des Lockdowns einen Höhenflug; oder spricht man in eurer Szene von Auffahrt?

Stefan Wälchli: Als der Bundesrat sagte: «Bleibt zu Hause», blieben wir zu Hause. Nach der Lockerung gab es aber tatsächlich mehr Buchungen für Ballonfahrten – und nicht Höhenflüge.

Warum erst dann? Fernab in der Luft ist man doch sicher?

Weiterhin zu fahren, wäre ein schlechtes Zeichen gewesen. Meine Ballons sind auch Werbeflächen. Gegenüber den Sponsoren trage ich ebenfalls eine Verantwortung.

Ballons? Der gelb-blaue AEK Onyx-Ballon, mit dem Sie am 22. August im Luzerner Seebecken über das Wasser glitten, ist nicht ihr einziger?

Inzwischen besitze ich sechs. Den Handy-Ballon haben Sie vielleicht schon gesehen.

Die orangefarbene Flasche Geschirrspülmittel? Den kennen viele. Wer kommt bloss auf eine solche Idee?

Stefan Wälchli fährt einen Ballon in Form einer Spülmittelflasche der Marke «Handy».

Stefan Wälchli fährt einen Ballon in Form einer Spülmittelflasche der Marke «Handy».

Bild: Stefan Kaiser, Steinhausen 02. September 2020

Die stammt von mir. Ich arbeite in dieser Branche, bei «Mibelle». Die Werbeabteilung verfügte noch über Budget und suchte zündende Ideen. So schlug ich vor, einen Ballon in Form dieser Flasche herstellen zu lassen. Ich wusste, dass wir damit Lärm erzeugen, und deponierte den richtigen Vorschlag bei der richtigen Person.

Apropos. War die Einlage auf dem Vierwaldstättersee ein Werbegag, um auf sich aufmerksam zu machen?

Gar nicht. Wenn die Verhältnisse passen, mache ich gelegentlich einen «Splash and Dash». An dem Tag waren die Bedingungen optimal, ich konnte auf der Wasseroberfläche gleiten. Das ist eine Herausforderung, man muss mit dem Gas spielen, denn wenn der Korb aufsetzt, will die Komposition sofort aufsteigen, weil sie entlastet wird.

Auf Facebook kommentierten diese Aktion viele Leute. Einige fanden, das gehöre dazu. Andere meinten, Sie seien verantwortungslos, weil Sie Passagiere an Bord hatten. Jemand glaubte, Sie hätten Probleme gehabt.

Im Seebecken war mein Team an Bord. Eine solche Fahrt kann man bei mir nicht buchen. Ich allein entscheide, wann ich dies verantworten kann. Ich gehe nie ein Risiko ein.

Der Aufsetzer des Ballons im Vierwaldstättersee sorgte für Gesprächsstoff.

Der Aufsetzer des Ballons im Vierwaldstättersee sorgte für Gesprächsstoff.

Bild: Simon Zollinger, Luzern, 22. August 2020

Es gibt Unfälle mit Ballons, wenn auch selten. Was sind mögliche Ursachen?

Technische Gründe gibt es praktisch keine. Der Fehler liegt meist beim Menschen. Wenn ich gebucht werde, das Wetter plötzlich umschlägt, starte ich nicht. Ich lasse mich auch im Zweifel nie umstimmen. Das kann ich mir erlauben, weil ich Ballonfahren als Hobby betreibe, also keine Familie ernähren muss, wie etwa Berufspiloten.

Flugverkehr fand im ersten Halbjahr kaum statt. Hatten Ballonpiloten deshalb Narrenfreiheit, weil der Luftraum mit kaum jemandem geteilt werden musste?

Nein, eine Luftraumverletzung kommt zur Anzeige. Aber es gab tatsächlich die Möglichkeit, in dieser Zeit eine Bewilligung zu bekommen, um zum Beispiel über die Stadt Zürich zu fahren, das ist sonst undenkbar. Ich hatte das Bedürfnis jedoch nicht.

Welche Konsequenzen hat es für einen Ballonpiloten, wenn er in einen kontrollierten Luftraum einfährt?

Wenn ich unangemeldet bin, gibt es ganz sicher eine Busse. Im schlimmsten Fall wird mir die Bewilligung zum Ballonfahren entzogen.

Interessant scheint mir die Landung zu sein. Das Aufsetzen können Sie gut kontrollieren, wie aber bestimmen Sie den Landeort?

Den definiere ich grob. Ich stelle mir einen Fächer in einer Zone von 20 bis 30 Kilometer vor. Dann rechne ich zurück und bestimme den Startplatz. Wenn ich in Langenthal aufsteige, liegt mein Ziel irgendwo zwischen Hallwilersee und Zugersee. Ich will weit weg von Orten wie dem Flughafen Zürich oder generell Regionen mit schlechten Landemöglichkeiten aufsetzen.

Das bedeutet, dass Sie erst während der Fahrt wissen, wo Sie landen?

Eine Ballonfahrt ist eine Reise von A nach B. Wobei B immer unbekannt ist. Bis zwei Minuten vor der Landung weiss ich nicht exakt, wo ich aufsetze.

Vielleicht in einem Maisfeld?

Das kann man fast immer vermeiden. Wenn nicht, ist es Ehrensache, den Bauern zu kontaktieren und ihn zu entschädigen. Ich suche grosse Landeflächen aus, meistens in der Landwirtschaft. Das Schönste ist, wenn sich der Bauer über unsere Ankunft freut. Dann stossen die Passagiere und ich mit ihm auf die gelungene Fahrt und seine Gastfreundschaft an. Falls er sich nicht freut, macht man das Beste aus der Situation. Ballonpiloten können sich ja nicht telefonisch anmelden.

Was ist Ihre grösste Sorge; Wind in grosser Höhe?

Dümmer ist, wenn bei Windstille über einem Wald das Gas knapp wird. Ich musste zum Glück noch nie im Wald landen.

In welcher Höhe fühlen Sie sich am wohlsten?

Die häufigste Frage ist: «Wie hoch». Der Reiz beim Ballonfahren liegt aber darin, möglichst tief zu bleiben, damit man die Landschaft geniessen kann.

Haben Sie eigentlich noch weitere exotische Ballons?

Bald. Es gibt ein Projekt zum 50. Geburtstag. Es heisst «Kuhl».

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