Die Angst vor einer Corona-Ansteckung im Spital war unbegründet

Eine Umfrage unserer Zeitung bei Zentralschweizer Spitälern macht es deutlich: Die Coronaschutzmassnahmen in Spitälern haben funktioniert.

Evelyne Fischer
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«Sie müssen keine Angst vor einer Ansteckung haben, die Gefahr ist gering.» Vor rund zwei Monaten riefen die Ärztegesellschaft des Kantons Luzern sowie die Luzerner Spitäler die Bevölkerung dazu auf, trotz Coronapandemie dringliche medizinische Leistungen nicht hinauszuzögern. Längst aber ist bekannt: Bei vielen vermochte ein solcher Appell nichts auszurichten. Spitäler und Praxen mussten teils gar Kurzarbeit anmelden.

Auf Anfrage unserer Zeitung geben Spitäler und Kliniken aus der Zentralschweiz nun erstmals bekannt, wie wenige ihrer Angestellten sich per Ende Mai mit dem Coronavirus infiziert haben.

So sieht die Infektionsrate unter den Spitalangestellten aus

Bei der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern waren 0,5 Prozent aller Angestellten betroffen, wie Lukas Hadorn, Leiter der Klinikkommunikation, sagt: «Von unseren 1321 Mitarbeitenden an den Standorten Klinik, Bahnhof und Meggen haben sich 6 Personen infiziert.» Und er fügt an: «Bei uns in der Klinik haben sich weder Patienten noch Mitarbeitende mit dem Coronavirus angesteckt.» Das gleiche Bild zeigt sich in Uri: Von den 600 Angestellten des dortigen Kantonsspitals wurden deren drei positiv auf Corona getestet. «Diese Personen haben sich nicht durch Patienten angesteckt», sagt Spitaldirektor Fortunat von Planta.

Positiv getestete Spitalangestellte in der Zentralschweiz

Stand 31. Mai 2020
Anzahl Angestellte Positiv auf Corona getestet
Hirslanden Klinik St. Anna Luzern 1321 6
Zuger Kantonsspital 1000 12
Spital Schwyz 626 5
Kantonsspital Uri 600 3
Kantonsspital Obwalden 489 1

Keinen vollständigen Einblick in die Statistik gewährt das Luzerner Kantonsspital (Luks) mit über 7200 Angestellten. Auf Anfrage heisst es: Trotz einer sehr hohen Testquote sei die Infektionsrate bei den Mitarbeitenden sehr tief – auch im Vergleich zu anderen Spitälern. Sprecher Markus von Rotz sagt: «Über das gesamte Spital lag die Infektionsrate unter einem Prozent.» Man gehe davon aus, dass sich die Mehrheit «im privaten Umfeld» angesteckt habe. Näher äussert sich das Luks nicht zu den Coronafällen.

Mittels Abstrich wird getestet, ob eine Person an Corona erkrankt ist.

Mittels Abstrich wird getestet, ob eine Person an Corona erkrankt ist.

Symbolbild: Denis Balibouse/Keystone

Auch Anja Harsch, Leiterin Qualitätsmanagement beim Kantonsspital Nidwalden, sagt: «Über allfällige Tests, Infizierungen oder Erkrankungen unserer Mitarbeitenden geben wir keine Auskunft.»

Das sind die Gründe für die wenigen Erkrankungen

Lukas Hadorn von der Hirslanden Klinik St. Anna führt die tiefe Krankheitsrate auf die «tolle Arbeit» der Spezialistinnen und Spezialisten aus Infektiologie und Spitalhygiene zurück. «Sie hatten bereits früh ein detailliertes Schutzkonzept ausgearbeitet und deren konsequente Anwendung sichergestellt.» Darüber hinaus würden die Zahlen aber ebenso zeigen: Patienten und Besucher haben sich an die Hygienevorschriften gehalten.

Dem pflichtet Markus von Rotz, Sprecher des Luks, bei und ergänzt: Eine wichtige Rolle habe auch das Schutzmaterial gespielt, das stets zur Verfügung gestanden sei, «auch wenn einzelne Artikel rationiert werden mussten». Das Schutzkonzept, das unter anderem eine Maskentragpflicht sowie die konsequente Trennung von Covid-19- und Nicht-Covid-19-Patienten vorsah, habe sich bewährt.

Nur gerade eine Erkrankung unter den Mitarbeitenden gab es am Kantonsspital Obwalden. Wie die dortige Direktionsassistentin Priska Schmid ausführt, habe insbesondere der zeitliche Vorsprung eine gute Vorbereitung ermöglicht: «Angesichts der Lage in China und Italien war früh klar, dass es sich bei Sars-CoV-2 um ein gefährliches Virus handelt.» Ebenso seien früh «alle relevanten Player in Obwalden unter Leitung des Kantonalen Krisenstabs involviert» worden, sodass sich das Virus bis auf einzelne Fälle nicht ausbreiten konnte. «Diese niedrigen Patientenzahlen haben natürlich auch das Personal geschützt.»

So muss die Kommunikation bei einer zweiten Welle erfolgen

Damit aus Angst vor einer Ansteckung niemand das Spital meidet, gelte es eine Botschaft, immer und immer wieder zu repetieren, sagt Priska Schmid: «Die Schweizer Spitäler hatten Kapazitäten, sich um alle Beschwerden zu kümmern, und werden sie auch bei einer zweiten Welle haben.» Ins gleiche Horn stösst Rudolf Hauri, Kantonsarzt von Zug: «Die Behandlungen wurden während der vergangenen Welle eingeschränkt, um genügend Kapazitäten für schwer Coronakranke zu schaffen, und nicht, weil eine Ansteckungsgefahr für andere Patientinnen und Patienten bestand. Man darf der Bevölkerung mit gutem Gewissen raten, angezeigte Behandlungen im Spital zeitgerecht und ohne Angst vornehmen zu lassen.»

Beim Luks geht man davon aus, dass die Bevölkerung für die Thematik sensibilisiert werden konnte, sagt Markus von Rotz. «Die transparente Information über die Schutzmassnahmen hat aufgezeigt, dass ein Spital ein sehr sicherer Ort ist. Diese würde bei einer allfälligen zweiten Welle fortgesetzt und falls nötig unter Einbezug der neusten Zahlen intensiviert.» Man dürfe bei der Kommunikation nicht nachlassen, sagt Lukas Hadorn vom St. Anna: «Wir versuchen aufzuzeigen, dass der professionelle Umgang mit ansteckenden Krankheitserregern für uns im Spital zum Alltag gehört – und immer schon gehört hat. Gleichzeitig ist es wichtig, der Bevölkerung klarzumachen, dass es gravierende Folgen haben kann, einen Arzt- oder Spitalbesuch hinauszuzögern.»

Das Luzerner Gesundheitsdepartement wird diesen Aspekt im Auge behalten. Kantonsarzt Roger Harstall: «Nötigenfalls würde bei einer weiteren Erkrankungswelle auf weitere Kommunikationsmassnahmen gesetzt, damit die Bevölkerung rechtzeitig den Hausarzt oder ein Spital aufsucht.»

Diese drei Kantone scheinen coronafrei zu sein

In allen sechs Zentralschweizer Kantonen sind die Fallzahlen im letzten Monat nur noch gering angestiegen. Folgende Grafiken illustrieren den Verlauf der Erkrankungswelle in Luzern und Zug:

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Luzern meldete am Sonntag gemäss Zahlen des BAG eine neue Erkrankung. Coronafrei – gemäss den gemeldeten Fällen vom Freitag – scheinen derzeit die Kantone Uri, Ob- und Nidwalden zu sein. In Uri wurden die letzten positiven Fälle am 15. Mai verzeichnet.

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Obwalden vermeldete zuletzt am 20. Mai zwei neue Coronainfizierte. Und auch aus Nidwalden gibt es gute Neuigkeiten: Letztmals wurde am 30. Mai ein positiver Fall festgehalten. Peter Gürber, der dortige Kantonsarzt, sagt auf Anfrage:

«Im Kanton Nidwalden gibt es zurzeit keine isolierten Patienten und keine Personen in Quarantäne.»

Allerdings gilt es, diese Befunde mit Blick auf die Bevölkerungszahlen zu relativieren. So sagt Patrick Csomor, Leiter des Obwaldner Gesundheitsamts: «Als kleiner Kanton mit wenigen Ballungszentren hat Obwalden eine andere Ausgangslage als etwa Luzern. Als coronafrei würde ich uns deshalb nicht bezeichnen. Wir haben einfach im Moment keine Fälle.»

Coronatests: Kantonale Zahlen sind schwierig zu ermitteln

Schweizweit wurden gemäss dem Bundesamt für Gesundheit bislang über 440 000 Coronatests gemacht. Davon fielen 8 Prozent positiv aus. Zentralschweizer Zahlen zu erhalten, stellte sich als schwierige Angelegenheit heraus: Laut Roger Harstall, Kantonsarzt von Luzern, müssen Labore den Kantonen seit dem 11. Mai 2020 die negativen Testresultate mitteilen. «Bis Ende Mai wurden der Dienststelle Gesundheit und Sport 1725 negative Befunde von Personen aus dem Kanton Luzern gemeldet.» Eine Aufschlüsselung nach Spitälern lasse sich aus dem Meldesystem des Bundes nicht ziehen. Denn in sehr vielen Fällen sei der anmeldende Arzt auf der Meldung aufgeführt, nicht aber die Institution.

Wichtig zu wissen ist auch: Die Abstriche werden von zahlreichen Akteuren vorgenommen – involviert sind unter anderem Hausärzte, Spitexangestellte, Drive-ins und Spitäler. Kantonsarzt Rudolf Hauri schätzt, dass im Kanton Zug insgesamt «deutlich» über 2000 Tests vorgenommen worden sind. Davon wurden gut 1000 am Kantonsspital durchgeführt. In Uri wiederum wurden bis Ende Mai knapp 300 Tests am Kantonsspital plus gut 400 durch die Spitex durchgeführt. Auch das Kantonsspital Obwalden nahm im gleichen Zeitraum rund 300 Tests vor. Deren 600 waren es am Spital Schwyz.

In Obwalden gebe es derzeit weniger Ansteckungsrisiken. «Aber durch einen relativ grossen Pendleranteil und der allgemeinen Mobilität der Bevölkerung müssen wir weiterhin mit eingeschleppten Infektionsherden rechnen», sagt Csomor.

«Wenn beispielsweise in den Sommerferien in Obwalden Lager stattfinden, kann sich die Situation schnell ändern.»

Die Gefahr sei umso grösser, je mehr Infizierte in den Nachbarkantonen verzeichnet werden. «Die Erkenntnisse aus den letzten Fällen zeigen deutliche Hinweise auf diese Zusammenhänge.»

Dass man sich schnell in falscher Sicherheit wähnen kann, zeigt das Beispiel Schwyz. Am Donnerstag meldete der Kanton wieder einen Fall, der Letzte wurde Mitte Mai verzeichnet.

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