Die Kantone rollen ihre Geschichte auf

Das Geschichtsbuch über den Kanton Schwyz ist ein Erfolg. Auch die anderen Zentralschweizer Kantone erforschen nun ihre Vergangenheit – oder wollen es noch tun.

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Die 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft wurde am 1./2. August 1891 in Schwyz als grosses nationales Fest abgehalten (Bild oben). Das Bild unten von zwölf Schwyzer Polizisten 1932 in Willerzell ist eines von vielen interessanten Zeitzeugnissen aus dem Buch «Die Geschichte des Kantons Schwyz». (Bild: PD)

Die 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft wurde am 1./2. August 1891 in Schwyz als grosses nationales Fest abgehalten (Bild oben). Das Bild unten von zwölf Schwyzer Polizisten 1932 in Willerzell ist eines von vielen interessanten Zeitzeugnissen aus dem Buch «Die Geschichte des Kantons Schwyz». (Bild: PD)

Wer sind wir, woher kommen wir, und was bringt die Zukunft? Wenn sich die Schweiz morgen ihrer Wurzeln besinnt, haben Fragen solcher Art Hochkonjunktur – und so manch ein 1.-August-Redner wird sich bemühen, die passende Antwort in der Geschichte zu finden.

Wer sind wir, woher kommen wir, und wohin steuern wir? Diese Thematik lässt sich auch auf die Kantone herunterbrechen – was in der Zentralschweiz derzeit rege getan wird. Fast alle Kantone sind im Moment mit historischen Projekten beschäftigt – oder werden es bald sein.

«Wunderbare Leistung»

Bereits ein Jahrhundertwerk vorgelegt hat der Kanton Schwyz. 2086 Seiten, sieben Bände, von der Urgeschichte bis heute: Seit Ende Juni liegt «Die Geschichte des Kantons Schwyz» vor. Das reich bebilderte Werk, erschienen im Chronos-Verlag, an dem 48 Autoren während sieben Jahren arbeiteten, stösst auf ein erstaunliches Echo. 3100 Exemplare haben bereits den Weg in ein Büchergestell oder eine Bibliothek gefunden, 2000 davon wurden im «freien Markt» verkauft. «Das ist eine wunderbare Leistung für ein Sachbuch», freut sich Chronos-Geschäftsführer Hans-Rudolf Wiedmer. Zum Vergleich: Bei Romanen, so Wiedmer, spreche man ab 5000 Exemplaren von einem Bestseller.

Angelo Garovi, ehemaliger Obwaldner Staatsarchivar, ist Verfasser und Herausgeber der gut 250 Seiten starken Obwaldner Geschichte. Historikerin Kristina Streun hat wichtige Kapitel zur Frauengeschichte beigesteuert. Garovi überrascht das starke Interesse an der Schwyzer Geschichte nicht. Seine historische Darstellung über den Kanton Obwalden ist vergriffen und wurde rund 4000 Mal verkauft. «Die Obwaldner zeigen grosses Interesse an ihrer Vergangenheit. Ein Mann sagte mir, er habe mein Buch schon dreimal gelesen.» Für Garovi ist klar: Geschichte stiftet Identität. Wir fühlen uns dank Bezügen zur Vergangenheit als Schweizer und eben auch als Schwyzer oder Obwaldner.
Markus Furrer, Professor für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz, bestätigt Garovis Befund: «Ohne die historische Dimension gibt es keine Möglichkeit, eine gemeinsame Identität zu konstruieren», sagt er.

Nidwalden und Luzern an der Arbeit

19 Autorinnen und Autoren durchleuchten derzeit die Vergangenheit des Kantons Nidwalden. Bis Ende 2014 soll auf 400 Druckseiten und in fünf Bänden ein Werk entstehen, das die Geschichte des Kantons von der Urzeit bis heute nachzeichnet. Der designierte Verleger ist der Historische Verein des Kantons Nidwalden, geleitet wird das Projekt von Peter Steiner.

Bereits im Herbst 2013 soll die Luzerner Kantonsgeschichte des 20. Jahrhunderts erscheinen. Mehrere Autoren werden in zwei rund 280-seitigen Bänden die jüngere Vergangenheit aufrollen. Projektleiterin Katja Hürlimann stellt ein «gut lesbares Werk» in Aussicht.

Noch in den Kinderschuhen steckt das Projekt Kantonsgeschichte in Zug und Uri. In Zug will eine Arbeitsgruppe, bestehend aus dem Staats- und Stadtarchiv Zug und dem Historischen Verein, bis Ende August eine Machbarkeitsstudie vorlegen, wie Thomas Glauser vom Stadtarchiv Zug sagt. Danach will die Arbeitsgruppe einen Antrag an den Regierungs- und den Stadtrat formulieren. Der Kanton Zug hat gerade im 20. Jahrhundert eine rasante Entwicklung mit der starken Zuwanderung von vermögenden Personen durchgemacht.

Im letzten Jahr hat der Urner Regierungsrat eine Projektstudie in Auftrag gegeben, die in den nächsten Wochen vorliegen soll. Dann werde der Regierungsrat das weitere Vorgehen bestimmen, sagt Staatsarchivar Rolf Aebersold.

«Gemeinsames Bewusstsein»

Weshalb wollen nun alle Zentralschweizer Kantone ihre Geschichte aufrollen? Iwan Rickenbacher, Politbeobachter und früherer CVP-Generalsekretär, hat für die Schwyzer Geschichte selber ein Kapitel über die «eigenwilligen und traditionsbewussten» Schwyzer verfasst. Rickenbacher stellt fest, dass heute viele Kantone weder wirtschaftliche noch geografische Gegebenheiten repräsentieren. «Was sie verbindet, ist oft die gemeinsame Geschichte oder Errungenschaften, wie etwa die Steuerbelastung oder Infrastrukturleistungen im Vergleich zu Nachbarkantonen.» Mit der hohen Mobilität in einigen Regionen des Landes gehe das gemeinsame Bewusstsein, das als Folge einer gemeinsamen Erinnerungskultur entstehe, in Teilen verloren. «Eine Kantonsgeschichte kann beitragen, das gemeinsame Bewusstsein zu stärken.» Dies sei umso bedeutsamer, als reputierte Institutionen wie Avenir Suisse und andere die Idee von Metropolitanregionen anstelle von Kantonen lancieren.

Kari Kälin

 

«Gemeinsame Identität»

Markus Furrer, die Zentralschweizer Kantone erforschen eifrig ihre Vergangenheit. Muss Geschichte auch unterhaltsam sein, damit die Bücher überhaupt gelesen werden?

Markus Furrer*: Die Geschichte dient nicht primär der Unterhaltung. Aber eine Kantonsgeschichte soll spannende, gut lesbare Lektüre bieten. Man muss historische Fragen auf interessante Weise aufrollen. Die Werke richten sich an die breite Bevölkerung, müssen aber auch vom Fachpublikum goutiert werden. Ich erwarte, dass keine verstaubten Werke entstehen, sondern wesentliche historische Entwicklungen auf attraktive Weise vermittelt werden.

Ist eine Kantonsgeschichte nötig zur Konstruktion von regionaler Identität? Steigt das Bedürfnis, sich auf seine eigenen Wurzeln zurückzubesinnen, in der globalisierten Welt?

Furrer: Viele Wissenschaftler sehen das heute so. Ich teile diese Einschätzung. Die Rückbesinnung auf eine kleinere Ebene hängt auch damit zusammen, dass die Menschen den Staat oft als schwach erfahren. Auf globale Entwicklungen, zum Beispiel in der Wirtschaft, kann er kaum Einfluss nehmen.

Wie wichtig ist Geschichte generell für das oft zitierte «Wir-Gefühl»?

Furrer: Ohne die historische Dimension gibt es keine Möglichkeit, eine gemeinsame Identität zu konstruieren. Ich mache ein Beispiel. Es gibt eine persönliche und eine Wir-Identität. Wenn eine Person ihr Gedächtnis verliert, ist sie niemand. Bei staatlichen Gebilden ist das ähnlich. Ohne kollektive Identität existieren sie nicht. Bei der Bildung der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert erlebte die Konstruktion von gemeinsamen Identitäten einen Aufschwung. Mittels der konstruierten Geschichte wurde entschieden, wer zu einem Nationalstaat gehört und wer nicht.

Die Geschichte kann auch dazu missbraucht werden, zum Beispiel Ausländer, die neu in ein Land einwandern, auszugrenzen ...

Furrer: Ja. An der Schule höre ich oft Schweizer Jugendliche, die Stereotypen wie «Schweizer kann man werden, Eidgenosse aber nicht» kultivieren. Wenn man keine Geschichte lehrt, halten sich solche Vorstellungen hartnäckig. Hier muss deren Konstruktion aufgedeckt werden: Ein Neuenburger oder ein Genfer hat zum Beispiel nichts mit den auf dem Rütli angeblich schwörenden Eidgenossen gemein, auf die sich die Jugendlichen beziehen. Wir müssen aber auch aufzeigen, dass Geschichte einen integrierenden Charakter hat, dass sich die Gesellschaften stets wandelten und Migration schon früher eine Rolle spielte.

Wozu braucht es überhaupt eine Kantonsgeschichte?

Furrer: Die Schweiz vereinigt mir ihrer kleinräumigen Struktur und den Kantonen eine Vielfalt von «Staatswesen». Wenn wir nur eine nationale Geschichte schreiben würden, bekämen wir die Zeit vor der Gründung des Bundesstaates 1848 oder vor der helvetischen Republik 1798 gar nicht in den Griff. Man kann schon die Geschichte der Tagsatzung beschreiben. Aber der Alltag der Menschen, ihre Lebenswelten würden ausgeblendet. Die Stände haben sich unterschiedlich entwickelt. Wenn wir wissen wollen, wie der Alltag eines Schwyzer, Berners, Neuenburgers oder Luzerners im Mittelalter aussah, müssen wir uns auf kleinräumige Strukturen konzentrieren. Dabei treten auch Unterschiede zu Tage.

* Markus Furrer (54) ist Professor für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz in Luzern.