Die Konkurrenz der Festivals

Jetzt hat sie wieder begonnen, die Saison der Open-Air-Veranstaltungen. Dabei hat das Publikum viel Auswahl. Wir zeigen im Überblick das Wichtigste. Die grosse Konkurrenz ist vor allem für die Organisatoren eine Herausforderung. Wir erzählen aber auch, was Stars und Besucher schon Besonderes erlebt haben.

Roman Schenkel
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Für viele Musikfans das Grösste im Sommer: Musik unter freiem Himmel. Hier am Heitere-Open-Air 2012 auf dem Zofinger Hausberg. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Für viele Musikfans das Grösste im Sommer: Musik unter freiem Himmel. Hier am Heitere-Open-Air 2012 auf dem Zofinger Hausberg. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Man müsste sich schon vierteilen lassen, um an sämtlichen Festivals der Schweiz dabei zu sein. Über 300 Open Airs, Festivals und Konzerte finden zwischen Juni und August statt. Die hiesige Festivallandschaft ist ein unübersichtliches Nebeneinander von grossen, etablierten Open Airs und bunten Kleinfestivals. Einen vollständigen Überblick zu liefern, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Und das sind nur die Konzerte. Hinzu kommen die vielen Musicals, Freilichtspiele und Filmvorführungen, die draussen stattfinden. Ganz nach dem Motto: Alles ist Open Air! Selbst im Klassikbereich sind Konzerte unter freiem Himmel am Kommen. Um eine Verdi-Oper draussen zu geniessen, muss man nicht mehr nach Verona fahren: «Aida», «Nabucco» oder «Attila» sind viel näher zu haben – etwa in Pfäffikon, St. Gallen oder in Avenches.

Die Gagen steigen und steigen

Fürs Publikum ist das breite Angebot wunderbar, für die Festival-Organisatoren jedoch die ultimative Herausforderung. Neben dem unkalkulierbaren Risiko Wetter müssen sie sich in einem gesättigten Markt behaupten. Die Konkurrenz unter den Veranstaltungen ist dementsprechend gross.

«Es herrscht die totale Übernachfrage nach attraktiven Bands», sagt Blue-Balls-Direktor Urs Leierer. Klar, was passiert, wenn ein Produkt begehrt ist: «Die Preise für die Künstler steigen und steigen», bedauert Leierer, der mitten in den Vorbereitungen für das kommende Festival am Luzernersee (19. 7. bis 27. 7.) steckt. Man bezahle nicht mehr den Marktwert einer Band, sondern zwei- bis dreimal so viel.

«Die hohe Dichte an Open Airs ist schon erstaunlich», sagt auch Christoph Bill. Seit 2001 leitet er das Heitere-Open- Air in Zofingen. Anders als das Blue Balls setzt das Heitere eindeutig auf ein junges Publikum. Musik, Campieren und Party ist das Motto vom 9. bis 11. August auf dem Zofinger Hausberg. «Schon vor fünf Jahren hat man gesagt, dass es zu viele Festivals gibt», sagt er. «Doch nach wie vor schiessen neue Open Airs und Festivals wie Pilze aus dem Boden.»

Stars sind schwierig zu kriegen

Auch für das Heitere sei es zuletzt schwieriger geworden, Bands und Musiker zu verpflichten. «Die ganz grossen Namen können wir uns heute kaum mehr leisten, wir müssen ganz genau schauen, wofür wir unser Budget verwenden», erklärt Bill. Das Heitere setzt deshalb auf einige musikalische Highlights, garniert mit guten nationalen Farbtupfern. Verantwortlich für die hohen Preise im Musikbusiness sind laut Urs Leierer die klassischen Open-Air-Festivals und ihre grosse Anzahl. «Das treibt die Preise so stark nach oben», sagt der Blue-Balls-Kopf.

Mit ihrem Geschäftsmodell – möglichst viel Musik binnen dreier Tage zu einem möglichst guten Preis an ein möglichst grosses Publikum zu bringen – sind die grossen Festivals sehr erfolgreich. Ihre Mammutspektakel erschwerten den kleineren Festivals und solchen, die wie das Blue Balls einzelne Konzerte verkaufen, aber das Leben. «Im Vergleich zu den Grossisten ist das Blue Balls ein Feinschmeckerladen», sagt Leierer.

Osteuropa buhlt mit

Verschärfend kommt hinzu, dass sich der Markt der Festivals grundsätzlich verändert hat. Vor 20 Jahren bestand der europäische Markt aus Westeuropa. Heute buhlen sich die Veranstalter von Nürnberg bis Budapest, von Moskau bis nach Belgrad um die Stars. «Und das alles innerhalb von zwölf Wochen», sagt Leierer.

Und nur wer zugkräftige Bands anbieten kann, der kann auch die Kosten wieder hereinspielen. Die Festivals lassen die Musiker oft auch Exklusivitätsklauseln unterschreiben: Wer vor zigtausend auftreten will, der muss garantieren, dass er nicht bei anderen Festivals auftreten wird oder dass vor seinem Auftritt an besagtem Open Air keine Werbung mit seinem Namen gemacht werden darf.

In diesem Wettbewerb kann das Blue Balls, bedingt durch die kleineren Kapazitäten im KKL-Konzertsaal, nicht mithalten. «Im Kampf um einen bekannten, verkaufsstarken Künstler sind wir oft am Limit», erklärt Leierer. Dann zähle die Dicke des Portemonnaies: «Wer mehr bezahlt, gewinnt meistens», sagt Leierer und gibt zu, dass er wegen der Programmierung des Blue Balls regelmässig schlaflose Nächte hat. Mit persönlichen Kontakten zu den Musikern könne man nur sehr wenig erreichen. «Entscheidend ist das Management», sagt Leierer.

Ein weiterer Grund für die Preis­treiberei ist, dass die Musiker mit dem Niedergang der Plattenindustrie ihre wichtigste Einnahmequelle verloren haben. Noch vor 15 Jahren war es üblich, dass die Plattenfirmen die Tourneen subventionieren – als Werbung für das kommende Album sozusagen. Heute ist es umgekehrt: Mit dem Album machen die Bands auf ihre Tournee aufmerksam. Was sie bei ihren Konzerten einspielen, ist ihre grösste Einnahmequelle. «Live ist live. Das kann man nicht ersetzen», sagt Leierer.

Dass es das Blue Balls seit über 20 Jahren gibt, liege vor allem an den vielen freiwilligen Helfern, die jährlich über 15 000 Arbeitsstunden leisteten, so Leierer. «Hinzu kommen die Sponsorengelder in Millionenhöhe», betont er. Damit könne sich das Blue Balls im Open-Air-Sommer die einzelnen Konzerte im KKL überhaupt leisten. «Und wir setzen nicht nur auf gestandene Künstler, sondern auch auf Newcomer», betont der Blue-Balls-Direktor.

Die Besucher stellen Ansprüche

Aber nicht nur die Dichte an Musikevents sei eine Konkurrenz, sagt Christoph Bill vom Heitere-Open-Air. Auch die grosse Zahl der übrigen Freiluft- und Sommerveranstaltungen könne die Leute von seinem Anlass weglocken. «Die Portemonnaies werden schliesslich nicht dicker, und Zeit dehnt sich auch nicht aus», sagt Bill. Dass das Publikum dieses Jahr in grossem Masse ausbleiben wird, befürchtet Bill dennoch nicht: «Der Vorverkauf für das Heitere 2013 ist sehr gut angelaufen», sagt er

Dafür werde von den Festivalgästen viel erwartet. Wer über 150 Franken für einen Festivalpass oder über 100 Franken für ein Konzertticket bezahlt, will nicht nur seine Lieblingsband sehen – und zwar in absolut professioneller Ton- und Videoqualität –, er will auch zivilisierte Übernachtungsmöglichkeiten, anständige Sanitäranlagen und ein spannendes Rahmenprogramm. Bill: «Die Besucher wollen es komfortabel – Gelände, Shuttlebus, Infrastruktur, das alles muss top sein.»

Erfolge und Misserfolge

ZENTRALSCHWEIZ rom. Geht es ums Überleben, so haben es kleine Open Airs besonders schwer. Während sich beispielsweise das gestern gestartete B-Sides auf dem Sonnenberg, das alle zwei Jahre stattfindende Funk am See, das Openquer in Zell oder das Lakeside-Festival in Hergiswil erfolgreich behaupten, musste die erste Ausgabe des Ebo-Festivals in Ebikon bereits wieder abgesagt werden. Dem Nachfolger des zuvor eingegangenen Open Airs Ebikon gelang es nicht, genügend Sponsoren aufzutreiben.

In der Innerschweiz Kult war das Open Air Eschenbach, das von 1988 bis 1997 durchgeführt wurde. Nach finanziellen Problemen änderte das Festival den Namen und die Lokalität. Unter Open Air Emmen wurde es im Jahr 2000 einmal durchgeführt. Dann erfolgte erneut eine Namensänderung. Doch auch das Outdoor Rhythm kam nicht aus der Misere. 2002 kamen zu wenige Besucher, und nach grossem Verlust wurde das Festival beerdigt.