Ein Maturand beschäftigt sich mit dem «Luther des Ostens»

Leif Garrelt Sieben aus Greppen hat eine preisgekrönte Maturaarbeit zu westlicher und buddhistischer Philosophie verfasst. Dafür erhält der 17-Jährige den diesjährigen Luzerner Religionspreis der Theologischen Fakultät.

Monika Wegmann
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Hat sich mit Nāgārjunas Hauptwerk beschäftigt: Leif Garrelt Sieben.

Hat sich mit Nāgārjunas Hauptwerk beschäftigt: Leif Garrelt Sieben.



Bild: Matthias Jurt (Zug, 3. Juni 2020)

Überrascht ist Leif Garrelt Sieben schon darüber, was seine Maturaarbeit mit dem Titel «Die Apologie des Nāgārjuna» im Fach Philosophie alles ausgelöst hat. Im Gespräch sagt der 17-jährige Maturand der Kantonsschule Alpenquai in Luzern kurz und bündig: «Vor allem fühle ich mich geehrt.» Die Wertschätzung bedeute ihm viel. Gerade in diesem Jahr sei so etwas wichtig, da sonstige Anlässe eingeschränkt seien.

Er zeigt die schriftliche Fassung seiner Maturaarbeit. Darin stellt er das Hauptwerk des wohl einflussreichsten buddhistischen Philosophen Nāgārjuna – die «Verse über die fundamentale Weisheit des mittleren Weges» – einigen westlichen und buddhistischen philosophischen Positionen aus unterschiedlichen Epochen gegenüber. Dies geschieht in einer fiktiven Verhandlung, die in der Gegenwart spielt.

Für diese Arbeit erhält Leif Sieben den diesjährigen Luzerner Religionspreis der Theologischen Fakultät, der in Zusammenarbeit mit dem Religionswissenschaftlichen Seminar der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern verliehen wird. Die Auszeichnung ist mit 500 Franken dotiert. Laut der Jury hat Leif Garrelt Sieben mit seiner Arbeit eine eigenständige Interpretation von Nāgārjunas Hauptwerk erarbeitet: «Darin werden seine Ziele klar formuliert: die Grenzen des Verstandes aufzeigen und eine skeptische Haltung annehmen, ohne in ein Extrem zu verfallen.» Die Jury lobt den Verfasser, weil es ihm gelinge, «an diesem Beispiel die Annahme der Unvereinbarkeit des sogenannten östlichen mit dem westlichen Denken zu relativieren und zu differenzieren».

Auf die Frage, woher die Idee für die Maturaarbeit stammt, muss Leif Sieben lachen. «Das werde ich oft gefragt. Aber ich habe keine spezielle Beziehung zu Indien oder dem Buddhismus. Es ist Zufall. Beim Lesen eines Werkes des in Australien lebenden Philosophen Graham Priest (72), der sich mit den Themen Widerspruch und Logik befasst, wurde ich auf Nāgārjuna aufmerksam, denn er hat viel über ihn geschrieben.» Zwar wisse man wenig über Nāgārjunas Person, der vermutlich im 2. Jahrhundert gelebt hat. Doch er nehme im Buddhismus eine Sonderstellung ein, da er das traditionelle Weltbild in Frage stellte. Damals habe es zwei grosse Schulen gegeben, welche die Lehren Buddhas verschieden interpretierten. Wie Leif Sieben ausführt, habe Nāgārjuna mit seiner «Lehre des mittleren Weges» die Grenzen unseres Verstandes aufzeigen wollen, wobei er zu einer skeptischen Haltung, eben dem mittleren Weg zwischen den Extremen, rate. Weil der indische Denker innerhalb des Buddhismus eine neue Richtung initiierte, hat Leif Sieben ihn im Sinne eines religiösen Erneuerers als «Luther des Ostens» bezeichnet.

Eine fiktive Verhandlung

Und warum hat er den Vergleich der östlichen philosophischen Positionen mit den westlichen in eine fiktive Verhandlung der Gegenwart verpackt? Leif Sieben hat es damit mit einer Prise Humor verbunden: So werden Nāgārjunas Thesen von drei fiktiven Anklägern bestritten, drei Verteidiger müssen seine Argumente vertreten. Für Leif Sieben ging es auch um die Frage, ob eine nicht-westliche Logik verstanden werden kann, die gewisse Widersprüche akzeptiert. «Hier muss man relativieren, denn es gibt zwischen Ost und West kulturelle Unterschiede. Ich weiss nicht genau, was Nāgārjuna meint, denn ich interpretiere seine Texte auf meine Art. Und jeder Mensch hat eine andere Sicht.»

Erlösung als Ziel

Der Maturand ist überzeugt, dass die Texte Nāgārjunas, die in Versform bestehen, für westliche Philosophen anregend sind. Der indische Denker habe keinen Streit gesucht, sondern ziele letztlich auf Erlösung hin. Auf die Frage, ob er gewisse Einsichten aus Nāgārjunas Gedanken gewonnen habe, sagt Leif Sieben: «Das ist schwer auf einen Punkt zu bringen. Meine Botschaft ist: Lesen Sie den Text.» Er selber habe in dem Dreivierteljahr für die Maturaarbeit mit vier unterschiedlichen Übersetzungen auf Deutsch und Englisch gearbeitet. Beeinflusst nun die intensive Auseinandersetzung mit dem indischen Denker die Wahl seines Studienfaches? Der junge Mann lacht wieder: «Nein, momentan habe ich noch keine Pläne.»

Die Arbeit des Maturanden ist kürzlich auch im Rahmen des Wettbewerbs Fokus Maturaarbeit ausgezeichnet worden, der unter dem Patronat der Universität Luzern steht, und wird in der Online-Ausstellung 2020 präsentiert. Zudem ist Sieben bereits für den Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht 2021» nominiert worden.