Die Schliessung in aller Stille

Eine kantonale Einrichtung in Schwyz hatte früher einen schlechten Ruf. Die Kantonsgeschichte rollt dieses Kapitel nochmals auf.

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Das heutige kantonale Verwaltungsgebäude im Kaltbach war früher Zuchthaus und Zwangsarbeitsanstalt. (Bild: Bert Schnüriger / Neue SZ)

Das heutige kantonale Verwaltungsgebäude im Kaltbach war früher Zuchthaus und Zwangsarbeitsanstalt. (Bild: Bert Schnüriger / Neue SZ)

Heute residiert dort am Dorfrand von Schwyz das kantonale Amt für Militär, Feuer- und Zivilschutz. Ein Blick auf den ältesten Teil des Gebäudekomplexes in Kaltbach zeigt eine ungewöhnliche Befensterung: Hinter kleinen Fensterchen lagen früher Gefängniszellen, grosse Bogenfenster ganz oben am früheren Hauptbau deuten auf die frühere Gefängniskapelle im Innern hin.

Zwangsarbeitsanstalt

Bis 1902 war dieses Gebäude das kantonale Zuchthaus. Nach einer Erneuerung des Strafvollzugs wurde damals aus dem Zuchthaus eine kantonale Zwangsarbeitsanstalt. Freiheitsstrafen liess der Kanton Schwyz fortan in St. Gallen oder in den Zellen des Schwyzer Rathauses verbüssen. Zudem wollte der Kanton Schwyz mit der neuen Zwangsarbeitsanstalt im Kaltbach die Gemeinden von ihrer bisherigen Versorgungspflicht entlasten.

«Taugenichtse»

Dazu ist anzumerken, dass vor mehr als 100 Jahren auch der Kanton Schwyz noch nicht über ein Sozialwesen und über eine Fürsorge im heutigen Sinn verfügte. Also wurde in Kaltbach verwahrt, wer nicht gerade ins gutbürgerliche Schema passte. Der Historiker Meinrad Suter schreibt dazu in der Kantonsgeschichte: «Gründe für die Verwahrung in Kaltbach waren schlechte Erziehung, Trunksucht, Verschwendung, Müssiggang, Vagantentum, vernachlässigte Familienpflichten, bei Frauen Unsittlichkeit und Unzucht.»

Es seien nicht alle Insassen zur Arbeit geeignet gewesen, hält Suter weiter fest. Und die damaligen Behörden hätten über einzelne Insassen geschrieben, das seien «Taugenichtse, wo man sie hinstellt». Die Anstalt habe nicht den besten Ruf gehabt, schreibt Suter: «Verschiedentlich war sie Angriffen ausgesetzt, unter anderem wegen angeblicher, nicht mehr zeitgemässer Prügelstrafen.»

Fecker, Korber, Zigeuner

Auch im Kanton Schwyz wandelten sich im 20. Jahrhundert die Anschauungen über den Umgang mit sozial Benachteiligten und Schwächeren. Zwar schilderte der Regierungsrat noch 1969 die Kaltbächler Insassen als «charakterlich abwegige, debile querulante Psychopathen und Alkoholiker». Aber die Anzahl der Insassen ging immer mehr zurück. Vor allem gab es die oft in Kaltbach festgehaltenen Fecker, Korber und Zigeuner früherer Zeiten nicht mehr. Viele von ihnen hatten bis in die 1960er-Jahre oft vor dem Einwintern noch irgendeine kleine Übertretung begangen, um daraufhin während des kalten Winters in Kaltbach eine beheizte Gratisunterkunft zu finden. Dabei nahmen viele der Insassen in Kauf, dass sie während ihres Aufenthalts entweder im Landwirtschaftsbetrieb der Anstalt oder im Strassenunterhalt an der Schlagstrasse mitarbeiten mussten.

Fürsorge statt Kaltbach Fürsorgerische Betreuung trat in den Siebzigerjahren an die Stelle der früheren Verwahrung in Kaltbach. «Als eine fragwürdig gewordene Institution schloss die Zwangsarbeitsanstalt 1971 in aller Stille ihre Tore. Die sieben letzten Insassen wurden entlassen», schliesst Autor Suter das Kapitel über die Kaltbächler Anstalt in der Kantonsgeschichte.

 Bert Schnüriger