Interview

Bei Idee Seetal tritt ein Visionär ab

Ende Jahr verlässt Geschäftsleiter Cornelius Müller (67) die Idee Seetal – und das mit einem guten Gefühl.

Interview: Ernesto Piazza
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Cornelius Müller, Geschäftsleiter der Idee Seetal, beim Schloss Heidegg.

Cornelius Müller, Geschäftsleiter der Idee Seetal, beim Schloss Heidegg.

Bild: Corinne Glanzmann (Gelfingen, 27. Dezember 2019)

Beim Gemeindeverband Idee Seetal reicht Cornelius Müller (67) Ende Jahr den Stab weiter. Seine Nachfolge tritt am 1. Januar Roger Brunner an. Mit unserer Zeitung blickt der abtretende Geschäftsleiter zurück. Er äussert sich aber auch zu Themen wie Mobilität oder dem kantonalen Entwicklungsschwerpunkt (ESP) im Gebiet Hochdorf/Römerswil.

Sie sind vor drei Jahren und drei Monaten als Geschäftsleiter bei der Idee Seetal angetreten. Damals war die Situation recht prekär. Kann man Sie als Troubleshooter bezeichnen?

Cornelius Müller: Diese Formulierung ist sicherlich nicht falsch.

Wenn Sie nun zurückblicken: Was waren Ihre vordringendsten Aufgaben?

Wir mussten uns neu ausrichten und dabei die Kernthemen festlegen. Und das in einer Situation, wo der Kanton seine Gelder von 230000 Franken auf 100000 Franken kürzte. Zum einen hiess das für uns: sparen. Zum andern mussten wir die Pro-Kopf-Beiträge auf das Jahr 2019 von sieben auf neun Franken erhöhen.

Zur Neuausrichtung gehört der Bericht «Quo vadis Seetal». Er konzentriert sich auf die vier Kernthemen Raumplanung, Mobilität, Wirtschaft und Tourismus (RaMoWiTo). Wie sieht hier Ihre Bilanz aus?

Ein entscheidender Knackpunkt beim Prozess Neuausrichtung war, das Vertrauen der Verbandsgemeinden zu gewinnen. Mittlerweile haben wir ein Jahr mit «RaMoWiTo» gearbeitet. Und ich bin der Ansicht: Die Idee Seetal befindet sich auf gutem Weg.

Zur Person

Cornelius Müller (67) ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er wohnt in Hitzkirch, sass für die CVP 29 Jahre im Gemeinderat und war 12 Jahre Kantonsrat.

Bei der Raumplanung monierten Sie früher in dieser Zeitung, dass dem Kantonalen Entwicklungsschwerpunkt Hochdorf/Römerswil nicht der Stellenwert zukomme, den er verdient. Wie sieht der aktuelle Stand aus?

Das Gebiet liegt in der Arbeitszone und müsste – um es zu entwickeln – mehrheitlich in eine Mischzone überführt werden. Römerswil wie Hochdorf arbeiten aktuell an den Ortsplanungsrevisionen. Gestützt auf «RaMoWiTo» sollte der Fokus auch auf dieses Areal gerichtet werden. Dort will zum Beispiel die Firma 4B als Eigentümerin einer nicht unbedeutenden Fläche diese entwickeln. Wir unterstützen dieses Vorhaben, vorausgesetzt die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind eingehalten.

Die Federführung liegt hier beim Kanton und den beiden Gemeinden. Die Idee Seetal hat eine Beteiligtenrolle.

Stimmt. Wobei nach unserer Kontaktaufnahme und Schilderung des Themas der neue Regierungsrat und Baudirektor Fabian Peter ein offenes Ohr hatte und sehr schnell zu einem Gespräch ins Seetal kam.

Mit welchem Ergebnis?

Eine für die Entwicklung des Gebiets benötigte Umzonung ist nur mit einer Anpassung des regionalen Richtplans Seetal möglich. Dieser ist auch mit dem kantonalen Richtplan verknüpft. Gemäss diesem ist seit längerem die Kooperationsvereinbarung, die für den ganzen ESP Gültigkeit hat, zu erstellen. Fabian Peter unterstützt nun das koordinierte Vorgehen.

Was heisst das für die Entwicklung des Areals?

Das Ergebnis will und kann ich nicht vorwegnehmen. Es müsste wohl verdichtet, mit einem Wohnanteil und in die Höhe gebaut werden – ohne aber Türme hinzustellen. Ich stelle mir vor, dass neben Industrie auch Dienstleistungen und Geschäfte mit Einkaufsmöglichkeiten dort Platz finden. Der in der Nähe liegende Baldeggersee würde für die Bewohner zum Naherholungsgebiet werden. Mit dem Schaffen von zusätzlichen Freiräumen gäbe es für sie viel Lebensqualität und für Römerswil und Hochdorf einen neuen Siedlungsschwerpunkt. Mit Wohnen, Arbeiten und Freizeit entstünde eine hochwertige Zone.

Diese Entwicklung würde aber zusätzlichen Individualverkehr bringen.

Keine Frage: Mehrverkehr wäre unvermeidlich. Und darin liegt auch ein gewisses Streitpotenzial bei den involvierten Playern. Deshalb braucht es für die Mobilität Lösungen. Wir brauchen die Südumfahrung. Alle Verbandsgemeinden haben sich dafür ausgesprochen. Jetzt liegt es am Kanton, zusammen mit den involvierten Gemeinden Hochdorf und Römerswil dieses Projekt voranzutreiben.

Wie beurteilen Sie die Komponente ÖV?

Der Bahnhof Hochdorf benötigt dringend einen Ausbau. Meine Präferenz ist eine Mobilitätszentrale. Bei der Bahn braucht es einen 15-Minutentakt. SBB und Busbetreiber gehören gemeinsam ins Boot. Mobility-Fahrzeuge und ein Fahrradverleih sollten am Bahnhof genauso verfügbar sein, wie Tankstellen für Elektroautos. Zudem müsste die Strecke Hochdorf nach Traselingen für den Individualverkehr in gleichem Masse ausgebaut werden, wie die Verbindung von Sempach nach Hildisrieden. Der ESP darf nicht entwickelt werden, ohne zu wissen wie man die Mobilität als Ganzes löst.

Wie sehen sie die Entwicklung im unteren Seetal?

Nachdem Ermensee einer Umzonung im Tampiteller zugestimmt hat, kann man die Entwicklung beim regionalen Schwerpunkt Hitzkirch/Ermensee nun mit Wohnen, Dienstleistungen und Gewerbe – und dies erst noch in der Nähe des Bahnhofs Hitzkirch – vorantreiben.

Im Seetal fehlt es an Hotelzimmern. Wie könnte dieses Vakuum gelöst werden?

Meine Vision war: Dass im Gebiet Richensee, unweit vom Baldeggersee entfernt, ein Hotel gebaut würde. Doch mittlerweile ist die Variante vom Tisch. In absehbarer Zeit dürften dort wohl Wohnungen entstehen.

Sie haben schon mal über eine Sport-/Freizeitzone in Baldegg nachgedacht. Was können Sie dazu sagen?

Auf Hochdorfer Boden gibt es im erwähnten ESP eine Eishalle und Tennisplätze. Diese Einrichtungen sind mit denen dort am meisten Sinn machenden Entwicklungen «fremd». Das Gebiet um den Bahnhof Baldegg sehe ich hierfür als ideal an.

Was heisst das konkret?

Eissport würde künftig in Baldegg betrieben und dort Tennis gespielt. Eine Sporthalle – Seetal- oder Drachenhalle –, die man auch fürs Indoorklettern nützen könnte, das nahe gelegene Seebad und Unterkünfte im Stile eines Bed & Sport Willisau, wären weitere Elemente. Ein Hallenbad ist zwar im Moment vom Tisch, war aber auch schon ein Thema und sollte in diesem Contex geprüft werden. Die Finanzierung könnte mittels Mantelnutzung machbarer werden.

Momentan ist im besagten Gebiet vor allem Industrie angesiedelt.

Richtig. Aber ich stelle mir vor, dass man nach einer Gesamtschau in Baldegg beginnt und so Bewegung in das Ganze kommt.

Touristisch wird das Seetal von Lenzburg «betreut». Mit dieser Konstellation ist man aber nicht wirklich zufrieden. Was muss sich ändern?

Das Konstrukt ist nicht optimal. Unter den touristischen Landregionen braucht es jedoch generell eine vertieftere Zusammenarbeit. Das wäre auch in Bezug auf die Finanzen wichtig. Denn das Seetal verfügt – im Vergleich zu Regionen wie Luzern West oder Sursee-Mittelland – über viel weniger Einwohner und so auch über weniger Geld. Weiter bin ich der Ansicht, dass die touristischen Landregionen noch vermehrt mit Luzern Tourismus kooperieren müssten. Zudem will die Idee Seetal mithelfen, dass eine Person aus dem Luzerner Seetal im Vorstand von Seetal Tourismus Einsitz nimmt.

Nach vielen Jahren in der Politik und nun bei der Idee Seetal arbeitend, treten Sie ab. Was bleibt in Erinnerung?

Es war eine sehr schöne Zeit und ich bin dankbar, dass ich all die Tätigkeiten ausüben durfte.

Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Erst mal freue ich mich auf mehr Freizeit – und zwar für mich und für meine Familie. Und ja: als Präsident des Gemeindeverbandes Chrüzmatt in Hitzkirch – wo Generationen gemeinsam leben – werde ich beim Projekt Stöcklimatt bestimmt wieder gefordert.