EINSIEDELN: Mysteriöses Gedicht aus dem Klosterkeller

Im Kloster wird das älteste Schachdokument der Welt aufbewahrt. Sogar aus Russland meldet sich ein Interessent beim Stiftsbibliothekar, der für uns das Archiv öffnet.

Stephan Santschi
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Behutsam nimmt Pater Justinus das Schachgedicht hervor. (Bild: Corinne Glanzmann (Einsiedeln, 27. Mai 2017))

Behutsam nimmt Pater Justinus das Schachgedicht hervor. (Bild: Corinne Glanzmann (Einsiedeln, 27. Mai 2017))

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Ist’s Dir vergönnt, die Sorgen wegzutun, am Spiel Dich zu ergötzen, nun, da ist eins wohl, das Deinen Sinn erfreuen mag.» Frei aus dem Lateinischen übersetzt, beginnt so das Schachgedicht zu Einsiedeln, das insgesamt aus 98 Versen besteht. Entstanden sind diese Versus de Scachis (Verse vom Schach) zwischen 900 und 950 nach Christus in Oberitalien, der Verfasser ist unbekannt. Aufbewahrt wird es seit vielen Jahrhunderten im Kloster Einsiedeln, weshalb es auch seinen aktuellen Namen erhielt. «Es gibt immer wieder Interesse an diesem Gedicht», erzählt Pater Justinus, der Einsiedler Stiftsbibliothekar. Erst vor kurzem habe sich ein russischer Schriftsteller und Regisseur, sinnigerweise mit dem Namen Marat Schachmanow, Fotos vom Gedicht schicken lassen, um es in Russische zu übersetzen.

Nun sitzt Pater Justinus in ­seinem Büro, zieht weisse Handschuhe an, öffnet eine Schachtel und zupft das historische Dokument heraus. Es besteht aus Pergament, ist 31 cm auf 24,5 cm gross und gut erhalten. «Wir ­bewahren es im Keller in einem klimatisierten Kulturgüterschutzraum auf. Dort sollte es nicht ­wärmer als 21 Grad sein, und die Luftfeuchtigkeit bewegt sich zwischen 45 und 55 Prozent.» Werden diese Werte massiv überschritten, drohe die Katastrophe in Form von Schimmel. Auffällig auf dem Gedicht sind gezeich­nete Hände am Rand, die auf ­bestimmte Stellen hinweisen. Sie stammen von Heinrich von Ligerz, einem früheren Stiftsbibliothekar. «Er machte die Untersuchungen im Jahr 1320. Da war das Gedicht also schon bei uns», sagt Pater Justinus. Genaueres kann er dazu nicht sagen.

Weshalb Einsiedeln? Wahrscheinlich Zufall

Etwas mehr weiss Richard Forster, internationaler Meister im Schach. Der 42-jährige Informatiker verfasste bis vor kurzem die Schachrubiken in der «Neuen Zürcher Zeitung». Am Anfang gebe sich der Autor einem Lobgesang auf das Schachspiel hin, erläutert Forster den Inhalt, später widme er sich ausführlich den Figuren und ihrem Gang. «Damals war Schach noch weniger schnell, weniger dynamisch. Der Bauer durfte bei der Eröffnung nicht zwei Felder nach vorne rücken. Die Dame konnte nur ein Feld in diagonaler Richtung gezogen werden. So war sie damals die schwächste und nicht wie heute die stärkste Figur.» Auch die Bewegungsfreiheit des Läufers sei eingeschränkt gewesen, die moderne Spielweise stellte sich erst im 15. Jahrhundert ein.

Dass das Schachgedicht im 10. Jahrhundert in Oberitalien entstand, ist laut Forster ein Mysterium: «Das Schriftstück erscheint in dieser frühen Zeit isoliert, das Schachspiel fand erst 200 bis 300 Jahre später nach Europa und in die Schweiz.» Er vermutet, dass es durch Zufall nach Einsiedeln gelangt ist. Das Dokument blieb dort lange Zeit unentdeckt, weil es in den Deckel einer anderen Handschrift geklebt war. Erst 1839 löste es der damalige Einsiedler Stiftsarchivar Gall Morell heraus.

Frühere Schriften gingen verloren

Laut Forster handelt es sich damit um das älteste in Europa bekannte Schachdokument. «Als Ori­ginal ist es sogar das Älteste der Welt.» Im 9. Jahrhundert seien im arabischen Raum erste Schach­bücher entstanden, von denen man aber nur aus den Werken späterer Autoren erfahren habe. In dieser Zeit erlebte das Schachspiel eine wahre Blüte, ehe es im 12. Jahrhundert nach Europa kam.

Und heute? Spielen in der Schweiz 5500 Menschen in Klubs aktiv Schach. Die Tatsache, dass Schach auch mehr als 1000 Jahre nach seiner Entstehung noch nicht zu Ende analysiert ist, ­mache es so faszinierend, findet Forster. «Es gibt in diesem geistigen, intellektuellen Kampf so viele Möglichkeiten. Schach ist ein ehrliches Spiel, es gibt keine versteckten Karten und damit auch keine Zufallselemente. Der Bessere gewinnt.»