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EINSIEDELN: «Viele fühlen sich überfordert»

Abt Urban hat erneut viele Gläubige an Weihnachten durch die Messe in der Klosterkirche geführt. Im Zentrum stand die Hoffnung, die die Weihnachtsgeschichte der heutigen Gesellschaft gibt.
Interview Rahel Lüönd
Abt Urban Federer vor der Klosterkirche in Einsiedeln. (Bild Roger Grütter)

Abt Urban Federer vor der Klosterkirche in Einsiedeln. (Bild Roger Grütter)

Abt Urban Federer, wie haben Sie als Kind Weihnachten gefeiert?

Abt Urban Federer: Weihnachten war für mich das Fest des Jahres. Meine zwei Geschwister und ich haben jeweils im Nebenzimmer gewartet, bis das «Christkindli» die Geschenke hingelegt und die Kerzen angezündet hat. Dann läuteten die Glocken, und wir durften uns ans Auspacken machen. Es war eine riesige Aufregung.

Wie verbringen Sie das Fest heute?

Federer: Ich feiere mit der Klostergemeinschaft und ganz vielen Leuten. Die Kirche ist zu dieser Zeit einige Male gestossen voll. Ich liebe unter anderem den Gottesdienst um acht Uhr abends – die meisten anderen feiern zu dieser Zeit zu Hause, weshalb das ein sehr intimer Gottesdienst ist. Viele Mitbrüder helfen auch ausserhalb in Pfarreien aus, deshalb feiern wir intern am 26. mit Musik und gutem Essen alle gemeinsam.

Machen Sie sich untereinander auch Geschenke?

Federer: Nein. Aber wir erhalten viele Geschenke von auswärts. Mit der Aktion «2 x Weihnachten» geben wir viele an das Hilfswerk von Pfarrer Sieber weiter.

Was erhalten Sie denn zum Beispiel?

Federer: Viel Schokolade und Süsses, mehr als wir überhaupt essen können. Und selbst gestrickte Socken, das können wir am ehesten gebrauchen. Kürzlich habe ich einen Tischgrill für vier Personen erhalten. Ich habe mich darüber gefreut, werde ihn aber nicht behalten können.

Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Ihnen jemand mit einem Geschenk eine Freude machen will und Sie dieses weitergeben?

Federer: Im Gegenteil: Am Geschenk freuen wir uns ja. Wenn wirs weitergeben, freut sich noch jemand.

Ein Zweijähriger antwortete mir kürzlich auf die Frage, ob er sich auf Weihnachten freue: «Ja. Vili Gschänkli.» Was würden Sie ihm sagen?

Federer: Er soll sich ruhig auf die Geschenke freuen, das habe ich als Kind auch gemacht. Was ich heute fast wichtiger finde, ist die Vorfreude. Ein Geschenk wird bald langweilig, viel wichtiger ist die Spannung zuvor.

Für viele Erwachsene ist die Zeit vor Weihnachten mehr von Stress als von Vorfreude geprägt ...

Federer: Ich wünschte mir auch für die Erwachsenen, dass wir wieder lernen zu warten. Am 25. Dezember mag man schon keine Weihnachtsguetzli mehr essen, weil man so früh angefangen hat. Mit einem Adventskranz oder einem Adventskalender kann man zum Beispiel diese Zeit davor bewusst wahrnehmen.

Welche Bedeutung hat Weihnachten für Sie?

Federer: Für mich ist es das Fest der Hoffnung. Ich habe das Gefühl, wir stehen als Gesellschaft wie der Esel vor dem Berg. Wir sehen die Probleme, wissen aber nicht wie weiter. Schon die Weihnachtsgeschichte zeigt für mich ganz stark, wie aus einer vermeintlich ausweglosen Situation ein Licht kommen kann: Maria musste hochschwanger auf die Reise, die Türen wurden ihr verschlossen, sie musste in unhygienischer Umgebung im Stall gebären. Das hat einen unglaublichen Realitätssinn. Dass das Paar im Stall Unterschlupf fand und Jesus geboren werden konnte, dahinter steckt für mich Gottes Hand. Letztlich braucht es aber alle dazu: den Engel mit der frohen Botschaft und auch die Hirten, die sich auf den Weg machen.

Manche Aspekte wie die kaiserliche Volkszählung sind wissenschaftlich umstritten. Hat sich die Weihnachtsgeschichte für Sie genau so zugetragen, wie sie im Lukas- und Matthäus-Evangelium steht?

Federer: Das ist ein Gegensatz, den ich so gar nicht aufbaue. Die Weihnachtsgeschichte ist so stark, dass sie nach 2000 Jahren noch erzählt wird. Damit ist ihr Kern wichtiger als die exakte historische Verifizierbarkeit. Sie nimmt ja auch ältere Geschichten auf; die Verheissung, dass der Messias kommen wird – wie das genau geschah, spielt eine untergeordnete Rolle.

Was ist die Botschaft der Weihnachtsgeschichte?

Federer: Der Engel sagte: «Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind!» Ich finde dieses Friedensangebot sehr schön, gerade weil es auch Nichtgläubige einschliesst. Die Botschaft ist: Spannen wir zusammen für den Weltfrieden, es geht nur gemeinsam.

Sie sagten vorhin, dass unsere Gesellschaft mit ihren Problemen nicht weiterweiss. Woher kommt dieser Eindruck?

Federer: Aus dem Gespräch mit den Menschen. Tausende kommen nach Einsiedeln, und ich merke, dass sie etwas suchen. Viele fühlen sich überfordert. Wir arbeiten extrem viel, wissen aber nicht, wo die Reise hingeht.

Was sagen Sie zu diesen Leuten?

Federer: Sehr oft höre ich einfach zu. Ich habe eine Hoffnung in mir, die ich niemandem aufzwingen kann. Aber ich kann ein Vorbild sein.

Was predigen Sie in diesen Tagen in der Kirche?

Federer: Ich bereite meine Predigten immer ganz kurz vorher vor, damit ich nicht mit alten Sachen hinterherhinke. Ich spreche also nicht über die Frankenstärke, sondern eher über die Flüchtlingskrise und die Angst vor dem Terror.

Terror, der im Namen der Religion ausgeübt wird.

Federer: Die Religion will Frieden, alles andere ist eine Perversion der Religion. Religionen haben Leid über den Mensch gebracht, weil der Mensch aus allem Gutes und Schlechtes machen kann.

Wie gehen Sie mit Ihren Mitbrüdern ins neue Jahr?

Federer: Neujahr wurde geschaffen als achter Tag nach Weihnachten. Wir feiern dies wiederum in der Kirche, wo wir mit Hunderten Besuchern in Stille ins neue Jahr übergehen. Weihnachten ist für uns damit noch nicht zu Ende, die Feierlichkeiten gehen bis zum 10. Januar.

Inwiefern unterscheiden sich die Weihnachtsgottesdienste von anderen Messen?

Federer: Vorher tragen wir Violett als Zeichen der Zurückhaltung und halten die Messe stiller, auch mit weniger Orgelmusik. Über die Weihnachtstage tragen wir Weiss und gestalten die Messe festlicher.

Was bringt das nächste Jahr für Sie und Ihre Mitbrüder?

Federer: An und für sich geht es einfach weiter. Es ist aber gut, dass der Mensch Punkte setzt, wo man neu anfangen und etwas hinter sich lassen kann. Obwohl die Probleme deswegen nicht weg sind.

Was haben Sie sich konkret vorgenommen?

Federer: Wir wollen vermehrt für die Leute da sein, die Einsiedeln aufsuchen.

Interview Rahel Lüönd

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