Elisha kämpft sich ins Leben

Mit 15 war Elisha depressiv. Sie sah keinen Lebenssinn, verkroch sich unter der Bettdecke. Heute, elf Jahre später, weiss die junge Frau, was Lebensfreude ist. Sie macht eine Berufslehre – und sie hat einen grossen Traum.

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Kreatives Schaffen bereitet ihr Freude: Hier zeichnet Elisha ein Schnittmuster. (Bild: Roger Grütter)

Kreatives Schaffen bereitet ihr Freude: Hier zeichnet Elisha ein Schnittmuster. (Bild: Roger Grütter)

«Ich möchte Ihnen nochmals ganz, ganz herzlich danken, dass Sie unserer Familie vor elf Jahren finanziell geholfen haben. Ich weiss nicht, wie es sonst mit Elisha weitergegangen wäre. Und ich will Ihnen einfach sagen, wie wichtig die LZ-Weihnachtsaktion ist und dass sie geschätzt wird.» Das schrieb Elishas Mutter vor gut einem Monat an Erwin Bachmann, Stiftungsratspräsident der LZ-Weihnachtsaktion. Elisha (26) hat uns Anfang dieser Woche erlaubt, sie an ihrem heutigen Wohnort Basel zu besuchen. Ihre Geschichte zeigt, dass es im Leben immer Hoffnung gibt.

Lebensfreude blitzt aus den blau-grünen Augen der jungen Frau, die unkompliziert das Du anbietet und den Fotografen und die Journalistin in ihrer Wohnung sogleich in ihr Arbeitszimmer bittet. Auf dem Tisch steht eine Nähmaschine, daneben liegen Stoff, Schere, Schnittmuster. Eine Gitarre und eine Mal-Staffelei verraten weitere kreative Adern von Elisha. «Uuuh, ich muss mich in der Berufsschule schon etwas anstrengen. Ich habe doch nicht geahnt, dass in der Lehre als Bekleidungsgestalterin Mathematik und Geometrie eine grosse Rolle spielen», erzählt sie beim Foto-Shooting. Sie rechnet kurz nach, ob sie beim aktuellen Schnittmuster auf dem richtigen Weg ist, und zieht dann mit bestimmtem Strich ihre Linien.

Ruhelos und depressiv
Rückblende. Im Jahr 2000 ist die 15-jährige Elisha im zweitletzten Schuljahr in einer Luzerner Landgemeinde. «Ich war innerlich und äusserlich ruhelos, oft auch unzufrieden.» Gleichzeitig war sie depressiv, verschlossen, zog sich immer mehr zurück. «Ich hatte keine Lebensfreude, ich wusste gar nicht, was das ist», sagt sie. Schon mit 13 Jahren habe sie überlegt, «was für ein Sinn darin liegt, morgens aufzustehen, an die Arbeit zu gehen, heimzukommen, zu schlafen – und am nächsten Morgen dasselbe. Wie ein Roboter.»


Eine schwierige Zeit
Nach einem Suizidversuch will Elisha nicht zurück in ihre Schulklasse. «Es war eine sehr schwierige Zeit. Ich habe mich meistens unter der Bettdecke verkrochen.» Das Sozialamt rät den Eltern, ihre Tochter für die Abschlussklasse in ein Internat zu geben. Doch wie soll das eine Familie mit vier Kindern – Elisha ist die Zweitjüngste – finanzieren? «Wir waren nicht reich. Wenn Ende Monat ein klein wenig Geld übrig war, hat unsere Mutter jedem von uns Kindern ein Röllchen Fizzers gekauft, das sind kleine saure Bonbons», erzählt Elisha.

Die LZ-Weihnachtsaktion hat damals, im Jahr 2000, zusammen mit anderen Stiftungen ermöglicht, dass Elisha die Abschlussklasse in einem Internat besuchen konnte. Sie erreichte im Gegensatz zu früher sogar einen sehr guten Notendurchschnitt – obschon sie ursprünglich gar nicht ins Internat hatte gehen wollen. «Aber dank der tollen Atmosphäre, dem familiären Umgang, der Ruhe und der Konzentration auf das Wesentliche war es dann doch eine sehr gute Zeit.»

Trotzdem folgt für Elisha ein weiteres Tief. «Ich habe mich wieder total zurückgezogen. Drei, vier Monate ging ich nicht aus dem Haus. Ich habe damals nicht einmal mehr gewusst, wie sich Wind auf der Haut anfühlt.» 2002 folgt ein zweiter Suizidversuch.

Elisha hat damals ärztliche Hilfe gesucht, aber nicht gefunden. «Ich konnte mich dem Psychiater nicht öffnen, war einfach nicht bereit dazu.» Zweimal kommt sie auf eine Therapiestation, zweimal haut sie ab. Sie quält sich mit der immer gleichen Frage: «Wofür lebe ich? Mir fehlte auch ein Gefühl für meine Zukunft.» Sie hält inne und sagt: «Weisst du, auch heute ist nicht immer alles super.»

Mühe mit Strukturen
Nach der Schule will Elisha keine Lehre machen, sie findet den Rank einfach nicht. Sie arbeitet Teilzeit, hört wieder auf, lebt zu Hause bei ihrer Mutter. Über das Sozialamt kommt sie in ein Eingliederungsprogramm, «aber die Jobsuche funktionierte nicht». Mit 18 geht Elisha zu einer Jugendberatung, fühlt sich dort gut verstanden und kommt in ein Arbeitsprogramm. «Stell dir vor, ich ging von August 2008 bis Januar 2010 jeden Tag arbeiten. Für meine Verhältnisse war das richtig lang», erzählt sie, die damals grosse Mühe hatte mit Strukturen, schmunzelnd. Fit werden für den Arbeitsmarkt, lautet das Ziel in ihrem Arbeitsprogramm. Sie arbeitet unter anderem in einer Druckausrüsterei und freut sich, etwas mit den Händen zu tun.

Warten auf ein Praktikum
2009 erinnert sie sich daran, dass ihr bereits mit etwa 16 Jahren Bekleidungsgestaltung gefallen hätte, «aber damals hatte mir das eine Lehrerin total verdorben, und ich habe es mir nicht zugetraut». Jetzt sind zuerst «alle dagegen», dann kann sie einen Tag, später einen ganzen Monat in einem Textilatelier schnuppern und weiss, «das ist es». Fast ein Jahr muss sie auf einen Praktikumsplatz warten. Nach dem halbjährigen Praktikum steht für sie fest: «Jetzt will ich eine Lehre in Bekleidungsgestaltung machen.» Und siehe da, es klappt. Im August 2011 beginnt Elisha in Basel die dreijährige Lehre und gleichzeitig die Berufsschule, wo sie mit zum Teil zehn Jahre jüngeren Mitschülerinnen zusammen ist.

Grosse Herausforderung
Lehre, Schule, Wohnung, auf eigenen Füssen stehen, die knappen Finanzen gut einteilen, mit den festen Strukturen zurechtkommen: «Das Ganze ist eine grosse Herausforderung, aber ich weiss jetzt, was ich will», sagt Elisha. Sie fühle sich am richtigen Ort und sei sich bewusst, dass sie sich stark einsetzen müsse. Wie geht es ihr heute gesundheitlich? «Ich kämpfe immer noch mit depressiven Phasen, habe auch Stimmungsschwankungen. Aber ich bin gereift und will es durchziehen.» Wo sie früher nach einem Rückschlag hingeschmissen hätte, könne sie heute sagen: «Nein, das ziehe ich jetzt durch. Das gibt mir auch Selbstvertrauen.»

Medikamente wollte und will sie nicht, «das ist Horror. Ich will keine Chemie, denn ich will meine Gefühle nicht unterdrücken, selbst dann nicht, wenn es mir schlecht geht». Alle 14 Tage gehe sie zu einem Psychotherapeuten, «dort kann ich reflektieren, das hilft».

Wichtig ist für Elisha auch der Kontakt mit Freunden – und besonders mit ihrer Familie in Luzern. «Bei meiner Mutter und meinen Geschwistern kann ich auftanken. Ich freue mich auch sehr, Weihnachten zu Hause zu feiern.» Musik hören, Musik machen und Malen sind weitere Aufsteller. Rock, Blues, Funk, Rhythmus mag Elisha, und sie spielt Gitarre. Sie lacht bei der Frage nach den Farbkübeln, die neben der Staffelei stehen. «Ach, damit habe ich zum Beispiel die Wände im Schlafzimmer bemalt, gell, es sieht gut aus.» Am liebsten zeichne und male sie mit Kohle und Bleistift. Sie habe schon als Kind viel gemalt und bringe einfach das zu Papier, was ihr gerade durch den Kopf gehe.

Innere Harmonie
Heute, bilanziert die 26-Jährige, wisse sie, «was innere Harmonie, Zufriedenheit, Lebensfreude ist. Es ist aufregend, herauszufinden, wer ich bin und wo mein Platz ist.» Den Wind spürt sie wieder auf ihrer Haut, geht ein Stück ihres Arbeitsweges zu Fuss. Mit Schalk in den Augen fährt Elisha fort: «Ich befasse mich sogar schon mit der Frage, wie ich gut alt werden kann.» Es gebe lichte Momente in ihrem Leben und dunkle, schwere Phasen: «Dann denke ich an meine Ziele, an meinen Traum.»

Elishas Traum
Dieser Traum, Elisha nennt es ihre Vision, ist, «dass ich irgendwann von meiner Kreativität leben kann – und nur davon.» Vielleicht mit einer Verbindung von Bekleidungsgestaltung, Malen und Musik. Doch zuerst gelte es nun, die dreijährige Berufslehre zu bestehen. Auf die Frage, wer und was ihr in den letzten, oft schwierigen Jahren am meisten geholfen hat, sagt Elisha spontan: «Menschen, die mich gern haben. Und das Kreative, das macht mich glücklich.»

Ruth Schneider

Letzte Chance für Gesuche

rs. Die LZ-Weihnachtsaktion erhält in diesen Tagen Post von dankbaren Empfängern, die Hilfe aus dem diesjährigen Spendentopf erhalten haben. Grosse Freude löste bei Stiftungsratspräsident Erwin Bachmann die Zuschrift von Elishas Mutter (siehe Haupttext) aus: «Ihr Dank nach elf Jahren ist etwas Besonderes – und zeigt, wie auch bei einer über viele Jahre schwierigen Situation doch noch eine positive Wendung möglich ist.»

Für die Einreichung von Hilfsgesuchen läuft die Frist am 31. Dezember ab. Gesuche können nur von Sozialämtern und Institutionen eingereicht werden. Wer Hilfe nötig hat oder jemanden kennt, der Hilfe braucht, kann sich an das Sozialamt oder an eine soziale Institution wenden.

Spenden können Sie weiterhin auf das Postcheck-Konto 60-33377-5 oder online: