ENGELBERG: Der wahre Wert liegt oft in den Details

In der barocken Stiftsbibliothek und im Archiv lagern historische Schätze. Für uns öffnete das Kloster ausnahmsweise die sonst verschlossenen Türen.

Philipp Unterschütz
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Der Codex 321 aus dem Jahr 1386 enthält den ältesten schriftlichen Hinweis auf die Schlacht von Sempach. (Bilder Philipp Unterschütz)

Der Codex 321 aus dem Jahr 1386 enthält den ältesten schriftlichen Hinweis auf die Schlacht von Sempach. (Bilder Philipp Unterschütz)

«Ein Kloster ohne Bücher ist wie ein Baum ohne Blätter», sagt der Stiftsarchivar und stellvertretende Bibliothekar des Klosters Engelberg, Rolf De Kegel. Er ist in seinem Element. Auf dem Weg zur Stiftsbibliothek durch die ruhigen und trotz Sommerwärme angenehm kühlen Gänge in der Klausur des Klosters erklärt er, dass eine Bibliothek und ein Archiv nur schon aufgrund der Regeln des heiligen Benedikt zwingend seien. «Darin steht, dass Mönchen während der Fastenzeit ein Buch aus der Bibliothek gegeben werden soll. Und ein Archiv brauchte es unter anderem auch, weil die unterschriebenen Mönchsgelübde aufbewahrt werden mussten.»

Zutritt «verboten»

Die schöne Barockbibliothek und das Stiftsarchiv sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der Grund liegt vor allem an der Lage im Kloster. «Der Zugang für Besuchergruppen wäre nur durch die Klausur möglich, also durch den Lebensbereich unserer 24 Mönche. Das geht nicht», erklärt der Stiftsarchivar. Regelmässige Besuche wären auch aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Die Bestände stehen offen in den Regalen, sind also nicht gesichert wie beispielsweise in der bekannten Bibliothek im ehemaligen Kloster St. Gallen. Für spezielle Anlässe – etwa am Benediktstag am 21. März oder für eine wissenschaftliche Führung – wird die Bibliothek aber geöffnet. Forschern stehen Bibliothek und Archiv auf Voranmeldung zur Verfügung, sie werden aber in einem separaten Lesezimmer bedient. Häufig genügen auch Digitalaufnahmen der gesuchten Dokumente.

Prima Klima für alte Handschriften

Die Bibliothek und das Archiv im Kloster Engelberg sind räumlich getrennt. In der Bibliothek stehen total rund 130 000 Bücher. Etwa 1000 Handschriften, davon 250 aus der Zeit von 1120 bis 1500, und 350 Inkunabeln (Drucke vor 1500) sind in einem besonders feuersicheren Raum gelagert. Dieser sogenannte Kuppelraum hat Brandschutztüren und eine Betonschutzdecke über dem Gewölbe. Erstaunlicherweise hat die Bibliothek keine spezielle Klimaanlage, einzig im Kuppelraum mit den wertvollen Handschriften und Inkunabeln sorgen zwei Heizkörper für eine konstante Temperatur zwischen 14 und 19 Grad. In der grossen Barockbibliothek kann die Temperatur in kalten Wintern bis auf 3 Grad sinken. «Viele Bücher liegen bereits seit mehreren hundert Jahren in diesem Raum und sind in bestem Zustand», erklärt Rolf De Kegel. «Natürlich überwachen wir den Zustand ständig, aber da sich das Klima nur saisonal, also ganz langsam ändert, gibt es keine Probleme.»

Wertvollste Bücher

Nachdem er sich spezielle Schutzhandschuhe übergestreift hat, öffnet Rolf De Kegel im Kuppelraum einen der hohen Massivholzschränke und zieht sorgfältig ein sichtlich altes, aber unscheinbares Buch hervor – den Codex 72. «Das ist eine der wichtigsten Handschriften in Engelberg», erklärt er. Sie muss zwischen 1250 und 1276 entstanden sein und ist eine der frühesten Übersetzungen der Benediktinerregel aus dem Lateinischen ins Mittelhochdeutsche. «Interessant ist bei diesem absoluten Unikat die lokale sprachliche Einfärbung mit Nidwaldner Dialekt. Aufgrund der Wortwahl ist es denkbar, dass die Übersetzung für die Nonnen gemacht wurde. Engelberg war ja bis 1615 ein Doppelkloster.» Der Stiftsarchivar holt ein weiteres Buch aus einer Vitrine – den Codex 321 aus dem Jahr 1386. «Das ist eine sehr spezielle Handschrift», erklärt er und zeigt darin die erste bekannte schriftliche Erwähnung der Schlacht von Sempach, entstanden 22 Tage nach dem Kampf. «Zudem bezeichnet der Autor die Sieger allesamt als Schweizer. Es ist damit ein frühes Zeugnis, wie der Begriff Schweizer auf alle Eidgenossen ausgedehnt wurde.»

Glück im Unglück bei Bränden

Stiftsarchivar Rolf De Kegel ist Mittelalterhistoriker. Die Matura machte er an der Stiftsschule, seine Anstellung vor 23 Jahren ergab sich wegen des fehlenden Nachwuchses an Mönchen. Heute kann er eine praktisch vollständige Sammlung im Archiv und in der Bibliothek betreuen. Obwohl es auch im Kloster Engelberg mehrmals gebrannt hat, ist man doch mit einem blauen Auge davongekommen, vor allem beim letzten Grossbrand im Jahr 1729. Es gab keine Opfer, und es wurden nur wenige Dokumente vernichtet. «Man hat glücklicherweise richtig reagiert und zuerst die Kirchenschätze, Bücher und Dokumente gerettet. Die Bücher hat man einfach aus dem Fenster geworfen.»

Urkunden von Kaisern und Königen

Die Räume des Stiftsarchivs sind bei weitem nicht so beeindruckend wie die Barockbibliothek. Und mit 750 Laufmetern ist das Archiv vergleichsweise klein. Inhaltlich ist es aber nicht zu unterschätzen. Weil Engelberg von 1120 bis zum Ende der Klosterherrschaft 1798 ein eigener Staat war, handelt es sich bis dahin um ein Staatsarchiv mit Gesetzesdokumenten, Staatsverträgen, Abgabenverzeichnissen oder Gerichtsurteilen. Stolz zeigt Rolf De Kegel das wertvollste Dokument: Es ist die Kaiserurkunde von Heinrich V. von 1124. Ein handbeschriebenes Pergament in Latein mit einem mächtigen runden Siegel, das einen Durchmesser von mindestens 10 Zentimetern hat. «Der Kaiser bestätigt darin die Gründung eines freien Benediktinerklosters, und der Name Engelberg wird zum ersten Mal schriftlich erwähnt.» Seit Ende der Klosterherrschaft handelt es sich um das Privatarchiv des Benediktinerklosters Engelberg. Heute verwahrt man die Akten der Pfarrei Engelberg, der Abtei, der Klosterbetriebe, der Stiftsschule oder der Kamerun-Mission.

Auch Zeugnisse über Hexenjagd

Das Archiv gibt beispielsweise auch Aufschluss über die dunkle Zeit der Inquisition. 1628 wurden auch in der Herrschaft Engelberg zwölf Frauen als Hexen enthauptet und verbrannt. (In ganz Nidwalden gab es zwischen 1628 und 1631 rund 100 solcher Todesurteile). Interessant ist für den Historiker De Kegel, dass man nur Namen und fragmentarische Hinweise in den Talgerichtsprotokollen findet. «Verhöre wurden zwar aufgeschrieben, die entsprechenden Seiten wurden aber später herausgeschnitten. Man schämte sich wohl.» Nach 1628 haben in Engelberg praktisch keine Hexenverfolgungen mehr stattgefunden.

Der reiche Fundus an wertvollen und teilweise kunstvoll gestalteten Dokumenten aus Bibliothek und Archiv des Klosters Engelberg ist zwar nicht öffentlich zugänglich. Es gibt aber im Internet eine Sammlung ausgewählter, digitalisierter Handschriften, darunter sind auch 55 aus dem Bestand von Engelberg. Weitere sind geplant.

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