ENGELBERG: So lernen Sie Ski fahren in zwölf Stunden

Das Versprechen der Schweizer Skischulen hat es in sich: Nach nur drei Halbtagen sollen Anfänger eine einfache Piste «genussvoll» absolvieren können. Geht das? Unser Autor stand noch nie auf Ski – und wagt sich in den Schnee.

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Der dreitägige Privatunterricht beginnt mit dem Anprobieren der Ausrüstung (Bild oben) und endet – nach intensiven Trainings­einheiten – mit einer erfolgreichen Abfahrt. (Bilder: Dominik Wunderli, Roger Gruetter (Engelberg, 10.–12. Januar 2017))

Der dreitägige Privatunterricht beginnt mit dem Anprobieren der Ausrüstung (Bild oben) und endet – nach intensiven Trainings­einheiten – mit einer erfolgreichen Abfahrt. (Bilder: Dominik Wunderli, Roger Gruetter (Engelberg, 10.–12. Januar 2017))

 

Christian Hodel

christian.hodel@luzernerzeitung.ch

Das Einzige, was ich am Winter mag, ist seine Vertreibung. Eine Woche lang mache ich alles dafür, dass er sich wieder verzieht. Schon als kleiner Bub ging ich lieber an die Fasnacht statt ins Sportlager. Der Winter war mir nie geheuer. Nach einer Schramme im Gesicht, einer gebrochenen Nase und einem Kollegen, der seine Vorderzähne am Hügel verlor, hängte ich meinen Schlitten noch im Schulalter an den Nagel. Für mich war es das mit dem Wintersport – ein für alle Mal.

In jeder neuen Schulklasse musste ich mich deswegen rechtfertigen: ein Schweizer, der Schnee nicht mag! Ein Schweizer, der nicht Ski fahren kann! Das grenzt an Landesverrat. Über keine andere Sportart definiert sich die Nation so stark wie über das Skifahren. Wer dazugehören will, schnallt sich zwei Bretter unter die Füsse. Hügel rauf, Hügel runter. Jahrzehntelang drückte ich mich davor. Diese Woche nun ist es passiert. Mein erstes Mal – mit dreissig.

Tag eins: Die Reaktion eines Faultiers

«Schön locker in den Hüften», sagt Kilian Weibel. «Augen nach vorne. Ganz ruhig.» Ob er will oder nicht: In den nächsten drei Tagen muss er mir das Skifahren beibringen. Schaffe ich es nach dreimal vier Privatlektionen nicht, eine einfache Piste in paralleler Skistellung runterzukurven (siehe Kasten), offerieren mir die Schweizer Skischulen einen Wiederholungskurs – ob ich will oder nicht! Bevor ich aber an die Abfahrt denken kann, muss ich in Globis Winterland auf der Klostermatte in Engelberg die ungelenkigen Dinger an meinen Füssen unter Kontrolle bringen. Ein paar Kinder, kaum fünf Jahre alt, beobachten mich, wie ich im Pflug einen kleinen Hang runterrutsche. Sie lachen. Am liebsten würde ich ihnen die Zunge rausstrecken. «Nicht ablenken lassen», ruft mein Skilehrer energisch.

Wenn es Kilian Weibel (30) nicht schafft, mir das Skifahren beizubringen, schafft es keiner, sagt man mir bei der Anmeldung. Weibel fuhr jahrelang internationale Skirennen. Er ist technischer Leiter der 150 Skilehrer in Engelberg und bildet diese aus. Kurzum: Er ist ein Profi. Und einen solchen brauche ich jetzt – dringend. Denn schon das morgendliche Aufwärmen geht in die Hosen, äh Gelenke. Etwas eingerostet bin ich. Meine Reaktionsgeschwindigkeit ist etwa so schnell wie die eines Faultiers. Die letzte sportliche Aktivität – die diesen Ausdruck verdient – war vor zehn Jahren in der Rekrutenschule. Mir schwant Böses. Mein Skilehrer wiederum lässt sich trotz Startschwierigkeiten nichts anmerken. «Geduld, Geduld», sagt er und hilft mir die Ski umzuschnallen. «Das Gewicht aufs linke Bein verlagern. Und schön in den Pflug.» Mein Kopf versucht, seinen Worten Taten folgen zu lassen – aber mein Körper gehorcht nicht. Das linke Bein schlittert nach draussen. Auweia, denke ich. Kontrollverlust. Wenn der Fuss noch weiter rutscht, dann: Spagat. Autsch. Das tat weh.

Tag zwei: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr

Der Mittwoch beginnt gut. Auf dem ­Tellerlift, Fahrt nach oben, summe ich «Alles fährt Ski», einen alten Schlager von Vico Torriani. Kein Muskelkater – und schon nach dem Einwärmen fahre ich eine einfache Piste runter – zwar ziemlich «gstabig» und wenig «genussvoll», wie es das Angebot der Schweizer Skischulen eigentlich verspricht, aber immerhin. «Super», sagt Kilian Weibel. «Und jetzt vergessen wir den Pflug und fahren parallel.» Der Skilehrer machts vor. Schwung aus den Beinen. Drehen. Strecken. Ski parallel stellen. Carven. Bei ihm sieht es locker aus. Bei mir, als ob ich einen Besenstiel verschluckt hätte.

«Naja», sagt mein Skilehrer. «Das machen wir jetzt ein paarmal.» Aber auch beim fünften Mal wird es nicht besser. Ich verkante. Falle hin. Stehe auf. Verkante wieder, falle abermals hin. Neben mir saust ein Dreikäsehoch in einer pinken Jacke die Piste runter – rückwärts. «Ach, Gott. Was mache ich hier?», denke ich. «Doofes Skifahren.» Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Der Skilehrer scheint mein Zwischentief bemerkt zu haben. «Komm, wir springen über die kleine Schanze und dann ­Pause», sagt er. Nach dem Mittag scheint die Sonne. Und plötzlich fühlt sich meine Hüfte locker an, als hätten die Strahlen sie aufgeweicht. Auch das Problemknie gehorcht. Ich kurve durch den Schnee, als wären die Bretter unter meinen Füssen Finken. Nur das Beweisvideo, das ich den Hang einwandfrei runterkam, spricht eine andere Sprache: Es fehlt an Filigranität. Bildlich gesprochen: Als Nächstes muss der Stock im «Füdli» weg.

Tag drei: Wir zeigen es allen – und springen über die Schanze

Hügel rauf, Hügel runter: Am dritten Tag machen wir viele Kilometer, um Routine und Lockerheit zu gewinnen. Kurz nach dem Mittag dann der Testlauf: «Genussvolles Fahren» in paralleler Skistellung auf einer einfachen Piste, wie es das Kursziel vorsieht. Ich schlängle mich runter, springe im flacheren Gelände über die Schanze, bremse ab. Die Schweizer Skischulen haben ihr Versprechen gehalten. Und auch ich werde meines einlösen, das ich meinem Skilehrer gab: Ich gehe wieder auf die Piste. Ehrenwort. Aber zuerst will ich den Winter vertreiben.

Intensive Trainingseinheiten. (Bild: Dominik Wunderli, Roger Gruetter (Engelberg, 10.–12. Januar 2017))

Intensive Trainingseinheiten. (Bild: Dominik Wunderli, Roger Gruetter (Engelberg, 10.–12. Januar 2017))

Nach einer erfolgreichen Abfahrt. (Bild: Dominik Wunderli, Roger Gruetter (Engelberg, 10.–12. Januar 2017))

Nach einer erfolgreichen Abfahrt. (Bild: Dominik Wunderli, Roger Gruetter (Engelberg, 10.–12. Januar 2017))