Engelberg und die faszinierenden Engelwelten

Legendäre Engelstimmen vom Hahnen verhalfen dem Dorf zum Namen. Nun dokumentiert das Tal Museum das ganze Feld der Flügelwesen.

Romano Cuonz
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Konservatorin Nicole Eller Risi und Klosterkünstler Pater Eugen Bollin vor dem bemerkenswerten Engels-Wirtshausschild vom Kloster-Hospiz.

Konservatorin Nicole Eller Risi und Klosterkünstler Pater Eugen Bollin vor dem bemerkenswerten Engels-Wirtshausschild vom Kloster-Hospiz.

Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 14. Dezember 2019)

Besonders augenfällig ist im Engelberger Tal Museum derzeit eine rote, auf Seide gestickte, mit Metallfäden durchwirkte Fahne. Sie zeigt den Engel aus dem Engelberger Ortswappen. In der einen Hand hält er eine Blume, in der andern das Zepter. Nicole Eller Risi, Museumsleiterin und Kuratorin der neuen Ausstellung «Engelwelten» sagt dazu: «Diese Fahne der Rütlischützen-Sektion ist zwischen 1873 und 1926 angefertigt worden.» Der Entwurf stamme wohl vom Lokalkünstler Willy Amrhein. Gleich daneben prangt ein Wirtshausschild mit der Jahrzahl 1778 und der Aufschrift «Hier zum Engel». Der Benediktiner-­Pater und Klosterkünstler Eugen Bollin weiss: «Es hing einst über dem Hospiz, in dem das Kloster Pilger und Gäste unterbrachte.» Nur zwei von zahllosen Objekten aus eigener Sammlung, mit denen Kuratorin Nicole Eller Risi die Ausstellung «Engelwelten» ergänzt und lokal aufgewertet hat.

Höchst interessant ist auch die fotografische Dokumentation von Engelsdarstellungen im Kloster und in Kapellen der Umgebung. Damit richtet die Konservatorin eine Botschaft an heimische wie auswärtige Besucher: «Tut die Augen auf! In Engelberg gibt es eine ganze Palette von ­Engeln.» Konzipiert worden ist «Engelwelten» ursprünglich fürs Museum für Kunst und Geschichte in Freiburg. Der damalige Kurator Othmar Keel verspricht im Katalog: «Die Ausstellung bietet etwas Neues und bisher so noch nie Dagewesenes.» Man versuche, in einer Art Ahnenforschung erstmals eine Genealogie von ganz unterschiedlichen Engelvorstellungen der abendländischen Kultur zu erstellen. Bei ihrem Rundgang stossen Besucher auch auf zahlreiche «heidnische» Ahnen der jüdisch-­christlichen Engelsbilder. Die biblischen Cherubim und Seraphim etwa lassen sich – wie Darstellungen auf Skarabäen, Vasen oder Schalen eindrucksvoll veranschaulichen – auf ägyptische, ­kanaanäische und assyrische Vorgänger zurückführen. Bis auf 1100 Jahre vor Christus sind sie datiert. Nicole Eller Risi verspricht nicht zu viel, wenn sie sagt: «Spannend an dieser Ausstellung ist, dass wir einen Sprung von 2000 Jahren machen und ­dabei feststellen, dass unsere Schutzengel mit Darstellungen früherer Kulturen einiges gemeinsam haben.» In der Tat: Da ist eine höchst kunstvoll ausgearbeitete Göttin Isis, die mit Flügeln ein Horuskind schützt. Oder – als wohl rarstes Ausstellungsexponat – ein Ibis aus Bronze, Holz und bemaltem Stuck. Ägyptische «Engel» zeigten sich oft als Ibis. Etwa, wenn sie – zusammen mit dem Totengott Thot – Menschen ins Jenseits begleiteten.

Vielgestaltige Engelwesen...

Welch unterschiedliche Phänomene und Vorstellungen Menschen seit jeher mit dem Begriff «Engel» verbinden, wird einem im Tal Museum auf farbig anschauliche Weise vor Augen geführt. In zahllosen Bildern begegnen wir Engeln als Beschützer und Wegbegleiter. Da spielen Kinder nahe am Abgrund und entgehen der tödlichen Gefahr nur dank ihrem Schutzengel. Dort wacht ein grosser Engel über Auswanderer, die sich auf eine ungewisse, gefährliche Seereise begeben. Ja, sogar jenem Kind, das von einem Raubvogel fortgetragen wird, steht im letzten Moment ein schützender Engel zur Seite. Auch viele alltagsnahe Objekte verdienen Beachtung: Figürchen zum Aufstellen. Grabschmuck. «Leidhelgeli». Ein verstorbenes Kind vom himmlischen Hofstaat freudig als Engel aufgenommen. Pater Eugen Bollin erklärt: «Schutz­engel basieren auf einer biblisch fundierten Tradition. Weil Engel Gabriel den jungen Tobias in die Fremde führte, kam die Idee des Schutzengels auf.» Doch der Theologe betont auch: «Eine Versicherung ist der Schutzengel nicht. Engel sind nicht Gott, aber eine Möglichkeit, uns das unfassbar Göttliche zu vermitteln.» Im Leben des Benediktiners Eugen Bollin spielt der Engel eine ganz wichtige Rolle. Als Künstler stellt er ihn oft in den Torbogen der Klosterkirche. Zeigt etwa, wie er dort den Menschen abholt und ins Licht führt. Eugen Bollin wird aufs Frühjahr im Kloster eine Parallelausstellung mit Engelbildern gestalten: als wertvolle Ergänzung zu jener im Tal Museum.

...und darunter auch erschreckende Motive

Der wohl gefährlichste aller Engelmythen ist der Drachenkampf des Erzengels Michael. Auch ihn thematisiert die Ausstellung. Othmar Kehl hält im Katalog fest: «All seine Varianten haben die Tendenz, Auseinandersetzungen den Charakter eines Schicksalkrieges zwischen dem absolut Guten und dem absolut Bösen zu verleihen.» Wohin das führen kann, illustrieren im Tal Museum nationalsozialistische Plakate. Der Engel – nun als schwarzer Soldat – führt seinen Krieg gegen Judentum und Bolschewismus, die als mehrköpfiger Drachen dargestellt sind. «Engelwelten», eine Ausstellung, in der man himmlischen Wesen so vielgestaltig wie nur möglich begegnet.

Hinweis
«Engelwelten» im Tal Museum Engelberg. Noch bis 13. April 2020. Hinweise auf Öffnungszeiten und geführte Rundgänge unter www.talmuseum.ch