Es harzt zwischen den sechs Kantonen

Einmal mehr wird die Idee eines Kantons Zentralschweiz diskutiert. Dazu liefert die neue Schwyzer Kantonsgeschichte interessante Fakten.

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Der Schwyzer Staatsarchivleiter Erwin Horat hat das Verhältnis des Kantons Schwyz mit anderen Kantonen untersucht. (Bild: Bert Schnüriger /  Neue SZ)

Der Schwyzer Staatsarchivleiter Erwin Horat hat das Verhältnis des Kantons Schwyz mit anderen Kantonen untersucht. (Bild: Bert Schnüriger / Neue SZ)

«Das Gebiet rund um den Vierwaldstättersee würde sich perfekt dafür eignen: Es könnte, losgelöst von den jetzigen Grenzen, einen Kanton Zentralschweiz von idealer Grösse bilden.» So liess sich gestern der Luzerner alt Regierungsrat Ulrich Fässler in dieser Zeitung zitieren. Die sechs Kantone Luzern, Zug, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden sollten fusionieren, so Fässler.

254 Verträge

Der Historiker Erwin Horat ist Leiter des Schwyzer Staatsarchivs. In der kürzlich erschienenen «Geschichte des Kantons Schwyz» widmete er ein ganzes Kapitel der Zusammenarbeit des Kantons Schwyz mit anderen Kantonen und damit auch der Schwyzer Sicht zu diesem Thema. Laut Horat hat der Kanton Schwyz derzeit nicht weniger als 254 Verträge und Vereinbarungen mit anderen Kantonen. Dies in den Bereichen Bildung, Kultur, Kirche, Umwelt, Energie, Verkehr, Organisation, Gesundheit und Soziales.

Schwyzer Pionierrolle

Bei der Zusammenarbeit innerhalb der Zentralschweiz hatte Schwyz in den Sechzigerjahren sogar eine Pionierrolle inne: Es war der Kanton Schwyz, der am 5. Juni 1966 die Schaffung einer Zentralschweizer Regierungskonferenz anregte. «Auf den Schwyzer Vorschlag antworteten die Kantone rasch und zustimmend», so Horat. Eine erste Versammlung fand am 28. Oktober 1966 in Immensee statt. Seither hat das Gremium beträchtlich an Bedeutung gewonnen und war seither oft die Mutter der Zentralschweizer Konkordate.

«In den letzten Jahren sind in der Zentralschweiz die Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit trotz Regierungskonferenz und vielen Konkordaten grösser geworden», stellt Horat fest. Der Grund liege bei der unterschiedlichen wirtschaftlichen und politisch-gesellschaftlichen Entwicklung der Kantone. Ein früherer Hauptstreitpunkt, die Tiefsteuerstrategie in Schwyz, Zug und Nidwalden, sei inzwischen in den übrigen drei Kantonen entkräftet worden.

Zürich, nicht Luzern

Entscheidend ist für Horat aber die unterschiedliche Ausrichtung der Kantone. «Der Kanton Schwyz pflegt wie Zug aufgrund seiner Lage seit Jahrhunderten Beziehungen zu den beiden Zentren Luzern und Zürich. Die anderen Zentralschweizer Kantone sind hingegen klar nur nach Luzern orientiert, das sich seinerseits als Zentrum der Zentralschweiz versteht», schreibt er. Schwyz und Zug bereite diese Einschätzung oft Mühe. Horat findet dabei die Unterstützung des Zürcher Wirtschaftshistorikers Tobias Straumann. Er hat in einem anderen Kapitel der Schwyzer Kantonsgeschichte die derzeitigen Schwyzer Pendlerströme untersucht und kommt zum Schluss: «Luzern hat nur als Pendlerdestination Einfluss, nicht aber als expandierende Wirtschaftsmetropole, die über ihre Grenzen hinaus wirkt. In Zukunft dürfte sich die Orientierung der Schwyzer Wirtschaft hin zu Zürich und Zug verstärken.»

2009 trat darum der Kanton Schwyz dem neuen Verein Metropolitanraum Zürich bei. «Schwyz wendet sich Zürich zu», titelte damals die Neue SZ und illustrierte den Artikel mit einer Karikatur von Jals. Sie zeigte einen Schwyzer mit Blumenstrauss, der die Zürcher Braut umwirbt. Diese Karikatur steht inzwischen auch bei Erwin Horats Kapitel in der Kantonsgeschichte. Peter Reichmuth, Sekretär des Schwyzer Volkswirtschaftsdepartements, sagte damals zur Neuen SZ: «Der Motor unserer Entwicklung liegt stärker in Zürich als in der Zentralschweiz.»

Getrübtes Verhältnis

Mehrere Ereignisse der jüngsten Zeit trübten zudem das Verhältnis unter den Zentralschweizer Kantonen aus Schwyzer Sicht: Im 19. Dezember 2006 beschlossen die Kantone Luzern und Aargau eine Rahmenvereinbarung über ein intensiveres Zusammengehen. Dazu hält Erwin Horat fest: «Dabei war nicht die Kooperation zwischen Luzern und Aargau problematisch; stossend für die anderen Zentralschweizer Kantone war der Umstand, dass sie aus den Medien davon erfahren mussten.»

Eine weitere Trübung stellte sich ein, als der Kanton Luzern aus dem Konkordat für die Pädagogische Hochschule Zentralschweiz (PHZ) austrat. Horat: «Dieser Schritt wurde in Schwyz und Zug mit Befremden aufgenommen. Denn die Weiterführung der Teilschulen in Goldau und Zug stellt diese Kantone vor grosse Herausforderungen.» Kommt hinzu: Jahrelange Bemühungen um einen Zentralschweizer Kulturlastenausgleich offenbarten beträchtliche Differenzen zwischen den Zentralschweizer Kantonen.
Konfliktpotenzial zwischen Luzern und den übrigen Zentralschweizer Kantonen ortet der Schwyzer Historiker auch beim Projekt Polizei XXI.

Bert Schnüriger