FAMILIE: Grosse Hürden für angestellte Väter

Firmen tun sich mit dem Thema Vaterschaftsurlaub und dem Wunsch nach Teilzeitpensen schwer – wir haben bei Unternehmen in der Region nachgefragt.

Vasilije Mustur
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Viele Väter würden sich in der heutigen Zeit für eine Babypause entscheiden. Im Bild Reto Hermann mit seinem Sohn Noah. Hermann hatte nach der Geburt Noahs 2008 von seinem Arbeitgeber zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub erhalten. (Bild: Archiv Remo Nägeli / Neue LZ)

Viele Väter würden sich in der heutigen Zeit für eine Babypause entscheiden. Im Bild Reto Hermann mit seinem Sohn Noah. Hermann hatte nach der Geburt Noahs 2008 von seinem Arbeitgeber zwei Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub erhalten. (Bild: Archiv Remo Nägeli / Neue LZ)

Die meisten Männer kennen dieses Gefühl: Kaum ist das Baby auf der Welt, müssen die frischgebackenen Familienväter wieder zurück an ihren Arbeitsplatz – und das, obwohl in ihnen der Wunsch, den kleinen Erdenbürger besser kennen zu lernen, von Tag zu Tag wächst.

Aus diesem Grund wollte die «Neue Luzerner Zeitung» in einer breit angelegten, aber nicht repräsentativen Umfrage wissen, wie viel Vaterschaftsurlaub Zentralschweizer Firmen ihren männlichen Mitarbeitenden gönnen. Ausserdem fragte unsere Zeitung, ob sie nach der Geburt des Kindes über ein Teilzeitpensum – insbesondere in Kaderpositionen – mit sich reden lassen. Das Ergebnis: Bei der Babypause und der Frage nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie kommen Zentralschweizer Firmen zu unterschiedlichen Auffassungen. Insgesamt dürfen Papis mit einer kurzen Babypause rechnen.

Mobility und CSS auf Spitzenplätzen

So gewährt zum Beispiel die Zuger Kantonalbank eine Babypause in Höhe von zehn Arbeitstagen bei einem Beschäftigungsgrad von 100 Prozent. Damit belegt die Staatsbank in unserer Umfrage den Spitzenplatz. Ebenfalls eine Vorreiterrolle nimmt die Luzerner Mobility ein. Demnach erhalten Arbeitskräfte des Carsharing-Unternehmens mit Sitz in Luzern im ersten Dienstjahr einen fünftägigen Vaterschaftsurlaub – ab dem vierten Arbeitsjahr sind es bis zu 20 Arbeitstage. «Wir stellen im Tagesgeschäft hohe Anforderungen an unsere Mitarbeitenden, wollen ihnen aber auch im Gegenzug ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben ermöglichen», sagt Mobility-Sprecher Patrick Eigenmann.

Aufgeschlossen zeigt sich auch die CSS. Der Innerschweizer Krankenversicherer lässt eine siebentägige Kinderzeit zu – davon zwei Tage für die Geburt und fünf Tage Vaterschaftsurlaub.

Vaterschaftsurlaub bei Zentralschweizer Firmen (Bild: Grafik: Oliver Marx)

Vaterschaftsurlaub bei Zentralschweizer Firmen (Bild: Grafik: Oliver Marx)

Während das Innerschweizer Familienunternehmen Schurter mit sechs Tagen Vaterschaftsurlaub wie die Zuger Kantonalbank, Mobility und die CSS obenaus schwingt, liegt der Durchschnittswert bei fünf Tagen. So wie beim Zentralschweizer Energieversorger CKW, dem Bauzulieferer Sika, der Urner Kantonalbank oder dem Luzerner Kantonsspital (siehe Grafik). Eine kürzere Babypause kann sich das Spital für seine Väter nicht vorstellen. «Weil wir uns als familienfreundlichen Betrieb verstehen, erachten wir es als wichtig, Massstäbe zu setzen. Darum bieten wir diese freiwillige Leistung gerne an», sagt Kantonsspital-Sprecherin Ramona Helfensberger.

Thermoplan will keine Teilzeit-Väter

Allerdings sind nicht alle Firmen gleich grosszügig: Das Medizinalunternehmen B. Braun lässt ausrichten, dass es keinen Vaterschaftsurlaub gewährt, beteuert aber, das Thema «sehr ernst» zu nehmen und dieses in Zukunft anzugehen. Dem Guetzlihersteller Hug reichen drei Tage Babyzeit aus. Hug möchte den Vätern lediglich Zeit geben, um «die notwendigen Formalitäten» zu erledigen. Der Luzerner Milchverarbeiter Emmi gewährt zwei Tage.

Zurückhaltend ist man bei der Firma Thermoplan: Hier erhielt unsere Zeitung keine offizielle Stellungnahme. Doch berichten informierte Personen, dass Thermoplan-Mitarbeitende drei Tage Vaterschaftsurlaub zugesprochen bekommen, die innert 14 Tagen nach der Geburt zu beziehen sind – dies, um die Partnerin und das Kind im Spital zu besuchen und Behördengänge zu erledigen. Ausserdem habe die Firma davon Abstand genommen, Vätern in Kaderpositionen nach der Geburt des Kindes ein Teilzeitpensum anzubieten. Die Koordination und die Sicherung des Know-hows über die gesamte Präsenzzeit seien zu anspruchsvoll, und es fehle noch «an der Bereitschaft, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, die Teilzeit ermöglichen», heisst es aus informierten Kreisen.

Kein Anspruch auf Teilzeit

Thermoplan steht mit dieser Politik nicht allein da – die in Bezug auf den Vaterschaftsurlaub grosszügige Mobility sieht für Teilzeitpensen bei Führungskräften eine zu grosse Herausforderung. «Einen grundsätzlichen Anspruch auf eine Pensenreduktion gibt es nicht. Kaderleute tragen Verantwortung, deren Verteilung auf andere Schultern ist nicht ganz einfach – weder inhaltlich noch zeitlich», sagt Mobility-Sprecher Eigenmann.

Sybille Sachs, Leiterin des Institutes für Strategisches Management an der HWZ Hochschule für Wirtschaft, ist Expertin auf dem Gebiet der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie kann diese kritische Haltung nicht nachvollziehen: «Schweizer Unternehmen leben nach wie vor im Irrglauben, dass die Mutter primär zu Hause bei den Kindern zu bleiben und Teilzeit zu arbeiten hat, während der Vater die Karriere zu verfolgen und die Familie zu ernähren hat.» Wenn ein Mann aus dem gewohnten Schema ausbreche, werde dieser laut Sachs schnell als «nicht motivierter Mitarbeitender gesehen, der die falschen Prioritäten» setze. In diesem Zusammenhang hält Sachs den Standpunkt der fehlenden Präsenz im Büro gerade in Zeiten von Smartphones und ständiger E-Mail-Erreichbarkeit nicht für ein zeitgemässes Argument, um den Vätern Teilzeitmodelle zu verunmöglichen. Ausserdem ist die Professorin überzeugt, dass sich Teilzeit-Väter «inspirierter, kreativer und motivierter» am Arbeitsplatz verhalten – «wenn wir sie lassen».

Eine Studie von Pro Familia aus dem Jahr 2011 mit dem Titel «Was Männer wollen» belegt, dass oftmals diejenigen Mitarbeiter im Alter zwischen 31 und 40 Jahren durch höhere Unzufriedenheit am Arbeitsplatz auffallen – darunter sind 56 Prozent Familienväter. Überdies geht aus der Erhebung hervor, dass sich 90 Prozent der Väter eine Arbeitszeitreduktion wünschen und auch bereit wären, eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen.

Innerschweizer Banken als Vorbild

Dass es bei der Frage der Teilzeitpensen anders geht, zeigen unter anderem die Zentralschweizer Staatsbanken – fortschrittlich geht man das Thema bei der Urner Kantonalbank an. Diese hält Teilzeit für Kadermitglieder bis zu einem Pensum von mindestens 60 Prozent für unbedenklich. Ähnlich sieht man das bei der Luzerner Kantonalbank (LUKB). «Kadermitarbeitende haben die Möglichkeit, in einem Teilzeitpensum zu arbeiten», sagt LUKB-Sprecher Roger Müller. Insgesamt würden aktuell beim Finanzhaus 20 von 391 Führungskräften in einem reduzierten Pensum arbeiten.

Neben den Banken hat auch das Familienunternehmen Schurter keine Berührungsängste in Sachen Teilzeitführungskräfte. «In den meisten Funktionen ist dies problemlos, da die Abdeckung durch einen Stellvertreter gegeben ist», lässt Schurter-Sprecherin Sandra Mendez ausrichten.