FLIEGEREI: Das Drama an den Heubergen

In den Schwyzer Heubergen ereignete sich eine Katastrophe. 4 Flugzeuge zerschellten an den Felswänden. Nur ein Mann überlebte. Das Drama jährt sich zum 75. Mal.

Léa Wertheimer
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Das Denkmal mit dem Bauernjungen in Muotathal. (Bild: Erhard Gick / Neue SZ)

Das Denkmal mit dem Bauernjungen in Muotathal. (Bild: Erhard Gick / Neue SZ)

Der Bauernjunge hält die Hände abwehrend über seinen Kopf, blickt angstvoll in den stahlblauen Himmel über Muotathal. Seit über 70 Jahren steht er da, auf dem Denkmal, das an ein Unglück erinnert, welches sieben junge Menschenleben forderte. Damals war das Wetter keineswegs freundlich. Wolken zogen durch die Täler, Nebelschwaden verhüllten Teile der Schwyzer Berge. Unheil lag in der Luft.

Das Denkmal mit dem Bauernjungen in Muotathal. (Bild: Erhard Gick / Neue SZ)

Das Denkmal mit dem Bauernjungen in Muotathal. (Bild: Erhard Gick / Neue SZ)

27. August 1938, kurz vor 15 Uhr, Militärflugplatz in Dübendorf

Fünf Piloten treffen sich zur Einsatzbesprechung. Nur einer von ihnen sollte den Tag überleben. Der jüngste, Leutnant Oskar Stäuble, ist gerade mal 24 Jahre alt – nicht ungewöhnlich, steckte doch die Schweizer Luftwaffe damals selbst noch in den Kinderschuhen. Die Pilotenausbildung dauerte nur 171 Tage. Der ranghöchste Offizier, Hauptmann Decio Bacilieri, führt den Einsatz. Mit seinen 33 Jahren ist er Kommandant der Fliegerkompanie 10 und einer der erfahrensten Piloten seiner Zeit. Zu ihnen stossen drei Beobachter und zwei Mechaniker, auch sie blutjung, gepackt von der Faszination der Fliegerei. Drei stiegen an jenem Tag zum letzten Mal gen Himmel.

Neben der Piste stehen die Maschinen bereit: Doppeldecker des Typs Fokker CV-E mit offenen Cockpits und Holzpropellern. Die stoffbespannten Rümpfe und Flügel wirken allzu zerbrechlich für Flugzeuge, die für den Krieg konstruiert worden waren.

Dübendorf, kurz nach 15 Uhr

Bacilieri informiert die Besatzungen über die Wetterverhältnisse auf ihrer Route. Mittlerweile tragen die Piloten dicke, unförmige Lederkombis, die sie in der Luft gegen Wind und Wetter schützen. Ihr Flug soll sie an diesem Tag über die Alpen führen. Die fünf Maschinen wurden nach Bellinzona beordert, um dort an einem internationalem Flugtag die Schweizer Luftwaffe zu vertreten. Unterwegs sollen die Besatzungen die Zeit für Flug- und Funkübungen nutzen. Doch das Wetter ist tückisch. Zwar erhalten die Piloten Daten, doch mit den aktuellen Flugwetterprognosen haben jene Angaben noch nicht viel gemein. Es gibt keine Webcam, die Bacilieri zeigen würde, dass mehrere Wolkenschichten am Druesberg hängen.

Die «Schweizer Familie» berichtete über das Unglück. (Bild: Bundesarchiv)

Die «Schweizer Familie» berichtete über das Unglück. (Bild: Bundesarchiv)

Zur selben Zeit in Bellinzona

Ein älterer Herr macht sich bereit, um am Flugplatz seinen Sohn, Frederico del Grande, abzuholen. Er ist einer der Piloten und hat versprochen, spätestens um 17 Uhr in Bellinzona zu landen.

Dübendorf, 15.33 Uhr

Die fünf Maschinen sind gestartet, sie fliegen in einer keilförmigen Formation Richtung Disentis. Die geplanten Übungen verlaufen reibungslos. Doch dann geraten die Flugzeuge kurz vor Druesberg zwischen zwei Wolkenschichten. Bacilieri führt die Formation als Leader an, die anderen vier Piloten sind ausgebildet, ihm eisern zu folgen. Nur wenn sie die Abstände einhalten und sich nach ihm ausrichten, können sie das Risiko einer Kollision in der Luft in Schach halten. Die Wolkenzange schliesst sich immer mehr um die fünf Flugzeuge. Sie sind nicht gemacht, um in den Wolken zu fliegen, zu rudimentär sind die Instrumente. Bacilieri sucht einen Ausweg, ein Loch, durch das er und seine Kameraden nach oben stechen könnten. Vergeblich. Es gibt keinen Ausweg. Bacilieri beschliesst, nach Dübendorf zurückzukehren, und dreht nach rechts ab. Um einen Zusammenstoss mit den nachfolgenden Flugzeugen zu verhindern, lässt er seine Maschine nach unten sacken und gerät mitten in eine Wolke. Er verliert die Orientierung.

Am Druesberg, 15.56 Uhr

Bacilieris Maschine schmiert ab, trudelt und streift mit dem Flügel die Bergflanke. Das Flugzeug stürzt ab und fängt Feuer. Pilot Bacilieri und sein Beobachter Hugo Sommerhalder überleben mit schwersten Brandwunden. Sommerhalder zerrt sich aus dem Wrack, verliert dabei seinen Schuh. Die Lederkombis schmoren, sie reissen sich gegenseitig die Anzüge ab und machen sich trotz der Verletzungen auf den Weg ins Tal. Eine schier unmenschliche Leistung. Die beiden schaffen es bis in die Klubhütte Druesberg, wo Decio Bacilieri den Flugplatz Dübendorf informiert. Noch weiss er nicht, wie es seinen Kameraden erging. Seine Haut ist zu über 50 Prozent verbrannt. Am 7. September erliegt der «Capitano» seinen Verletzungen im Spital Einsiedeln. Hugo Sommerhalder überlebt. Am 29. August – nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – nimmt er seinen Dienst wieder auf.

Südhang des Heubergs, 15.57 Uhr

Die anderen vier Piloten verlieren sich aus den Augen, die Wolken nehmen ihnen die Sicht. Von allen Seiten droht Gefahr, sei es nun von Berghängen oder von den Flugzeugen ihrer Kameraden. Nur klarer Himmel kann Rettung bringen. Die vier Maschinen schiessen durch die Wolke. Sie schaffen die 180-Grad-Umkehrkurve  ... beinahe. Drei zerschellen an den südlichen Hängen des Heubergs, unter ihnen Frederico del Grande, dessen Vater bis 20 Uhr vergeblich in Bellinzona auf seinen Sohn wartet. Del Grande, Sven Mumenthaler, Carlo Bonetti, Gino Romegialli, Oskar Stäuble und Hans Schlegel haben keine Überlebenschance. Zu heftig ist der Aufprall, wie die Trümmerfelder später zeigen sollten.

15.58 Uhr

Aber ein Flugzeug ist noch immer in der Luft. Am Steuer sitzt Werner Guldimann, mit ihm fliegt Mechaniker Arthur Favre. Auch sie haben die anderen Flugzeuge aus den Augen verloren, wissen nicht um das Drama. Wie zuvor sein Kommandant verliert auch Guldimann die Kontrolle über seine Fokker. Er lässt das Flugzeug nach unten tauchen, um Fahrt und damit Auftrieb zu erhalten – und sticht aus dem Nebel heraus, nur 20 Meter von einer Felswand entfernt schrammen er und sein Mechaniker am sicheren Tod vorbei. Um 17.40 landen sie unverletzt in Bellinzona, erschüttert, dass keiner ihrer Kameraden sie erwartet.

Das Drama schockierte die Schweiz, und noch heute gedenkt die Luftwaffe immer wieder der Toten vom 27. August 1938. In einem Ritual wird allen jungen Piloten die Geschichte der Fliegerkompanie 10 erzählt, und sie lernen das Lied «La canzone dell’ aviatore». Das melancholische Lied, das in Erinnerung an die Verunglückten vom Tessiner Waldes Keller komponiert wurde, gilt heute als inoffizielle «Hymne» der Schweizer Luftwaffe.

Luftwaffe mit viel Glück

SICHERHEIT lea. Die Geschichte der Schweizer Luftwaffe ist gespickt von Unfällen. Glücklicherweise blieben die fliegenden Truppen in den vergangenen Jahren von Abstürzen mit Todesopfern verschont. Zwar hat die Luftwaffe in ihrem knapp hundertjährigen Bestehen in Sachen Sicherheit gelernt, «dass wir die letzten Jahre aber keine Toten zu beklagen hatten, war auch Glück», sagt Jürg Kobert, Chef Flugsicherheit. Es habe verschiedene Vorfälle gegeben, bei welchen Personen hätten sterben können. Kobert selbst überlebte einen Absturz 1982 mit einem Kampfjet nur, weil er den Schleudersitz betätigte. Sein Partner hatte ihn während einer Übung abgeschossen.

«Glück im Unglück»

Tatsächlich datiert der letzte tödliche Absturz vom November 2002. Seither passierten zwar Abstürze, erklärt Kobert, wie jener eines Helikopters im Maderanertal. Die Besatzung konnte nach einer langen Rettungsaktion schwer verletzt geborgen werden. «Das war Glück im Unglück, es hätte schlimmer kommen können.» Dass die Zahl der Toten bei Flugzeugabstürzen stetig abnimmt, habe verschiedene Gründe. «Als die Fliegerei noch in den Kinderschuhen steckte, flogen wagemutige Männer nach dem Prinzip «Versuch und Irrtum». Man probierte neue Konstruktionen oder Flugmanöver aus. Wer Glück hatte, überlebte seinen Flug und konnte von seinen Erfahrungen profitieren. Oft aber kamen die Piloten, meist Unternehmer, die noch in Hemd und Krawatte flogen, ums Leben.

Dann kamen die Weltkriege. «Man entwickelte die Flugzeuge als Waffen weiter, die Idee eines Transportmittels spielte eine untergeordnete Rolle», erzählt Kobert. Besonders im zweiten Weltkrieg wurden weltweit Flugzeuge in Massen produziert, Piloten nach wenigen Tagen Ausbildung in den Luftkampf geschickt. Hunderte überlebten ihren ersten Einsatz nicht. «Die Maschinen waren anspruchsvoll und verfügten über keinerlei Reservesysteme, wenn etwas kaputtging.»

Erst nach dem Krieg begann man in die technische Zuverlässigkeit zu investieren. «Man merkte etwa, dass Höhenmesser zuweilen defekt waren, also baute man ein zweites Instrument ein.» Dadurch gelang es, die Zahl der Todesfälle drastisch zu reduzieren. «Man stürzte nicht gleich ab, wenn etwas ausfiel.» Als die Technik immer zuverlässiger wurde, merkte man, dass oft menschliches Versagen zu Unfällen führte. Besonders oft kamen in der Schweiz junge Piloten oder Flugschüler ums Leben. «Also investierte man vermehrt in die Ausbildung der Piloten.»

Bessere Ausbildung

Heute dauert die Ausbildung der Militärflieger rund 8 Jahre. Das wirkte sich positiv auf die Unfallstatistik aus. «Seit 2012 verfügt die Luftwaffe zudem über ein Sicherheitsmanagement, welches die Risiken kalkulieren soll», sagt Kobert. Einen Schritt, den zivile Airlines längst gemacht haben. Teil dieses Systems sei auch eine Sicherheitskultur. Dazu gehöre, dass die Piloten ihre Fehler melden. «Das war früher nicht so. Auf diese Art können wir aber daraus lernen.» Kobert sieht nüchtern in die Zukunft. «Ich kann nicht ausschliessen, dass zwei F/A-18 am Himmel während des anspruchsvollen Trainings kollidieren.» Bleibt zu hoffen, dass in Schweizer Cockpits auch künftig das Glück mitfliegt.

Das zerstörte Flugzeug von Frederico del Grande. (Bild: PD)

Das zerstörte Flugzeug von Frederico del Grande. (Bild: PD)