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FLÜCHTLINGE: «Die Vergangenheit holt die Jugendlichen manchmal ein»

In Luzern leben ungefähr 150 minderjährige Asylsuchende und Flüchtlinge, die alleine aus ihrer Heimat geflüchtet sind. 70 dieser unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) wohnen derzeit im ehemaligen Motel Pilatusblick, das vor knapp einem Jahr in ein UMA-Zentrum umfunktioniert wurde. Jenny Bolliger (36) ist dort seit November 2015 als Vertrauensperson tätig. Sie erklärt, wie die Jugendlichen ihre Flucht verarbeiten und was sie im Alltag beschäftigt.
Interview Gabriela Jordan
Im ehemaligen Hotel Pilatusblick in Kriens wohnen seit November 2015 unbegleitete minderjährige Asylbewerber – sogenannte UMAs. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Im ehemaligen Hotel Pilatusblick in Kriens wohnen seit November 2015 unbegleitete minderjährige Asylbewerber – sogenannte UMAs. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Jenny Bolliger, im Zentrum in Kriens leben Kinder und Jugendliche aus Somalia, Eritrea, Afghanistan oder Syrien. Meistens haben sie eine beschwerliche Flucht hinter sich. Wie erleben Sie diese Jugendlichen?

Jenny Bolliger: Die Geschichte und das Verhalten jedes Flüchtlings sind natürlich individuell. Doch die meisten sind am Anfang sehr verschüchtert und zurückgezogen. Zuerst versuchen sie, zu begreifen, dass sie nun hier bleiben und endlich verschnaufen können. Sie sind oft sehr müde und schlafen viel, beobachten aber auch den Ort, an dem sie gelandet sind. Nach einigen Tagen öffnen sie sich und suchen den Kontakt zu den anderen Jugendlichen im Zentrum. Nach einer Weile spüren sie, dass sie in Sicherheit sind und fangen an, rauszugehen.

Was brauchen sie zu diesem Zeitpunkt vor allem?

Bolliger: Sie brauchen sicher Ruhe und einen Ort, wo sie sich zurückziehen können. In der Unterkunft wird für jeden UMA eine Bezugsperson mit sozialpädagogischer Ausbildung zur Seite gestellt, welcher sie sich anvertrauen können; meistens mit Hilfe eines Übersetzers. Zusätzlich haben sie eine Vertrauensperson – wie mich –, die sie im Asylverfahren begleitet. Die Begleitungsstruktur ist je nach Zentrum oder Pflegefamilie etwas anders. In Kriens ist sie relativ engmaschig, weil bei uns die Jüngeren und Verletzlicheren einquartiert sind. Es ist immer jemand dort, an den sich die Jugendlichen wenden können.

Was beschäftigt sie nach der Flucht und später im Alltag am meisten?

Bolliger: Eine grosse Belastung ist natürlich das Asylverfahren. Sie haben Angst vor der Anhörung in Bern, und ob sie sich an alle Details der Flucht erinnern können. Das ist in Traumasituationen oft schwierig. Dann fürchten sie sich natürlich vor dem Asylentscheid. Solange sie nicht wissen, ob sie hier bleiben dürfen, hält sie dies auch zurück, sich voll und ganz einzubringen und zum Beispiel Deutsch zu lernen. Ansonsten sind es auch alltägliche Dinge, die sie beschäftigen und die sie uns anvertrauen. Ein Mädchen wurde zum Beispiel einmal von einem fremden Mann an der Bushaltestelle angesprochen und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. In solchen Momenten spüren wir, wie viel Vertrauen sie uns entgegenbringen.

Sind ihre Vergangenheit und ihre Familien zu Hause oft ein Thema?

Bolliger: Solange die Verhältnisse zu Hause gleich bleiben, ist es eigentlich selten ein Thema. Die Vergangenheit holt sie aber manchmal ein, wenn es eine Veränderung gibt: Wenn es eine Schiesserei in Syrien gibt, ein Familienmitglied auf der Flucht ist oder sie ihre Eltern plötzlich nicht mehr erreichen. Das verursacht eine grosse Unsicherheit und sie sind traurig und gestresst. In der Regel erlebe ich sie aber als sehr zukunftsorientiert und ehrgeizig. In der Schule vergleichen sie sich oft und wollen zum Beispiel unbedingt Nachhilfeunterricht, um schneller am Alltag in der Schweiz teilnehmen zu können.

Auch bei den Jugendlichen kommt es manchmal zu Veränderungen. Etwa wenn sie in eine Pflegefamilie umquartiert werden. Welche Herausforderungen stellen sich dabei?

Bolliger: Eine neue Platzierung nehmen wir nicht aus dem Nichts vor. Unter 14-Jährige werden in der Regel nach einem kurzen Zentrumsaufenthalt in eine Pflegefamilie platziert. Wir begleiten die Jugendlichen sowie die Pflegefamilie sehr eng und sie lernen sich vor dem Umzug kennen. Die Familien haben meistens Fragen zur Kultur der Jugendlichen, was sie essen, ob sie zur Kirche gehen. Bei der Betreuung tauchen ganz normale Probleme auf, wie es sie bei anderen Jugendlichen auch gibt: sie waschen nicht ab, wollen länger ausgehen oder mehr Taschengeld erhalten.

Beim Attentäter in Würzburg handelte es sich um einen minderjährigen Afghanen, der integriert war und gute Perspektiven hatte. Welche Gründe können dahinter stecken, dass jemand, der zufrieden wirkt, plötzlich eine solche Tat begeht?

Bolliger: In diesem Fall kann ich das nicht beantworten. Grundsätzlich kann ich vielleicht sagen, dass es sehr junge und verletzliche Personen sind. Sie haben eine schwierige Geschichte, mit der sie fertig werden müssen und man kann sie leichter manipulieren. Es ist vorstellbar, dass jemand so in die falschen Kreise geraten kann.

Gibt es im Zentrum in Kriens Massnahmen, um solche Veränderungen früh genug zu erkennen?

Bolliger: Durch die enge Struktur und die Gespräche merken wir gleich, wenn es jemandem schlecht geht oder sich etwas verändert. Wir weben ein enges soziales Netz um die Jugendlichen, wirken koordinativ und suchen Vereine für sie. Es ist natürlich eine Anstrengung für sie, sich hier zurechtzufinden. Doch ich erlebe sie sehr positiv und kann mir nicht vorstellen, dass so etwas bei uns passiert.

Interview Gabriela Jordan

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