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FORUM: Daniela Bühler: Die Frau, die jeden Leserbrief liest

Daniela Bühler (50), Leserbrief-Redaktorin unserer Zeitung.
Interview Turi Bucher
Daniela Bühler (50), Leserbrief-Redaktorin unserer Zeitung. (Archivbild Manuela Jans)

Daniela Bühler (50), Leserbrief-Redaktorin unserer Zeitung. (Archivbild Manuela Jans)

Daniela Bühler betreut via forum@luzernerzeitung.ch die Leserbriefe, die zumeist mit dem Wunsch zur Veröffentlichung an unsere Zeitung gesendet werden. Zwar liegt noch ein Brieföffner von ihrem Vorvorgänger auf dem Pult, doch die meiste Post wird mittlerweile elektronisch abgewickelt. Täglich erhält sie rund 20 bis 30 Mails, zwei Drittel davon sind Leserbriefe.

Hat sie die aktuellen Leserbriefe gesichtet, bestellt sie den von ihr benötigten Platz für die nächste Zeitungsausgabe, manchmal eine ganze Seite, manchmal eine halbe. Ausserdem wählt sie zusammen mit dem Fototeam zur Illustration der Seite ein Leserbild (leserbild@luzernerzeitung.ch) aus. «Jeder erhält eine Antwort», sagt Daniela Bühler. Ausser die natürlich, die absichtlich eine falsche Adresse angeben ...

Daniela Bühler, ein Leser hat mir empört geschrieben, weil er offenbar eine ironische Anmerkung in einem Artikel von mir nicht richtig verstanden hat. Wie soll ich reagieren?

Daniela Bühler: Auf jeden Fall antworten. Auf Beschwerden oder Reklamationen antworten wir seriös. Wenn es der Fall erlaubt, antworten wir auch mal humorvoll. Das ist halt so eine Sache: Ironie in der Zeitung hats schwer ...

Wie ist der Umgang mit unseren Lesern eigentlich? Nett? Lieb? Mühsam? Anstrengend?

Bühler: Es gibt alles. Leserbriefschreiber haben ja dieses Image, selbst ernannte Abwarte und kleinliche Nörgler zu sein. Aber das stimmt überhaupt nicht: Fast alle haben ein ernst zu nehmendes Anliegen und nehmen sich immerhin die Mühe, dafür einen Leserbrief zu verfassen und mit ihrem Namen für ihr Anliegen hinzustehen. Viele sind freundlich und gut vernetzt und können sich gut ausdrücken. Ich habe jeden Tag Momente, wo ich denke: Das ist jetzt aber ein guter Text.

Wie können Sie kontrollieren, dass nicht jemand mit falschem Absender in die Zeitungsspalten will?

Bühler: Es ist tastsächlich nicht möglich, alle Absender zu kontrollieren. Ich mache Stichproben. Nach sechs Jahren hat man ein gewisses Gespür – und nach ungefähr 15 000 veröffentlichten Leserbriefen hoffe ich immer noch jeden Tag, dass es mich nicht verlässt. Ich habe schon mehrere Male Briefe mit falscher Adresse erwischt und rausgepickt. Und ich muss zugeben, wenn einer einen sehr polemischen Brief mit «Müller» unterschreibt, werde ich unruhig.

Die böseste Reaktion eines Leserbriefschreibers?

Bühler: Wenn zwei mit gleichem Namen im selben Dorf wohnen und einer von beiden schreibt einen Leserbrief, ist die Verwechslungsgefahr gross. Oft bekommt dann der falsche Adressat gehässige Briefe und Telefonanrufe – und hat dann auch noch eine ganz andere Meinung. Die meisten Opfer solcher Verwechslungen gehen damit sehr locker um – aber es hat schon sehr schwierige Situationen gegeben. Wir sind diesbezüglich vorsichtiger geworden, indem wir nötigenfalls in der Autorenzeile genauere Angaben über ­einen Autor machen. Wir geben zum Beispiel Doppelnamen an oder Berufsbezeichnungen.

Journalisten lassen sich nicht gern in ihre Texte dreinreden. Und gekürzt dürfen sie schon gar nicht werden. Wie ist es mit den Leserbriefschreibern?

Bühler: Sehr unterschiedlich. Die einen kennen das Geschäft ein bisschen. Aber andere haben ein ganz anderes Verständnis von Texten – sie sehen den Text als etwas geradezu Heiliges –, schon ein gestrichenes «und» kann da als sinn­entstellend wahrgenommen werden. Ich habe aber gewisse Sachzwänge – zum Beispiel ein Layout, in das ein Text oder mehrere Texte passen müssen. Oft muss ich bei drei Texten in einer Spalte entscheiden, bei welchem ich wie viel kürze. Einmal hatte ich eine Leserin, die sich ständig darüber beklagte, dass ihre Briefe gekürzt würden. Ich erklärte ihr, dass sie das nicht persönlich nehmen solle und ich auch andere Briefe kürzen müsse. Wissen Sie, was die Dame dann getan hat?

Kürzere Briefe wird sie wohl nicht geschrieben haben.

Bühler: Nein. Ganz anders. Sie hat alle anderen Leserbriefschreiber, die auf derselben Seite vertreten waren, angerufen und sich erkundigt, ob deren Leserbrief auch gekürzt wurde.

Und doch, ich weiss es ja selber, die schönen Erlebnisse mit unseren Lesern überwiegen.

Bühler: Nun, in Sachen Leserbriefe, da ist halt schon oft Zornesröte mit im Spiel. Man hat ein echtes Anliegen und eine schlaflose Nacht lang an einem Text herumgefeilt. Und dann wird er auch noch gekürzt! Aber es gibt jeden Tag auch schöne und lustige Erlebnisse. Einmal musste ich einem Parteipräsidenten erklären, warum ich seine Leserbriefe gelegentlich nicht brachte: Weil er darin oft die 08/15-Argumente seiner Partei zu einer Abstimmung brachte. Ich habe ihm frischere Argumente empfohlen, solche, die mehr aus dem Leben gegriffen sind, in denen man ein bisschen Herzblut spürt. Normalerweise antworten die Leute dann: Kritisieren Sie meinen Leserbrief nicht! Aber dieser Parteipräsident, der hat sich das richtig zu Herzen genommen, seine Briefe wurden massiv besser, sogar die meisten Briefe seiner Parteikollegen.

Was tun Sie, wenn jemand mit der Kündigung des Zeitungsabonnements droht, wenn sein Leserbrief nicht abgedruckt wird.

Bühler: Ich versuche, einen Kompromiss zu finden und zum Beispiel einen Auszug zu bringen – oder gebe ihm einem Rat, wo er das Schreiben sonst hinschicken kann. Wenn es einfach unmöglich ist, einen Brief abzudrucken, dann gebe ich eine freundliche, aber ehrliche Begründung.

Was für Leserbriefe sind denn «unmöglich»?

Bühler: Leserbriefe, die in der Zeitung veröffentlicht werden, dürfen keine Beschimpfungen und Ehrverletzungen beinhalten und nicht geschäftsschädigend oder rassistisch sein. Und, wie schon erwähnt, Kürzungen bleiben vorbehalten. Dazu muss die vollständige Adresse angegeben sein. Die Daten werden vertraulich behandelt, Mails werden nach zirka einem halben Jahr gelöscht.

Welches sind eigentlich die Themenhits?

Bühler: Abgesehen von der Briefflut vor Abstimmungen sind es lokale Themen wie zum Beispiel der Verkehr – vor allem in der Stadt Luzern. Dann auch religiöse Themen. Der Fussball. Und Tiere.

Was prädestiniert Sie dafür, die Leserbriefe und deren Autoren zu betreuen?

Bühler: Meine Eltern haben in der Stadt Luzern am Postschalter gearbeitet, mussten täglich Dutzende von Kunden betreuen. Am Mittagstisch habe ich viel gelernt, eben wie man mit Kunden umgeht, wie man reagiert, wenn jemand verärgert ist. Auch, dass man diskret sein soll und solche Geschichten nicht herumerzählt.

Was haben Sie denn eigentlich vor Ihrer journalistischen Tätigkeit gemacht?

Bühler: Nach der Matur habe im Süden von England in einem Kinderheim mit behinderten Kindern gearbeitet. Das war 1985/86, ausgerechnet zu einer Zeit, als in England der BSE-Virus mit dem Rinderwahnsinn ausbrach. Ich sage das, weil ich zu denen gehöre, die kein Blut spenden dürfen. Das ist eine Vorschrift des Roten Kreuzes: Wer zu dieser Zeit dauerhaft in England weilte, darf kein Blut spenden. Beim SRK ist unter den Blutspende-Kriterien nachzulesen: «Keine Aufenthalte im Vereinigten Königreich von mehr als sechs Monaten zwischen 1980 und 1996». Danach habe ich Englische Literatur studiert – und war längere Zeit im Briefversand in Luzern. Später habe ich als Bibliotheksassistentin gearbeitet, danach auch noch bei der «Coop-Zeitung» in Basel. Nun bin ich schon seit rund 15 Jahren bei der «Neuen Luzerner Zeitung».

Zum Schluss dürfen Sie noch einen Leserbrief an die Leserbriefschreiber platzieren.

Bühler: Gut, dann möchte ich Folgendes sagen: Die Leute glauben häufig, ich würde ihren Leserbrief nicht bringen, weil ich eine andere Meinung hätte als sie und voreingenommen sei. Dann versuchen sie mich von ihrer Meinung zu überzeugen. Ich sage dann jeweils: «Sie müssen mich nicht überzeugen. Ich bin dafür angestellt, keine Meinung zu haben. Wenn ich am Morgen ins Büro komme, hänge ich meine Meinung an die Garderobe und hole sie erst am Abend wieder ab.» Im Vorfeld von Abstimmungen lese ich dann jeweils so viele gute Argumente von beiden Seiten, dass ich am Schluss manchmal wirklich fast nicht mehr weiss, was ich denn nun auf den Stimmzettel schreiben soll.

INTERVIEW TURI BUCHER

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