FRANKREICH: Stefan Brändle: «Für die Pariser bleibt ihre Stadt der Nabel der Welt»

Stefan Brändle (54) wohnt seit rund 25 Jahren in Frankreich. Mit seiner Familie lebt er in einer Banlieue von Paris. Der im Limmattal aufgewachsene Journalist studierte in Fribourg Jura und hatte schon früh einen engen Draht zur französischen Sprache und zu Frankreich. Hier berichtet er, warum sich Frankreich selber nicht als Grande Nation bezeichnet und weshalb man in den Vororten von Paris als Journalist gut daran tut, sich den Rücken freizuhalten.

Interview Roger Rüegger
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Stefan Brändle (54), Korrespondent in Paris. (Bild: zvg)

Stefan Brändle (54), Korrespondent in Paris. (Bild: zvg)

Stefan Brändle, Sie leben seit 1989 in Frankreich. Haben Sie die Denkweise der Einheimischen angenommen, oder blieben Sie ganz Schweizer?

Stefan Brändle: Die Lebensart der Franzosen hat eine hohe Qualität, nicht nur kulinarisch. Ich geniesse es, hier zu leben, bin aber im Herzen Schweizer geblieben. Die eigene Mentalität wird man nicht so schnell los.

Sie haben aber sicher einiges übernommen?

Brändle: Ja, schon. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen besteht darin, in einem Pariser Bistro einen Café Noisette zu trinken und dem meistens filmreifen Pariser Leben zuzuschauen. Dabei kommt man rasch ins Gespräch mit anderen Gästen, sonst liest man «Le Parisien», das Lokalblatt, das in jedem besseren Bistro aufliegt. Das ist fester Bestandteil meines Alltags, den ich nicht missen möchte. Als Auslandskorrespondent gehört es mit dazu, über den Geist und das Leben seines Gastlandes zu berichten.

Unterscheidet sich der Franzose grundlegend vom Schweizer?

Brändle: L’esprit français ist sicher einzigartig. Den Anspruch, mit allen Themen in irgendeiner Form verbunden zu sein, kennen wir Schweizer nicht. Das ist geschichtlich bedingt und beruht auch auf dem universellen Anspruch der französischen Zivilisation. Das Klischee, dass wir die zuverlässigen Schweizer sind und sich die Franzosen durch weniger Fleiss auszeichnen, trifft nicht zu. Abends um 20 Uhr trifft man in der Métro mehr Leute als sonst, die von der Arbeit kommen.

Weil sie Unzeiten am Mittagstisch verbringen. Dann dauert die Arbeit abends eben länger.

Brändle: Man muss vorsichtig sein, dass man nicht zu sehr in Klischees verfällt. Die französische Usanz vom zweistündigen Mittagessen geht allmählich verloren. Viele Pariser Angestellte begnügen sich, wie jene in der Schweiz, mit einem Sandwich und machen nur kurz Mittagspause. Dagegen gibt es für den Franzosen kein Nachtessen ohne drei Gänge und einem Glas Wein. Auch für mich nicht.

Wie wird die Schweiz in Frankreich wahrgenommen?

Brändle: Auch die Franzosen bedienen sich einiger Klischees gegenüber Nachbarländern. Als ich den früheren Finanzminister Michel Sapin interviewte, konnte er es nicht lassen, zum Schluss unseres Gesprächs anzumerken, dass die reichen Franzosen nicht nur der Schokolade und des Skifahrens wegen in die Schweiz fahren, sondern wegen ihrer Bankkonten in Genf.

Das ist jetzt nicht sehr ungewöhnlich.

Brändle: Nein, sicher nicht. Für durchschnittlichere Franzosen ist die Schweiz hingegen ohnehin zu teuer. Ich kenne Franzosen, die besuchten die Schweiz tagsüber und kehrten zum Übernachten zurück über die Grenze in die billigeren Hotels in Frankreich. Viele haben sowieso nicht den Drang, in einem anderen Land als ihrem Ferien zu machen.

Weil Frankreich die Grande Nation ist?

Brändle: Die Franzosen selber benutzen diesen Ausdruck nie. Der stammt von den Deutschen aus dem Ersten Weltkrieg. Sie machten sich damit über die Franzosen lustig. Deutschland und Frankreich übten sich schon immer im Vergleichsdenken. Wenn wir Schweizer diese Worte benutzen, ist das nochmals etwas anderes. Bei uns spielt sicher auch eine feine Ironie mit. Aber mehr Verständnis, vielleicht sogar Sympathie.

Die Bewohner der Metropole gelten als arrogant. Sind sies?

Brändle: Für die Pariser bleibt ihre Stadt der Nabel der Welt. Arrogant sind sie deswegen nicht unbedingt. Eher verschlossen, und auch vorsichtig. In der Métro ist jeder mit sich selber beschäftigt und gegen aussen hin abgeschottet. Wenn man jedoch mit ihnen in Kontakt kommt, tauen sie schnell auf und erweisen sich meist als herzliche, natürliche Leute. Zumal die meisten Bewohner von Paris vom Lande zugezogen sind. Diese Menschen sind in Frankreich freundlicher als die Städter.

Wie hat Ihr Umfeld den Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» verarbeitet? Wie wirkt dieser Terrorakt in Frankreich nach?

Brändle: In meiner Alltagsarbeit hat sich nichts verändert. Ich arbeite nicht für französische Medien und erachte mich nicht als gefährdet. In den inländischen Redaktionen markieren hingegen überall Polizisten Präsenz. Es ist aber nicht so sehr die Terrorgefahr, die nachhaltig ist. Die besteht in Frankreich seit vielen Jahren.

Was ist geblieben?

Brändle: Viele Muslime in Frankreich billigen die Mohammed-Karikaturen von «Charlie Hebdo» nicht – obwohl die Satire in diesem Fall gar nicht gegen den Islam gerichtet war. Es ging mehr um die Bekundung der freien Meinungsäusserung. Das tiefere Bewusstsein, dass die Bevölkerung in Sachen «Charlie Hebdo» gespalten ist, erwachte erst durch den Anschlag. Dadurch wird nun vielen klar, dass sich in den Banlieue-Ghettos eine Parallelgesellschaft gebildet hat und dass nicht alle Leute, die in Frankreich leben, integriert sind.

In einigen Banlieues kam es vor zehn Jahren zu wüsten Krawallen. Wie gut können Sie sich als Reporter in solche Problemviertel begeben?

Brändle: In einzelnen Banlieue-Vierteln tut man als Journalist besser daran, sich den Rücken freizuhalten. In Argenteuil, einem Problemort ausserhalb von Paris, schaukelte sich die Situation für mich aus dem Nichts hoch, als eine Gruppe von 14- bis 20-jährigen Burschen plötzlich misstrauisch wurde, weil sie dachten, ich hätte eine versteckte Kamera bei mir. Schnell wurden sie aufsässig und handgreiflich. Ich war allein unterwegs und musste ruhig bleiben und möglichst unauffällig den Rückzug antreten. Dabei hilft es, wenn man sich mit diesen Jungs auf Französisch unterhalten kann. Denn die meisten haben auch ein grosses Mitteilungsbedürfnis, was ihre oft miserable Lage anbelangt.

Interview Roger Rüegger