Gericht: Eine Flasche Grappa führte zum Eklat

Mit einer Luftpistole schoss der Beschuldigte auf den Kopf des Freundes – ein Lederhut verhinderte Schlimmeres.

Pascal Bruhin
Drucken
Teilen

H. und B. sind Freunde, kennen sich seit über 30 Jahren. Beide wohnen in der Region Sins. Ein Streit entzweit die Mittsechziger und landet letztlich vor dem Bezirksgericht Muri.

Es ist an einem Sonntagabend Ende April dieses Jahres. B. ruft seinen Freund H. an, um ihm zu sagen, dass er ihm etwas vorbeibringen will. «Ich ging davon aus, dass er mir die 500Franken zurückgeben will, die er mir schuldet», sagt H. vor Gericht. Wenig später steht B. vor H.s Haustür. In den Händen hält er kein Geld, sondern nur eine Flasche Grappa. Dennoch bittet H. ihn in seine Wohnung. Es wird getrunken, geredet und gelacht.

...dann kippt die Stimmung

Nach rund zwei Stunden des gemütlichen Zusammenseins ist die Flasche leer, und der feuchtfröhliche Abend nimmt ein jähes Ende. Wegen einer Bagatelle – H. will nicht mehr wissen, um was es genau ging – wird das Gespräch zwischen den beiden kontroverser. Im Verlauf davon begibt sich H. erbost in sein Schlafzimmer und holt seine Luftpistole aus dem Schrank.

Dann setzt sich der ehemalige Sportschütze zurück an den Tisch, lädt die Pistole, richtet sie auf B.s Kopf und drückt ab. Danach schiesst er noch einmal in die Decke und dann sich selbst in den Kopf und fällt bewusstlos zu Boden. B. alarmiert die Notrufzentrale. H.s Wunde muss mit zwei Stichen genäht werden, sein Opfer erleidet eine oberflächliche Hautläsion. Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten leitet ein Verfahren wegen versuchter schwerer Körperverletzung ein. «Ja, es ist passiert, in Gottes Namen», gibt H. in der Verhandlung diese Woche zu. Sein Freund B. sei ein spezieller Mensch, meint er, und: «Wenn er getrunken hat, wird er unausstehlich.» Eine Erklärung, wieso es zu seiner Tat kam, bleibt H. dem Gericht schuldig. B.s Homosexualität sei aber nicht der Grund gewesen, wie H. auf Nachfrage von Gerichtspräsident Markus Koch versichert. Rund zwei Promille Alkohol hatte H. laut Polizeibericht an jenem Abend im Blut. Glück im Unglück für das Opfer, das am Prozess nicht teilnimmt, war, dass es einen Lederhut trug, wodurch das Projektil abgebremst wurde. «Ohne den getragenen Hut und bei einer näheren Schussabgabe oder bei einer geringen Abweichung der Schussrichtung hätte das Verletzungsmuster weit schwerer sein können», heisst es in der Anklageschrift, die im abgekürzten Verfahren gleichsam ein Urteilsdispositiv enthält. Eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten und eine Busse von 1500 Franken sieht das Dokument vor.

«Das hätte wortwörtlich ins Auge gehen können», sagt Gerichtspräsident Koch, nachdem das Gesamtgericht den Erledigungsvorschlag zum Urteil erhoben hat. «Mit zwei Promille Alkohol im Blut zittert man. Ich will mir nicht vorstellen, was noch alles hätte passieren können.»

Mit der bedingten Freiheitsstrafe sei H. mit einem blauen Auge davongekommen. «Aber am allermeisten Glück hatte wohl das Opfer.»