In Muri herrscht nach der Anti-Mafia-Aktion Ruhe

Ein Restaurant und ein Gartenbauunternehmen in Muri rücken durch eine Polizeiaktion in den Fokus. Ein Augenschein vor Ort am Tag danach.

Fabian Hägler
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Das Restaurant in Muri hat seit Sonntag geschlossen. Wird es nach den Betriebsferien wieder öffnen?

Das Restaurant in Muri hat seit Sonntag geschlossen. Wird es nach den Betriebsferien wieder öffnen?

Bild: Fabian Hägler

Manchmal sind sich das Gute und das Böse im Alltag näher als man vermutet. Wie im beschaulichen Muri. Keine 200 Meter Luftlinie vom jahrhundertealten Kloster entfernt, soll die kalabrische Mafia ’Ndrangheta an der Kirchbühlstrasse einen Ableger haben. Sogar in Sichtweite des Kantonspolizeipostens und mit toller Aussicht auf die Gemeinde Muri.

Seit Dienstag ist die kalabrische Mafia in der Schweiz im Fokus. In einer koordinierten Aktion hat die Schweizer Bundespolizei in Zusammenarbeit mit italienischen Stellen einen Schlag gegen die Mafia ausgeführt. Im Mittelpunkt: Der Betreiber des Restaurants Bella Vista, Marco G., sowie Carmelo M., der an selber Adresse seit kurzem ein Gartenbauunternehmen führt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Hinter dem Haus steht noch eine rote Corvette

Von frühmorgens bis in die Abendstunden dauerte laut einem Informanten die Polizeiaktion. Bei der Hausdurchsuchung war offenbar kein Verdächtiger anwesend. Marco G. befindet sich in den Ferien in Kalabrien, wo ihn die Polizei einvernahm – über den Verbleib von Carmelo M. ist offiziell nichts bekannt. Ob er einer der am Dienstag an anderen Orten Verhafteten ist, ist offen. Bei einem Anruf auf sein Geschäftstelefon kommt lediglich eine Abwesenheitsansage in Italienisch. Hinter dem Haus steht auf dem Parkplatz eine rote Corvette, die auf M. zugelassen ist.

Bei einem gestrigen Augenschein war vor der beliebten Pizzeria in Muri nichts mehr los. Seit letzten Sonntag hat das Restaurant offiziell Betriebsferien – bis 3. August. An der Türe prangt das entsprechende Plakat mit dem sonnigen Logo des Betriebs. Ob die Sonne für das Restaurant danach weiter scheinen wird? Die Stimmung erscheint surreal. Auf den Tischen auf der Aussenterrasse vor der Eingangstüre liegen tagesaktuelle Zeitungen und ein gefüllter Aschenbecher sowie eine leere Bierflasche warten, bis sie abgeräumt werden.

Kurz vor zwölf Uhr kommt plötzlich Leben in die Gegend. Zu Fuss nähert sich Christian Maron. Der Murianer ist nach eigenen Aussagen ein guter Bekannter der beiden mutmasslichen Mafiaangehörigen. Und möchte einen Besuch abstatten, so wie oft. Erst letzten Samstag sei er noch im Restaurant gewesen. Doch heute ist weit und breit niemand zu sehen.

«Das Restaurant ist eine Goldgrube»

Christian Maron kann die Ereignisse vom Dienstag nicht begreifen. Er sagt: «Es ist tragisch. Ich bin ganz überrascht, man weiss ja noch nichts Genaueres. Man kann sich immer täuschen in einem Menschen. Aber solange kein Urteil feststeht, kann man wenig dazu sagen.» Über den Restaurantbetreiber kann Maron nur Gutes erzählen. «Er ist ein sehr umgänglicher Typ, zuvorkommend, sehr nett und mit Leib und Seele dabei», sagt er. Seit über 20 Jahren habe dieser schon dort erfolgreich gewirtet. «Das Restaurant ist eine Goldgrube, immer gut besetzt und das Essen immer frisch gekocht», sagt Maron. Er könne sich nicht vorstellen, dass der Wirt krumme Geschäfte nötig gehabt habe. Aber wenn man mal drin stecke, sei es wohl schwierig, wieder auszusteigen. Marco G. ist ein begeisterter Ferrari-Fan, fuhr selber einen teuren Boliden und stellte im Restauranteingangsbereich viele Ferrari-Modellautos aus. Auch auf Facebook stellt der bald 54-Jährige sein Faible für die schnellen Autos zur Schau.

«Wenn es wirklich stimmt, wäre das furchtbar»

Nach der Mittagszeit bleibt eine ältere Murianerin auf dem Weg hinunter ins Dorfzentrum auf dem Trottoir kurz stehen. Auf den Mafiafall angesprochen, schüttelt sie den Kopf. Sie hat die Meldungen zwar mitbekommen, möchte aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Dennoch sagt sie: «Wenn es wirklich stimmt, wäre das furchtbar. Ausgerechnet in unserem Dorf nistet sich die Mafia über so lange Zeit ein. Und man bemerkt davon nichts.» Diese Leute seien immer sehr nett gewesen, meint sie, bevor sie weiter geht.

Die Gemeinde Muri möchte sich auf Anfrage offiziell nicht zu den Ereignissen äussern. Sie überlässt es den bisher involvierten Stellen, die entsprechenden Schritte im Untersuchungsprozess des Falls zu tätigen.