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Lunzi, der Freiämter Forrest Gump

Der Autor Lorenz Stäger überzeugt nach seinem Roman «Der Kammerdiener» auch mit der Biografie des Jost Leonz Koch. Allerdings bleibt die Frage offen, wer Lunzi Koch wirklich war.
Auf seiner Reise ins Heilige Land liess sich Lunzi in Beduinentracht fotografieren. (Bild: PD/Archiv Robert Stäger)

Auf seiner Reise ins Heilige Land liess sich Lunzi in Beduinentracht fotografieren. (Bild: PD/Archiv Robert Stäger)

Ausverkauft. Hunderte, wenn nicht noch mehr, traf dieses Wort wie ein Hammerschlag. Alle wollten sie das Stück sehen, das im Villmerger «Rössli» gespielt wurde und vor einer Woche Dernière gefeiert hat. «Der Kammerdiener» hiess das Stück. Es bescherte dem altehrwürdigen «Rössli»-Saal noch einmal den Glanz der alten Tage und der Theatergesellschaft Villmergen einen Grosserfolg mit 15 ausverkauften Vorstellungen. Der letzte Akt ist nun nur noch der Abriss des Gasthofs.

Als der Wohler Schriftsteller Lorenz Stäger vor drei Jahren einen Roman veröffentlichte, der auf der Lebensgeschichte des Villmerger Bauernjungen Jost Leonz «Lunzi» Koch beruhte, da wusste er noch nicht, was diese Freiämter Version von Forrest Gump so alles nach sich ziehen würde. «Ich kannte die Geschichten, die man sich von Lunzi erzählte, noch von meinem Vater her», erklärt der Autor. Robert Stäger, der berühmte Mundartdichter, hatte den «Hawaii-Lunzi», wie ihn die Villmerger nannten, noch persönlich gekannt und hat sich von ihm selber seine Lebensgeschichte erzählen lassen. Ausgehend von den Aufzeichnungen seines Vaters, suchte Lorenz Stäger nach weiteren Zeitdokumenten, um die fantastische Biografie von Jost Leonz Koch in Romanform zu publizieren: «Ich wollte zwar seine Lebensgeschichte aufschreiben, aber ich wollte nicht einfach eine Biografie verfassen. Es sollte eine neue Art von Biografie werden, eine heitere Geschichte im Wechselspiel von Dichtung und Wahrheit.» Das gelang dem Verfasser von unterhaltsamen Bestsellern wie «Aber, aber, Frau Potiphar!» oder «Liebt Ihr Bruder Fisch, Madame?» dermassen überzeugend, dass sich auch «Der Kammerdiener» verkaufte wie warme Weggli.

Buch als Theatervorlage

Sein Buch inspirierte die Theatergesellschaft Villmergen, für die Regisseur Paul Steinmann eine Theaterfassung des Romans schrieb. «Er hat meine Vorlage sehr gut umgesetzt», schwärmt Stäger. Allerdings liessen es die Theatermacher dabei nicht bewenden. «Sie wollten unbedingt, dass ich noch die ganze Biografie schreibe», erinnert sich der Autor. Er gab diesem Drängen nicht ungern nach: «Ich hatte für den Roman so viele Fakten zusammengetragen, die ich noch wie Reste in meiner Küche hortete. Ich wollte selber nicht, dass das alles einfach irgendwann verloren wäre.» So setzte er sich also hin und brachte Ordnung in all seine Lunzi-Unterlagen. Währenddem die Theaterleute ihr Stück erarbeiteten, setzte Stäger aus unzähligen Archivschnipseln, alten Fotografien, Tagebucheinträgen, Passagierlisten, Arbeitsverträgen, Postkarten und Gesprächsaufzeichnungen die Lebensgeschichte zusammen.

Der aussergewöhnliche Lebensweg des Lunzi Koch liest sich auch in seiner nicht fiktiven Form ungemein spannend und unterhaltsam. Stäger versteht es, den Weg seiner akribischen Recherche nachvollziehbar zu machen, ohne zu langweilen. Er spickt die akkurate Chronologie der Ereignisse mit zahlreichen Nebenbemerkungen, würzt die Fakten mit Zitaten aus zeitgenössischen Quellen und garniert das Ganze mit einer Vielzahl von schwarz-weissen und farbigen Aufnahmen der Personen und Orte, die Lunzi auf all seinen Reisen kennen gelernt hat.

Langer Weg zum kleinen Wohlstand

Im Gegensatz zu «Forrest Gump» oder zum «100-Jährigen, der aus dem Fenster stieg», ist Lunzi echt. Dieser neugierige und gelehrige Bauernjunge aus Villmergen, der mehr wollte als Kühe hüten und Ziegel streichen. In der Schule reüssierte Lunzi nicht. Nachhilfestunden, Schulpsychologin, Hochbegabtenabklärung, Förderklassen – Fehlanzeige. Aber er wollte auf eigenen Beinen stehen. Es ist faszinierend, diesen Weg über 84 Seiten mitzuwandern. Im Anschluss folgen die Quellentexte in voller Länge, noch einmal fast 40 Seiten.

Lunzi hat es mit ehrlicher Arbeit als Schuhputzer, Kellner, Lakai und schliesslich Kammerdiener zu einem kleinen Wohlstand gebracht. Geheiratet hat er nie. Gestorben ist er 1947, mit 92 Jahren, als gottesfürchtiger alter Mann in der Pflegeanstalt Gnadenthal. Er war in London, Paris, Marseille, auf Java und Hawaii, er lebte und arbeitete in New York, beim Pianokönig Steinway, er bereiste mit seinen Herren Ägypten und Italien, und er wallfahrtete auch nach Jerusalem. Er lernte fremde Sprachen und blieb doch in seinem Innersten immer der einfache und liebenswerte Bursche aus Villmergen.

Das Schweigen von Lunzi, wenn es um die eigene Person und Geschichte ging, berührt einen als Leser dieser Biografie ganz besonders. Was ging in seinem Kopf vor? Welche Gedanken hat er sich gemacht über den Lauf der Welt und die Menschen, mit denen er zu tun hatte? Am Ende bleibt die Frage: Wer war Jost Leonz Koch wirklich? Darauf weiss nicht einmal sein Biograf eine Antwort: «Wie er war, das kann ich nicht sagen», gesteht Lorenz Stäger, «aber er scheint wirklich eine Frohnatur gewesen zu sein und wohl auch ein Geniesser.»

Lorenz Stäger: Der Hawaii Lunzi. Das aussergewöhnliche Leben des Villmergers Jost Leonz Koch. Solix Verlag, Wohlen 2018. ISBN 978-3-9520489-4-8, 25 Franken.

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