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Musik besteht nicht nur aus Noten, wie in Boswil verdeutlicht wird

Die erste Orchesterakademie für Amateurmusiker im Künstlerhaus wird anscheinend ein voller Erfolg. Unter anderem soll ihnen dank eines neuen Körpergefühls eine Angst genommen werden.
Christian Breitschmid
Irene Spirgi-Gantert (vorn) leitet Brigitte Gloor an. (Bild: Christian Breitschmid)

Irene Spirgi-Gantert (vorn) leitet Brigitte Gloor an. (Bild: Christian Breitschmid)

Sie steht barfuss auf einer kleinen Matte und hebt ein Bein. Mit den Armen sucht sie ihr Gleichgewicht zu halten. «Und nun drehe deine Handflächen nach oben», sagt die Frau, die ihr gegenübersteht und jede ihrer Bewegungen mit aufmerksamem Blick verfolgt. Die barfüssige Frau heisst Brigitte Gloor. Sie spielt Bratsche.

Irene Spirgi-Gantert ist Musikphysiologin. Sie hilft von Berufs wegen Musikern dabei, mit gezielter Körperarbeit Haltungsschäden vorzubeugen und Bewegungsabläufe zu optimieren. Sie arbeitet seit Montagmorgen und noch während dieser ganzen Woche, zusammen mit ihrer Berufskollegin Johanna Gutzwiller, im Künstlerhaus Boswil. Ihr Auftrag ist es, ein mehr als 40-köpfiges Amateurorchester fit zu machen für ein ganz besonderes Experiment.

Zum ersten Mal organisiert das Künstlerhaus nämlich eine Orchesterakademie für Amateurmusiker. Zu diesem generationenübergreifenden Projekt haben sich Instrumentalisten aus der ganzen Schweiz angemeldet, um unter der Leitung von Profidirigentin Anne-Cécile Gross ein Programm unter dem Titel «Russische Trouvaillen» einzuüben. Das Ergebnis dieser intensiven Arbeit wird in zwei Konzerten an diesem Wochenende der Öffentlichkeit dargeboten. Unter den Akademieteilnehmern sind auch zehn Musiker aus dem Aargau; zwei von ihnen kommen aus dem Freiamt.

«Man gewinnt eindeutig an Vertrauen»

«Ich habe dieses Angebot in der Schweizer Musikzeitung gesehen», verrät Bratschistin Gloor, die sonst im Stadtorchester Olten und im Kirchgemeindeorchester Schwamendingen mitspielt. «Vor allem die Musikphysiologie war für mich der Grund, hierher zu kommen. Es ist erstaunlich, was die Körperarbeit bewirkt. Wir proben sechs Stunden und mehr pro Tag, aber ich merke die Anstrengung bis jetzt kaum. Ausserdem habe ich durch dieses neue Körpergefühl viel weniger Angst vor schwierigen Stellen. Man gewinnt eindeutig an Vertrauen.»

Das Wohlfühlen im eigenen Körper wirkt sich sehr direkt auf den Klang des Orchesters aus. Dirigentin Gross gerät ins Schwärmen: «Es ist super, welche riesigen Fortschritte da schon innerhalb von drei Tagen passiert sind. Nun geht es noch darum, sich im Orchester besser kennenzulernen. Nicht nur je als Person, sondern auch als Instrument, das mit anderen Instrumenten in Beziehung tritt und gemeinsam mit allen anderen einen Klang finden muss.»

Zeit für den persönlichen Austausch haben die Akademieteilnehmer in den Pausen, beim Essen und natürlich abends, wenn diejenigen, die während dieser Woche auch im Künstlerhaus wohnen, gemeinsam den Zauber dieses besonderen Ortes geniessen.

Mit Freude an die Herausforderung

Es ist ganz klar, dass auch aus noch so ambitionierten Laien nicht innerhalb einer Woche professionelle Orchestermusiker werden. Aber sowohl die Musikphysiologinnen als auch die Dirigentin haben ein grosses Ziel: «Wir wollen zeigen, was alles erreicht werden kann, wenn man mit Freude und ohne Verkrampfung an eine Herausforderung herantritt.»

Der Klang dieses Ad-hoc-Orchesters überzeugte schon gestern mit Wehmut und Stolz, wie sie zur russischen Romantik gehören. Nur ein paar Profis unterstützen auf weniger verbreiteten Instrumenten. Alles andere erblüht aus dieser Woche.

Aufführungen: Samstag, 6. Oktober, 19.30 Uhr, Künstlerhaus Boswil; Sonntag, 7. Oktober, 11 Uhr, Alter Gemeindesaal Lenzburg. Eintritt frei, Kollekte

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