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FREIZEIT: Das Wandern ist der Schweizer Lust

Fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung wandert. Kein Wunder: Es braucht nicht mehr als ein paar gute Schuhe. Doch der Boom ist noch auf ganz andere Gründe zurückzuführen.
Unterwegs bei Holzwegen ob Romoos (v. l.): Alexandra Wicki mit Anna Wicki, Amélie und Lionel Mattmann, Raphael Wicki, Julia Wicki, Corinne Mattmann mit Jann Mattmann. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Unterwegs bei Holzwegen ob Romoos (v. l.): Alexandra Wicki mit Anna Wicki, Amélie und Lionel Mattmann, Raphael Wicki, Julia Wicki, Corinne Mattmann mit Jann Mattmann. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Letzte Woche am Rhone-Gletscher, heute auf den Napf – Sonntag für Sonntag zieht es mich in die Höhe. Und zwar nicht nur in den letzten Wochen, als die Hitze im Tal Tausende in die höheren Lagen getrieben hat. Mir ist Wandern zu einer Notwendigkeit geworden. Die Bergschuhe zu schnüren und einfach loszulaufen, gehört zu den Höhepunkten meiner Woche. Meine ausgeprägte Leidenschaft für lange, schweisstreibende Wanderungen teilen zwar nur gerade 2 Prozent der Schweizer, doch eigentlich befinde ich mit meinem Hobby in bester und immer grösser werdender Gesellschaft: Gemäss einer aktuellen Studie des Bundesamts für Strassen und der Schweizer Wanderwege sind 44 Prozent der hiesigen Bevölkerung der Wanderlust verfallen.

Junge wandern wieder gern

Und der Anteil der Wanderer ist markant gestiegen. Im Jahr 2000 wanderten gerade einmal 25 Prozent. «Wandern hatte bis vor etwa 15 Jahren den Ruf einer etwas langweiligen Sportart, die Familien mit Kindern und Ältere ausüben», bestätigt Sportsoziologe Hanspeter Stamm, der die Studie mitverfasst hat. Seitdem fand jedoch vor allem die Altersgruppe der unter 45-Jährigen mehr Spass daran, die Schweizer Landschaften zu Fuss zu erkunden. Wandern boomt, wie man in jedem x-beliebigen Outdoorladen sehen kann. Auch die Auflagen der Wanderzeitschriften steigen.

Von einer eigentlichen Trendsportart ist das Wandern aber dennoch weit entfernt, wie Stamm erklärt. «Schweizer sind polysportiv, üben also mehrere Sportarten aus. Wandern ist für viele einfach eine zusätzliche Option.» Allerdings eine sehr attraktive. Ausser guten Schuhen braucht man keine teure Ausrüstung, und anders als im Tennis muss man auch nicht jahrelang trainieren, bis sich ein Erfolgserlebnis einstellt.

Als Hochleistungssport betreiben die Schweizer das Wandern nämlich nicht. Häufigkeit und Dauer der Wanderungen sind seit der letzten Erhebung 2008 leicht zurückgegangen. Der typische Wanderer wandert 20-mal pro Jahr, und zwar für je etwa drei Stunden. Mehrtägige Weitwanderungen sind eher etwas für Touristen aus dem Ausland, besonders für Israelis, wie Ruedi Jaisli sagt, der mit seiner Firma Swisstrails massgeschneiderte Wanderungen mit Rundumservice anbietet – von der Abholung am Flughafen über den Transfer zum Ausgangsort der Wanderung, dem Gepäcktransport auf den Etappen und der Rückreise an den Flughafen.

Sehnsucht nach Natur

Nein, die Schweizer mögen es lieber kurz und schmerzlos. Sie wollen ihrer Gesundheit etwas Gutes tun und einfach ein bisschen draussen in der Natur sein. Die Sehnsucht nach dem Naturerlebnis ist ein altes Motiv für Wanderungen. «Aber durch die zunehmende Technisierung des Lebens und Verstädterung der Wohnumgebung hat sie sicher zugenommen», ist Soziologe Stamm überzeugt. Hinzu kommt ein Schuss Swissness. «In einer zunehmend globalisierten Welt ist man stolz auf seine Heimat und betont seine regionalen Wurzeln», sagt er. Wandern habe in diesem Sinne auch eine «Back to the Roots»-Komponente.

Schön sind die Schweizer Wurzeln zweifellos. Daher ärgern sich Wandervögel vor allem über herumliegenden Abfall. Mehr als die Hälfte geben dies als grössten Störfaktor des Wandergenusses an. Allerdings geben sie zu, dass sie dem Abfall gar nicht häufig begegnen. Ein Widerspruch? Nicht für Sybille Schär von den Schweizer Wanderwegen, dem Verband der kantonalen Wandervereine. «An den meisten Orten in unserem Leben sind wir starken Reizen ausgesetzt, und dann sehnen wir uns danach, abzuschalten und uns in der Natur zu erholen», sagt sie. «Wenn dann ein Störfaktor auftritt, kann dieser als unangenehmer empfunden werden, als er sonst im Alltag wahrgenommen wird.»

Umgekehrt ist es mit dem Hartbelag. Im Alltag sehr praktisch, ist Wandern auf ihm doch eher unangenehm und stört das Naturerlebnis. Daran arbeiten die Vereine fortlaufend und verlegen Streckenführungen wenn immer möglich. Betroffen sind vor allem Wege zu landwirtschaftlichen Betrieben, die gleichzeitig Teil des Wanderwegnetzes sind. 65 000 Kilometer lang ist das Netz – und es steckt mehr Arbeit drin, als der gemeine Wanderer sieht. Denn neben den Wegen müssen auch die Markierungen und Wegweiser unterhalten werden. Besonders aufwendig sind Änderungen bei Wegweisern mit Zeitangaben. Wird die Zeit zu einem Ziel auf einer Strecke angepasst, muss diese auch für weitere Ziele derselben Strecke übereinstimmen. «Eine Änderung zieht einen ganzen Rattenschwanz nach sich», sagt Andreas Lehmann, technischer Leiter der Luzerner Wanderwege.

Die Wanderzeitformel

Früher wurden die Marschzeiten noch von Hand berechnet, heute geschieht das mit entsprechenden Programmen, hinter der eine komplizierte mathematische Formel steckt – eine Schweizer Erfindung.

Die Arbeit wird Andreas Lehmann auch künftig nicht ausgehen. In Zukunft wolle sich der Verein mehr der Qualität von Wanderwegen verschreiben und das Luzerner Wegenetz nicht noch mehr verdichten. Doch dazu müsste aber unter anderem der Wanderwegrichtplan überarbeitet werden. Lehmann hofft, in fünf Jahren soweit zu sein. «Dann wird es weniger Hartbelagstrecken geben», verspricht der Luzerner. Gute Neuigkeiten für Wandervögel, die in Zukunft noch zahlreicher werden dürften. Davon ist Soziologe Stamm überzeugt. «In den nächsten 15 Jahren wird die Beliebtheit des Wanderns weiter zunehmen, allein aufgrund der demografischen Entwicklung.» Wandern kann man nämlich bis ins hohe Alter. Und ich somit noch recht lange. Zu meinem Wanderglück.

Sermin Faki

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