FRÖMMIGKEIT: Politwallfahrten zur Einsiedler Muttergottes

Vor 150 Jahren fand die erste privat organisierte Massenwallfahrt nach Einsiedeln statt. Die Presse feierte die fromme Tat der Gläubigen aus Paris als Sensation. Schweizer Katholiken kopierten das Pilgermodell – und verpolitisierten es.

Kari Kälin
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An sie wenden sich die Katholiken mit Bitten, Wünschen, Sorgen und Nöten aus allen Lebensbereichen: die Schwarze Madonna in Einsiedeln. (Bild Klosterarchiv)

An sie wenden sich die Katholiken mit Bitten, Wünschen, Sorgen und Nöten aus allen Lebensbereichen: die Schwarze Madonna in Einsiedeln. (Bild Klosterarchiv)

Die Schwarze Madonna hat nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Rund 10 000 Portugiesen absolvierten am Pfingstsonntag ihre traditionelle Wallfahrt nach Einsiedeln, besuchten die heilige Messe, beteten, beichteten, picknickten. Das Klosterdorf ist der meistbesuchte Wallfahrtsort der Schweiz. Laut Schätzungen des Klosters Einsiedeln knien jährlich rund 200 000 Gläubige vor der Muttergottes nieder.

Seit Jahrhunderten wenden sich die Katholiken mit Bitten, Wünschen, Sorgen und Nöten aus allen Lebensbereichen an die Schwarze Madonna. Überlebende der «Titanic»-Havarie verdankten ihre Rettung mit dem Gang nach Einsiedeln. Paare pilgerten fürs Heiraten ins Klosterdorf. Und bis ins 18. Jahrhundert konnte auch moralisches Fehlverhalten wie Sex vor der Ehe mit einer Wallfahrt nach Einsiedeln verbüsst werden. Grosse Massen zog seit jeher das Fest der Engelweihe im September an.

Rom fördert Volksfrömmigkeit

Vor exakt 150 Jahren bekam die Wallfahrt ein neues Gesicht. Nach einer 40-stündigen Reise trafen am Abend des 13. Juni 1864 rund 300 Katholiken aus Paris in Einsiedeln ein. Mit dem Zug waren sie nach Luzern gefahren, von dort ging es mit dem Schiff weiter nach Brunnen, ehe sie in Pferdekutschen bis nach Einsiedeln befördert wurden.

Damit läuteten die Franzosen das Zeitalter der sogenannten modernen Pilgerzüge ein. Wodurch zeichneten sich diese aus? Im Unterschied zu den traditionellen Landeswallfahrten wurden sie erstens von Privaten organisiert. Zweitens wurden sie nur durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes möglich. Drittens – und das ist ein wesentlicher Punkt – förderte die katholische Kirche explizit solche neuartigen Massenwallfahrten, um ihre Schäfchen gegen die Aufklärung und die Moderne zu immunisieren. Als besondere Wallfahrtsförderer taten sich die Päpste Pius IX. (1846–1878) und Leo XIII. (1878–1903) hervor. Pius IX. bleibt nicht nur als Erfinder des Unfehlbarkeitsdogmas in Erinnerung, sondern auch als Verfasser des «Syllabus errorum». In diesem Irrlehrenkatalog verdammte er 1864 den Liberalismus, den Sozialismus, den Säkularismus und andere «Zeitirrtümer».

«Eine Beute des Irrtums»

Zurück zu den Pariser Pilgern. Ihre Ankunft in Einsiedeln avancierte zu einem veritablen Medienereignis. Von Hand schrieb der damalige Stiftsarchivar Adelrich Dieziger auf sagenhaften 122 Seiten Zeitungsartikel aus der Schweiz und Frankreich sowie die Korrespondenz mit dem Pilgerführer Alfred Dusquesnay nieder. Die katholische Presse bejubelte den Frömmigkeitsakt. Die «Schweizerische Kirchen-Zeitung» etwa frohlockte, dass die Pilger ausgerechnet von Paris aufgebrochen seien, einem Hort der Aufklärung, der den Unglauben in ganz Europa verbreitet habe. In der französischen Presse dokumentierten die Pilger ihre ideologische Überlegenheit gegenüber den Protestanten und bemitleideten die Stadt Zürich, weil deren Kathedrale «eine Beute des Irrtums» geworden sei.

Geistliche mit fetten Gesichtern

Die liberale und protestantische Schweizer Presse charakterisierte die frommen Franzosen als wenig glamouröse Zeitgenossen. Die Wallfahrer hätten gar nicht wie Pariser ausgesehen, sondern wie Krämer aus der Provinz, fand die NZZ. Eine andere Zeitung entdeckte mehrheitlich wohl genährte Leute, wenig schöne Frauen und recht viele Geistliche «mit jovialen und fetten Gesichtern und entsprechend ausgedehnten Kutten».

1874, zehn Jahre nach der Premiere, verzichteten die Pariser auf einen neuerlichen Gang nach Einsiedeln. Das Wallfahrtskomitee befürchtete, die Pilger würden wegen des «Religionshasses» in der Schweiz beschimpft. Die Bedenken kamen nicht von ungefähr. In der Tat flammte damals die Auseinandersetzung zwischen dem politischen Katholizismus und den Freisinnigen so stark auf wie nie seit der Gründung des modernen Bundesstaates 1848. Während die Katholiken das Primat der Kirche verteidigten, stellten die Liberalen den Staat über die Kirche und bekämpften fortschrittsfeindliche Tendenzen.

Solidarität mit dem Papst

Das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma entfachte 1870 den eigentlichen Kulturkampf (1870–1885). Zur gleichen Zeit verlor der Papst auch seine weltliche Macht, worauf der Klerus in ganz Europa Wallfahrten als Solidaritätskundgebungen organisierte.

Und ausgerechnet in diesem religiös aufgeheizten Klima fanden in Einsiedeln die ersten modernen Massenwallfahrten mit Schweizer Beteiligung statt. Am 23. Mai 1871 versuchten 1200 Sarganser, die weltliche Macht für Pius IX. zurückzubeten. Am 4. Juli bezeugten 2500 Aargauer ihre Verbundenheit mit dem Papst. Diese von Rom aus gesteuerte Volksfrömmigkeit symbolisiert die katholische Abwehrhaltung gegenüber der Moderne. Auch aus diesem Grund avancierten die Pilgerzüge nach Einsiedeln zu einem medialen Dauerbrenner. Die liberale Presse verdammte sie als Volksverdummung und geisselte die Sympathiebekundungen für Pius IX. als Staatsverbrechen.

Häufig deckten die Zeitungen die Katholiken mit billigem Spott ein. Man höhnte über «abgestandene Jungfern», «alte Weiber» oder angeblich betrunkene Priester, die an der Spitze von Pilgerzügen durch Schweizer Bahnhöfe torkelten. In dieser Zeit berichteten Priester immer wieder, wie sie auf dem Weg nach Einsiedeln als «verfluchte Pfaffen», «unfehlbare Katholiken» oder «verdammte Jesuiten» beschimpft worden seien. Nicht immer blieb es bei verbalen Entgleisungen. Manchmal kam es sogar zu Handgemengen.

Sogar das Schweizer Parlament befasste sich mit der Einsiedler Wallfahrt. Der Aargauer Nationalrat Theodor Haller forderte den Bundesrat 1873 dazu auf, Rabatte bei Tickets für Pilger zu verbieten. Auch die NZZ ärgerte sich, dass Eisenbahn- und Schiffsunternehmen «konfessionelle, spezifisch katholische Fahrbillette» geschaffen hätten, die zu politischen Zwecken missbraucht würden. Später zog Haller seinen Vorstoss zurück, weil verschiedene Eisenbahngesellschaften in vorauseilendem Gehorsam die Wallfahrtstickets von sich aus abgeschafft hatten.

Die Kreuzzüge des 19. Jahrhunderts

Am stärksten verpolitisiert waren die Pilgerzüge aus dem Kanton Freiburg, an denen sich ab 1877 Tausende Katholiken beteiligten. Extrem papsttreue Geistliche stilisierten die Wallfahrt zu einem Kampf des Guten gegen das Böse empor, zu Kreuzzügen des 19. Jahrhunderts. Die Freiburger mussten in Einsiedeln sogar ein Gelübde ablegen, katholisch-konservative Politiker zu wählen. Zur Empörung der katholischen Freiburger Medien verunglimpften die politischen Gegner die Wallfahrten als «Ausgeburt eines krankhaften Gehirns». In den Augen der liberalen Presse richteten sie auch einen volkswirtschaftlichen Schaden an. Allein 1879, rechnete «Le Confédéré» aus, habe die Freiburger Pilgergruppe für die «Vergnügungsfahrt» nach Einsiedeln mehr als 30 000 Franken ausgegeben.

Nicht zum Fenster hinausschauen

Für Kritiker galten Wallfahrten als Inbegriff des katholischen Müssiggangs. Sie standen seit jeher unter Verdacht, nicht so sehr religiöse, sondern vielmehr auch ganz profane Bedürfnisse nach Ferien und Erholung zu befriedigen. Sogar der «Einsiedler Anzeiger», der stets reflexartig alle Kritik gegen die Wallfahrt abwehrte, bestätigte 1874, dass viele Personen mehr aus touristischen denn aus religiösen Motiven zur Schwarzen Madonna pilgerten.

Die katholische Elite trat diesem Vorwurf mit zahlreichen Benimmregeln entgegen. Deshalb durfte eine Wallfahrt keinesfalls eine Vergnügungsreise für Arbeitsscheue sein. Bei der Zugfahrt, hiess es in einem Pilgerbüchlein, solle man während des Gebets nicht zum Fenster hinausschauen. Und in Einsiedeln selber musste man beichten.

Klein- und Kleinstgruppen

Mit dem Ende des eigentlichen Kulturkampfs (1870–1885) lösten sich die religiösen Spannungen in der Schweiz zwar nicht in Luft auf. Immerhin wurden die Wallfahrer aber seltener beleidigt. Die Pilgerzüge, einst gefürchtet als Instrument des politischen Katholizismus, waren Alltag geworden.

In ihrer äusseren Erscheinungsform änderte sich die Wallfahrt nach dem Zweiten Weltkrieg nochmals markant. Vermehrt beförderten Reisecars die Gläubigen nach Einsiedeln. Mittlerweile lösen sich die «Grosswallfahrten», wie das Kloster Einsiedeln auf seiner Internetseite schreibt, mehr und mehr in Klein- und Kleinstgruppen auf. Politische Propaganda, verkleidet in religiösen Übungen, findet nicht mehr statt. Es ist jedenfalls nicht überliefert, dass die Portugiesen am letzten Sonntag Treue für die Christdemokraten in ihrer Heimat geschworen hätten.

Hinweis

Dieser Text basiert auf folgender Publikation: Kari Kälin, «Schauplatz katholischer Frömmigkeit. Wallfahrt nach Einsiedeln von 1864 bis 1914».