Interview
«Eigene Comics zu machen ist mein grösster Traum»: Leonie Rösler freut sich über ihr Förderstipendium

Leonie Rösler (25) lebt von einem Beruf, von dem sie lange nicht wusste, dass es ihn gibt. Im Interview spricht die 25-Jährige über ihr Förderstipendium, das sie von Deutschschweizer Städten erhalten hat, und ihren persönlichen Zeichnungsstil.

Roger Rüegger
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Albert Uderzo ist im März gestorben. Mochten Sie die Geschichten, die er mit René Goscinny erzählte?

Leonie Rösler: Ja, Asterix las ich viel. Später driftete ich auf asiatische Mangas ab. Heute lese ich nur noch Independent-Comic.

Was hat Sie beeinflusst?

Schwierig zu sagen. Ich habe das Gefühl, dass man als Kind alles aufsaugt und vieles vermischt. Uderzo hat mein Unterbewusstsein bestimmt inspiriert, obwohl ich seine Comics schon lange nicht mehr angeschaut habe.

Illustratorin und Comic-Zeichnerin Leonie Rösler im Atelier in Ebikon.

Illustratorin und Comic-Zeichnerin Leonie Rösler im Atelier in Ebikon.

Bild: Boris Bürgisser (16. April 2020)

Gab es eine so etwas wie eine Einstiegsdroge?

Als Einstiegsdroge würde ich es nicht bezeichnen, weil ich immer parallel zum Lesen selber zeichnete. Gut gefällt mir, wie Thomas Wellmann mit Farben umgeht. Interessant finde ich, welche Details er hinzufügt oder weglässt. Vielleicht merkt man, dass ich mich an ihm orientiere, weil ich mit Fine Liner zeichne. Seine Cartoons Adventure Time hat mich sicher beeinflusst.

Der Stil oder die Storys?

Sein Stil. Die Storys sind ich gut, aber ich mache keine Fantasy.

Die Geschichten hat bei Ihnen aber schon Gewicht?

In meinen Arbeiten auf jeden Fall. Das ist wichtig. Bei meiner Bachelorarbeit ging es um Sexismus, um Alltagssituationen, die mich wütend machen oder mich stören. Es ist spannend, den Comic als Medium zu gebrauchen. Dinge aus meiner Sicht zu erzählen, über die sich andere keine Gedanken machen.

Setzen Sie mit Illustrationen politische Statements?

Vielleicht kann man es so nennen. Ich will Einblicke in Themen geben, damit sich Betrachter ertappt fühlen und merken, dass sie auch schon andere Sichtweisen hatten.

Ein Beispiel?

Mit einem Illustrator fragte ich 28 Berufskollegen an, etwas zum Klimawandel zu zeichnen. Daraus ist ein Buch entstanden. Klar, damit wollen wir uns ausdrücken und etwas bewegen.

Wurde es veröffentlicht?

Am Fumetto Comic Festival, das vom 28. März bis 5. April stattgefunden hätte, war eine Ausstellung vorgesehen. Wir konnten nur die Vernissage durchführen, einen Tag später wurden alle Veranstaltungen abgesagt.

Im Rahmen des Festivals werden Comic-Stipendien vergeben, trotz Ausfall. Wie haben Sie die Stipendien-Vergeber überzeugt?

Mein Comic handelt von Ava Kratz. Das Mädchen wächst mit einem hochbegabten Zwillingsbruder auf. Die Geschichte ist autobiografisch gefärbt, erzählt von Avas grosser Schwester.

Also von Ihnen!

Genau, die Figuren, die als Tiere dargestellt sind, entsprechen meiner Familie.

Gibt es eine Figur, die immer erscheint in Ihren Storys?

Es wäre cool, wenn es so einen Wiedererkennungswert geben würde. Bisher entwickle ich fast immer neue Charaktere. Die Figur, mit der ich mich am meisten identifiziere und mit der mich auch Leute verbinden, ist der ängstliche Chihuahua P.I. Von ihm zeichne ich Episoden.

Wie die von Rabenau in unserer Zeitung?

Etwa so. Meine sind etwas grösser. Sie würden eine Seite füllen. Ein täglicher oder wöchentlicher Comicstrip herauszugeben, wäre sehr cool. Derzeit arbeite ich aber an meinem Projekt zu Ava Kratz. Dazu Aufträge für Illustrationen. Ich kann mir aber vorstellen, mich in Zukunft bei Verlagen und Magazinen mit meinem Portfolio zu bewerben.

Waren Sie überrascht über den Förderpreis?

Vor allem überwältigt. Doch ich hatte ein gutes Gefühl bei der Bewerbung, obwohl ich noch am Tag der Deadline mit dem Dossier beschäftigt war. Weil mein Drucker nicht funktionierte, fuhr ich bei Regen mit dem Velo ins Neubad zum Drucken. Ich traf in dem Moment beim Briefkasten ein, als die Postbotin ihn leerte.

Dann stand die Bewerbung ja unter einem guten Stern!

Die Arbeit verzögerte sich, weil ich letztes Jahr ein paar schöne Aufträge hatte. Darum gab ich auf den letzten Drücker ab.

Wie wichtig ist das Stipendium?

Es ermöglicht mir, meine eigenen Comics zu machen - mein grösster Traum.

Sie liessen bestimmt die Lehrer verzweifeln, weil Sie immer am Zeichnen waren.

Tatsächlich hatte ich das Erlebnis, dass mein Mathelehrer sagte, ich solle aufpassen. Ich verstand dies nicht, weil ich konzentrierter war, wenn ich dabei zeichnete. All meine Hefte und Bücher waren vollgekritzelt.

Wie wurden Sie Zeichnerin?

Als Kind wollte ich Schriftstellerin werden. Weit entfernt bin ich nicht. Ich fand heraus, dass ich Geschichten mit Bildern besser erzählen kann als mit Worten. Ich wusste lange nicht, dass man diesen Beruf ausüben kann. Erst im Hochschule-Vorkurs wurde mir eröffnet, dass Zeichnen ein ganzes Berufsfeld ist. Da war klar, dass ich diesen Weg gehen werde.

Viele Tätowierer machten den Vorkurs. Keine Option?

Das war sogar mein Wunsch. Mich faszinierte die Coolness der Tätowierer. Ich informierte mich auch, wo man das lernen könnte. Im Studium begann ich selber mit Tätowieren. Ich übte an Früchten. Ein Kollege liess sich sogar von mir stechen. Zwei Pinguine beim Sex und ein Hirsch mit einem Geweih aus Messer und Gabel.

Und?

Er war sehr zufrieden, die wurden recht gut. Doch es war nicht meine Welt. Wenn mir ein Fehler passieren würde, müssten andere damit leben. So liess ich es bleiben. Es war eine Idee und ich arbeitete gerne mit der Maschine. Aber Nervosität und Verantwortung waren für mich zu gross. Beim Comic-Zeichnen bin ich besser aufgehoben.