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GESCHICHTEN: Gruselige Sagenwelt: Die wilden Lüütli von den Bergen

Unsere Hausberge sind reich an Sagen. Weit verbreitet ist das Motiv der Wildmannli. Sie lebten dort, wo die Natur rau war.
Pirmin Bossart
Die Bergmännchen am Stanserhorn hatten in der Sennhütte ihren eigenen Sitzplatz.

Die Bergmännchen am Stanserhorn hatten in der Sennhütte ihren eigenen Sitzplatz.

Wer sich heute mit modernsten Bahnen auf die Berge befördern lässt, dürfte kaum mehr den Bergmännchen, Erdleuten oder Zwergen begegnen, wie sie in vielen mündlichen Berichten aus früheren Zeiten überliefert sind. Mehr Glück hätte da wohl ein Wanderer, der abseits der Pfade die unwegsamen Landschaften durchgeht. Oder ein Holzfäller oder Älpler, die es gewohnt sind, in und mit der Natur zu arbeiten.

Geschichten von den Bergmannli oder den Wildmannli, die im Volksmund generell als «wilde Leute» bekannt sind, gibt es zahlreiche in der Innerschweiz. Der Schwyzer Sagenforscher Hans Steinegger hat in seinem aktuellen Buch 230 Wildmannli-Sagen aus den Alpen und Tälern der Innerschweizer Kantone zusammengetragen und kommentiert.

«Verkehrte Füsse»

Im Gebiet von Gersau sind die wilden Leute im Brauchtum als Tschämeler bekannt, in Sarnen und Stans heissen sie Wildlüütli. Laut Steinegger vermischen sich in den Wildmannli-Sagen oft Geisterwesen und reale Menschen: In gewissen Gegenden zählen neben Zwergen und Bergmännchen auch Heiden, Zigeuner und Venediger zu den «Wilden», weil sie fremd oder bedrohlich waren.

Die wilden Leute lebten vorzugsweise in den Bergen, in Felshöhlen (Balmen), Schluchten und Wäldern. Sie werden als kleine, graue, langhaarige Gestalten beschrieben, oft mit grossen Köpfen und Augen. Bekleidet waren sie mit Tannenreisig oder Tierfellen. Die Wildleute gingen barfuss, waren sehr gewandt, einige hatten «verkehrte Füsse».

Sie waren fleissig und den Menschen gut gesinnt, solange sie sich nicht missbraucht fühlten. Wurden sie hintergangen oder verspottet, konnten sie sich furchtbar rächen. Bei Föhn verschwanden sie, weil sie fürchteten, dass der warme Wind ihnen das Mark aus den Knochen treibe.

Drachen am Pilatus

«Die Wildleute stellten vornehmlich den Bauern und Sennen ihre Dienste zur Verfügung. Sie halfen beim Viehhüten, besorgten Stall und Hof oder erledigten Feldarbeiten, wenn Bauersleute mal einige Tage auswärts waren», sagt Steinegger. Sie hatten magische Kräfte oder hüteten wertvolle Schätze. Der Luzerner Chronist Cysat (1545–1614) glaubte, dass es sich bei den Erdleutchen um «gefallene Engel» handle, die nicht ganz die Hölle erreicht, sondern in der Erde hängen geblieben seien.

Laut Cysat waren Pilatus, Rigi und Stanserhorn die bevorzugten Lebensräume der Wildmannli. Er berichtet auch davon, dass auf dem Pilatus Feuer speiende Drachen hausten, die häufig zwischen Pilatus und Rigi hin- und her-flogen. Einer von ihnen liess 1420 bei Rothenburg den berühmten Drachenstein fallen, der bis Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund seiner angeblichen Heilkräfte «Weltberühmtheit» erlangt hatte. Seit 1929 ist der Drachenstein im Besitz des Kantons Luzern.

Bedrohliche Gestalten im Napf

Eine besondere Art von wilden Leuten gibt es auch in den Sagen rund um den Napf. Die Männer vom Enziloch, auch Tauherren genannt, sind aber nicht kleinwüchsige Helfer, sondern bedrohliche Gestalten: «Sie hocke ane grusige Tisch, lätsche a giftgrüenem Schwäfu, schlüdere kohleschwarzes Päch ond de verschwinde sie weder», heisst es, wenn Maria Kunz-Hodel vom Menzberg ihre Sagen erzählt.

Wie die Sagenerzählerin weiss, machte man die Talherren vom Enziloch für die schlimmen Napfgewitter verantwortlich. «Sie waren ins Enziloch verbannt und verdammt, mühselig mit Tannenstämmen und Felsblöcken zu hantieren.» Andere Sagen berichten, dass im Enziloch böse Geister oder arme Seelen in Körben und Kesseln mit wüsten Verfluchungen in die Tiefe geworfen worden seien.

Türst und Kinderschreck

Die einsame Napf-Landschaft mit ihren Krächen und Tobeln mag die Fantasie für schauerliche Geschichten beflügelt haben. Wenn die Winde heulen und Sturm bläst, ist der Türst auf einem feurigen Pferd mit Gefolge unterwegs, begleitet von Hunden, Pferden und Hornbläsern. Dem stürmenden Tross weicht man am besten nach rechts aus. Bauern sind angehalten, die Scheunentore zu öffnen, damit die Meute durchkann. Es gibt auch Kreuze, die zum Schutz vor dem Türst aufgestellt wurden.

Zu Türsts Begleitung gehört die Sträggele, eine Art Hexe, die Kinder mitnahm, die furchtbar schrien und von denen man niemals mehr hörte. Diese «wilde Frau» wurde vor allem in der Sträggelenacht, drei Tage vor Weihnachten, gefürchtet. «Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Grossmutter an diesem Abend wie ein Häftlimacher sorgte, dass wir Kinder ja nicht nach draussen gingen», sagt Marie Kunz-Hodel.

Im Napf seien auch die Bergmännli bekannt, «die den Leuten Gutes taten und halfen, wo sie nur konnten». Eine weitere Sage berichtet, dass im Gipfel des Napfs ein grosser Balken aus Gold verborgen sei. Das Gold gehörte einem gefürchteten Peiniger, der flüchten musste und das Gold im Napf verstecken wollte. Er wurde von den Bergmännli überwältigt, die aus der wertvollen Last den «goldenen Trämel» formten.

Gesicht im Felsen

Viele Sagen, die in den Bergen angesiedelt sind, erklären ein ungewöhnliches Landschaftsmerkmal oder eine Besonderheit in der Natur. Dazu ist im Weggiser Lesebuch eine Geschichte, die Josef Doppmann aufgeschrieben hat: Im grössten der Felsblöcke, die sich beim Felsentor am Rigi-Südhang ineinander verkeilen, soll das versteinerte Gesicht des Bruders Onophius mit dem wallenden Bart zu erkennen sein.

Auch er war eine Art Wildmannli. Er soll um die Mitte des 16. Jahrhunderts als Einsiedler gelebt und das Kapellglöcklein vom Heiligkreuz geläutet haben. Er half den Leuten mit Rat und Tat, konnte sie mit Kräutern heilen und soll die Sprache des Wilds verstanden haben. Als Onophius mit über 100 Jahren starb, verstummte die ganze Gegend.

Doppmann schreibt: «Eine solche Stille lag über dem Rigiwald, dass selbst das sanfte Aufsetzen eines fallenden Buchenblatts zu vernehmen war ... Während sieben aufeinanderfolgenden Tagen lag nun ein solcher Nebel zwischen dem oberen Sentiberg und der Wichmatt, wie man ihn seit Menschengedenken noch niemals gesehen hatte.»

Hans Steinegger: Innerschweizer Wildmannli- Sagen. Riedter Verlag Schwyz, 2013.

Weggiser Lesebuch «Chestene und Fiige». Schüpbach Druck Vitznau, 1993.

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