GESUNDHEIT: Mit wehenden Fahnen in die Erholung

Ein Walliser Autor behauptet, Fahnenschwingen sei ähnlich wohltuend wie Yoga. Wir machten die Probe aufs Exempel.

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Die «Fahnenschwinger-Vereinigung Luzern und Umgebung» auf der Chärnsmatt-Anlage in Rothenburg – mittendrin unsere Reporterin. Ebenfalls in Aktion: Stefan Fischer, der amtierende Meister der Zentralschweizer Fahnenschwinger (2. von links). (Bild: Nadia Schärli)

Die «Fahnenschwinger-Vereinigung Luzern und Umgebung» auf der Chärnsmatt-Anlage in Rothenburg – mittendrin unsere Reporterin. Ebenfalls in Aktion: Stefan Fischer, der amtierende Meister der Zentralschweizer Fahnenschwinger (2. von links). (Bild: Nadia Schärli)

Alexandra Hirsiger

Ziemlich ahnungslos und unbewandert in einer der ältesten Traditionen der Schweiz treffe ich mich mit Stefan Fischer. Der gebürtige Nidwaldner ist amtierender Meister der Zentralschweizer Fahnenschwinger. Bereits seit er zwölf Jahre alt ist, schwingt er die Fahne mit Stolz und Leidenschaft. Jeden Mittwochabend proben der 36-Jährige und seine Kollegen von der Fahnenschwinger-Vereinigung Luzern und Umgebung während knapp zwei Stunden in der Chärnshalle in Rothenburg. Fischer ist zwar schon seit frühmorgens auf den Beinen. Für die Probe hat er aber noch genug Elan, wie er versichert: «Danach habe ich jeweils alle Alltagsprobleme vergessen.»

Von der Entspannungswirkung des Fahnenschwingens ist nicht nur Fischer überzeugt. Sondern auch Lionel Dellberg. Der 32-jährige Walliser sieht Fahnenschwingen als «wirksamste Methode gegen Nervosität und Stress», die anhaltendes Wohlbefinden bringe, während gleichzeitig Kraft und Stabilität aufgebaut würden. Führe man die Schwünge korrekt aus, schreibt er in seinem Buch «Flag­swinging», so löse man zudem Verdauungsstörungen, könne übermässige Schweissproduktion vermindern, ja gar Schlaflosigkeit besiegen (siehe Interview). Fahnenschwingen also als verheissungsvolles neues Allheilmittel?

Entspanntes Gemüt wie beim Yoga

15 von insgesamt 24 Vereinsmitgliedern sind zur Probe erschienen. Seppi Scheuber ist mit 77 Jahren der älteste noch Aktive unter ihnen. Auch er glaubt an die wohltuende Wirkung des Fahnenschwingens: Seit 52 Jahren übe er diese Schweizer Tradition bereits aus, und sie mache ihn jeden Tag glücklich.

Stefan Fischer gibt mir zur Vorbereitung eine kleine Einführung in das Regelwerk des Fahnenschwingens. Drei Minuten lang dauert eine Wettkampfvorführung. «Während des Vortrags ist das Jauchzen, Sprechen oder offensichtliche Kauen von Gegenständen zu unterlassen», steht im «Technischen Regulativ» (siehe Box unten). Es sei zudem besonders wichtig, die richtige Höhe bei Hochschwüngen einzuhalten, sonst könne es Minuspunkte geben, erklärt Fischer. Die Schwünge müssen überdies mit beiden Händen identisch ausgeführt werden und mit dem höchstmöglichen Grad an Eleganz. Dann, wenn all dies befolgt wird, klappe es nicht nur mit der Bestnote, sondern auch mit einem entspannten Gemüt. «Wie beim Yoga?», frage ich. «Ja, wie beim Yoga», erwidert Fischer zu meinem Erstaunen.

Von der Socke bis zur Kutte

Denn Fahnenschwingen und die indische Lehre haben viel mehr gemeinsam, als man denkt. So stellt sich auch der Fahnenschwinger für seine Übungen auf eine weiche Unterlage. Dazu postiere ich mich in die Mitte einer moosgrünen Matte. Doch zuerst muss ich mich aufwärmen. «Das ist äusserst wichtig, um Verletzungen zu verhindern», sagt Fischer. Die könne es etwa bei den Hochschwüngen geben, wenn die Fahne 8 bis 9 Meter in die Höhe geworfen wird. Ich kreise meine Arme und Handgelenke, um meine Muskeln auf die bevorstehende Belastung vorzubereiten.

Zudem muss auch der Fahnenschwinger bewegungstaugliche und bequeme Kleidung tragen. Bei Wettkämpfen muss von der Socke bis zur Kutte alles stimmen, gibt doch eine falsch getragene Tracht Abzüge in der Wertung. Ich mache den Bewegungstest: In meiner schwarzen Hose kann ich meine Beine genügend hochheben. Von mir aus kann es losgehen. Doch Fischer zügelt meinen Übermut und weist auf einen letzten wichtigen Punkt hin: «Viele vergessen zu atmen. Das ist weder gesund, noch können damit die Übungen richtig ausgeführt werden.» Während der Proben gehe er immer durch die Gruppe, um auf diese Notwendigkeit aufmerksam zu machen.

Hand- und andere Verdrehungen

Mit Mühlirad, Schnecke, Luzerner Dächli oder Einfacher Schlängger haben die über 90 Fahnenschwünge wohlklingende Namen. Ich lasse mich von der sprachlichen Lieblichkeit aber nicht täuschen: Mit Internetvideos habe ich mich bereits vor unserem Treffen an die Kunst des Fahnenschwingens herangetastet. Auch wenn es leicht und gemächlich erscheint – die spektakulären Tänze sind nur durch akrobatische Handverrenkungen und hohe Präzision zu erreichen. Dies lässt mich vorderhand stark an der Entspannungswirkung zweifeln.

Und so bleibt der Eindruck vorerst während meiner ersten Probelektion: Die Fahne wiegt schwer in der Hand, besonders in der linken, und trotz Fischers lobenden Worten bin ich mir nicht so sicher, ob ich die Fahne tatsächlich majestätisch durch die Lüfte schwinge. Vor allem, weil ich mich dermassen unbeholfen anstelle, dass sich die Fahne bei der ersten simplen Übung nach ungefähr zehn Armdrehungen auf ihrer Stange aufgewickelt hat. Ich muss die Übung abbrechen und die Fahne von Hand von ihrer Stange rollen. Mir kommt der 77-jährige Seppi Scheuber in den Sinn, der mir vor Lektionsbeginn zuraunte: «Es sieht einfacher aus, als es ist.»

Dennoch: Ich komme nicht umhin, die beruhigende, fast meditative Wirkung der kreisenden Fahnen zu registrieren. Was vor allem sanft stimmt, ist das Geräusch der flatternden Fahne. Man fühlt sich ans Meer versetzt, wo nur der Wind über den verlassenen Strand streift. Dieses Gefühl stellt sich vor allem ein, als ich für die dreiminütige Darbietung der Fahnenschwinger vor die Gruppe treten und ihrer synchronen Übung zuschauen darf. Es herrscht vollkommene Stille, kein Laut dringt zu uns, obwohl wir uns auf einem Sportplatz in der Nähe eines Fussballspiels befinden. Die Fahnenschwinger sind konzentriert, die Fahnen flattern regelmässig im Wind, und so erzeugt die Simultaneität der Bewegungen eine innere Ruhe in mir. Zu Ende der Probe fühle ich mich tatsächlich gelassen und entspannt. Die Männer bestätigen mir bei mancher Gelegenheit, dass der Vergleich mit Yoga und anderen Wohlfühlsportarten keineswegs abwegig ist.

Frauenfeindliche Fahnenschwinger?

Apropos Männer. Mir brennt zum Schluss noch eine Frage auf der Zunge: Warum üben fast nur Männer diesen Sport aus? Erna Fischbacher aus Frauenfeld war 2011 die erste Frau, die sich für ein Eidgenössisches Jodlerfest qualifizierte. Und der Luzerner Verein hat keine weiblichen Mitglieder. Keineswegs seien die Fahnenschwinger frauenfeindlich, erwidert Stefan Fischer energisch: «Wir würden es begrüssen, wenn sich auch Frauen unserer Gruppe anschliessen würden.»

Röcke durch Hosen ersetzt

Seit 2009 das Regulativ angepasst wurde, ist das Fahnenschwingen nicht mehr nur den Männern vorbehalten. Dass davor fast ein Jahrhundert lang nur Männer diese Schweizer Tradition praktizierten, lag an einem praktischen Grund: Die weibliche Tracht ist gänzlich ungünstig fürs Fahnenschwingen. Vor allem der Rock eignet sich unmöglich für Unterschwünge, bei denen die Fahne unter den Beinen durchgezogen wird.

Nun dürfen Frauen in Hosen Fahnen schwingen. Doch die Kleidervorschriften würden mir so oder so weniger Probleme bereiten. Viel mehr Sorgen macht mir meine eigene Ungeschicklichkeit – und die fehlende Kraft in meinen Armen. Hätte ich mir doch deswegen beinahe selber die Fahnenstange um die Ohren geschlagen. Auf der Suche nach Entspannung würde ich also eine gehörige Portion an Training benötigen.