GESUNDHEIT: Noch vier Mal schlafen ...

Zu den häufigsten Nebenwirkungen der aktiv verbrachten Fasnacht gehört neben einem erhöhten Alkoholpegel auch ein beträchtliches Schlafmanko. Aber das scheint verkraftbar.

Hans Graber
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Ob der wirklich bettreif ist, lässt sich nicht so einfach sagen. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 2012))

Ob der wirklich bettreif ist, lässt sich nicht so einfach sagen. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 2012))

Hans Graber

Vorweg: Vorschlafen geht offenbar nicht. Es bringt nichts, sich in den Nächten vor dem Schmutzigen Donnerstag früh ins Bett zu legen, um für die Fasnachtstage besser gerüstet zu sein. «Es ist generell nicht möglich, Erholung ‹anzusparen›, um später davon zehren zu können», sagt Ute Bahner (Bild), Psychologin, Psychotherapeutin und Somnologin an der auf Schlafmedizin spezialisierten Seeklinik Brunnen SZ.

Nachschlafen hingegen funktioniere und könne die Defizite kompensieren. «Je grösser der Schafdruck, das heisst, je länger man wach ist, desto dringender wird das Schlafbedürfnis», erklärt Ute Bahner. Dabei müsse das entstandene Manko nicht eins zu eins ausgeglichen werden. Denn: «Mit wachsendem Schlafdruck verändert sich auch die Schlafarchitektur. Tiefschlafphasen sind ausgeprägter und treten im Verhältnis zum Gesamtschlaf anteilsmässig verstärkt auf.» Folge: Man schläft tiefer und fester.

Wie lange es schlaflos geht, weiss man nicht genau

Bis es aber so weit ist, kann es dauern. Die Innerschweizer Fasnacht dauert vom Schmutzigen Donnerstag, 5 Uhr, bis in den Aschermittwoch hinein, sagen wir der Einfachheit halber auch 5 Uhr. Das sind insgesamt 144 Stunden. Fast ein Klacks gemessen daran, wie lange ein Mensch maximal ohne Schlaf auskommen kann. Wie viel das ist, lässt sich nicht sagen, da aus wissenschaftlicher Sicht eine entsprechende Untersuchungsanordnung unethisch wäre. Erzwungener Schlafentzug ist auch eine Foltermethode.

Es wurden jedoch zahlreiche Selbstversuche durchgeführt. Gemäss Ute Bahner stammt der am besten untersuchte und am meisten zitierte Schlafentzugstest vom damals 17-jährigen US-amerikanischen Studenten Randy Gardner, der im Jahr 1964 über 264 Stunden (ganz genau 11 volle Tage und 24 Minuten) ohne Schlaf ausgekommen ist. Auf ärztliches Anraten wurde das Experiment dann abgebrochen, obwohl Gardner kurz davor an einer Pressekonferenz noch einen einigermassen wachen Eindruck machte und ohne Lallen sprechen konnte. Allerdings hatte er bereits am vierten Tag Halluzinationen gehabt. Nach seinem Marathon schlief Gardner 15 Stunden am Stück und fand innert Kürze wieder zu einem normalen Schlafrhythmus.

Seit 1964 gab es noch weitere Versuche mit noch längeren Wachphasen, all diese Tests sind aber wissenschaftlich weniger gut dokumentiert. Wie auch schon Randy Gardners Experiment fanden jedoch alle unter Bedingungen statt, die nicht mit dem Ausnahmezustand Fasnacht vergleichbar sind.

Obwohl es da schon auch zu einem beträchtlichen Schlaf­manko kommen kann, glaubt Ute Bahner nicht, dass man körperliche oder psychische Schäden ­davonträgt. «Erst andauernder Mangel kann zu kognitiven Einbussen wie Gedächtnisschwierigkeiten oder Wahrnehmungsstörungen sowie einer verringerten Immunabwehr führen.»

Haben Jüngere effektiv mehr Ausdauer als Ältere?

Die Psychologin zweifelt auch an der oft gehörten These, dass man als junger Mensch besser mit einem vorübergehenden Schlafdefizit zurechtkomme als ein reiferes Semester: «Ich glaube eher, dass hierbei kulturelle und generationstypische Überzeugungen und Erwartungen eine Rolle spielen.» Oder anders gesagt: Man wird älter und hat gar nicht mehr das Bedürfnis, ganze Nächte durchzumachen.

Ob jung oder alt, für die Fasnachtstage rät Ute Bahner allen, fehlenden Nachtschlaf am Folgetag durch einen kurzen, zirka 20- bis 30-minütigen Tagesschlaf («Power nap») zu kompensieren. Und allgemein solle man übermässigen Alkoholkonsum vermeiden, da Alkohol die Schlafqualität und Erholsamkeit mindere. Das Einschlafen gelinge zwar vielleicht leichter, das Durchschlafen könne aber gestört sein. Fragt sich bloss noch, ob ein bisschen Gestörtsein nicht zwingend zur Fasnacht gehört.