Gesundheit
Zentralschweizer Gesundheitsdirektoren rufen zum Impfen auf, Kanton Luzern will Militär um Hilfe bitten

Zahlreiche Schweizer Spitäler stossen zusehends an ihre Belastungsgrenze, warnen die Zentralschweizer Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren. Deren Präsident Guido Graf bemüht sich jetzt auch um mehr Personal.

Alexander von Däniken, Roger Rüegger und Stefanie Geske
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Die Notfallstationen sind überlastet, die Intensivstationen am Limit: «Dies führt dazu, dass zwar alle behandelt werden, die Behandlung benötigen, die gewohnte Qualität aber nicht mehr in allen Fällen aufrechterhalten werden kann», schreibt die Konferenz der Zentralschweizer Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (ZGDK) in einer Mitteilung. Auch steht, dass «bereits heute manchenorts eine Triage erforderlich wird». Auf Nachfrage sagt Guido Graf, ZGDK-Präsident und Luzerner Gesundheitsdirektor: «Eine harte Triage hat es in der Zentralschweiz bis jetzt nicht gegeben. Aber das kann sich schnell ändern.»

Was ist eine Triage?

Triage in der Intensivbehandlung bedeutet, so zu entscheiden, dass die grösstmögliche Anzahl von Leben gerettet wird. Wenn infolge Überlastung der Intensivkapazitäten Patientinnen und Patienten, die eine Intensivbehandlung benötigen, abgewiesen werden müssen, ist für die Triage die kurzfristige Überlebensprognose das erste und wichtigste Entscheidungskriterium. Bei der Aufnahme auf die Intensivstation haben gemäss geltender Praxis diejenigen Patientinnen und Patienten die höchste Priorität, deren Prognose im Hinblick auf das Verlassen des Spitals mit Intensivbehandlung gut, ohne diese aber ungünstig ist.

Die zuständige Kommission, die konkrete Empfehlungen abgibt, welche Patienten dereinst auf eine Behandlung verzichten müssen, sei bereit. Und schon jetzt müssten zahlreiche Wahleingriffe verschoben werden, was grundsätzlich auch eine Triage sei. Der Mitte-Regierungsrat mahnt:

«Die Situation ist ernst.»

Pflegeintensive Covid-Patienten

Guido Graf lässt sich in der Mitteilung weiter so zitieren: «Es ist deshalb umso wichtiger, dass sich möglichst viele Mitmenschen impfen lassen, bevor es zu Erkrankungen kommt, die unser Gesundheitswesen zusätzlich belasten. Denn ein grosser Teil der Betten auf den Intensivpflegestationen ist heute von Covid-Patientinnen und Patienten belegt, und die allermeisten von ihnen sind nicht geimpft.» Am Freitag waren in den Luzerner Akutspitälern von 42 Intensivbetten 9 mit Covid-Patienten belegt. «Das ist immerhin fast ein Viertel», so Graf. Dazu komme, dass es sich um ungeimpfte Covid-Patienten handle und diese sehr pflegeintensiv seien.

Mit den Ressourcen für einen Covid-Patienten könnten rund zehn Patienten nach einer Herzoperation gepflegt werden. «Es ist wirklich sehr wichtig, dass sich möglichst viele impfen lassen.» Die personelle Situation in den Spitälern sei mittlerweile so akut, dass der Kanton Luzern dabei sei, ein Gesuch um Unterstützung durch das Militär vorzubereiten. Wo und wann das zusätzliche Personal eingesetzt würde, sei noch nicht klar. Zum aktuellen Stand sei ein erneutes Hochfahren des Notspitals in Nottwil keine Option; dazu fehle das Fachpersonal.

80 Personen mit einer Corona-Infektion in Spitalpflege

Insgesamt befanden sich am Freitag im Kanton Luzern 80 Personen mit einer Corona-Infektion in Spitalpflege. 70 von ihnen sind ungeimpft. «Glücklicherweise hat die harte Form der Triage, bei der ein Patient oder eine Patientin auf der Intensivstation einer anderen Person den Platz freimachen muss, bisher in keinem Luzerner Spital stattgefunden», teilt Markus von Rotz, Medien- und Kommunikationsbeauftragter des Luzerner Kantonsspitals auf Anfrage mit. Es sei nicht auszuschliessen, dass es zur Triage komme. Auf diese Situation wollten die Luzerner Spitäler nicht nur einzeln, sondern auch im Verbund vorbereitet sein. Um die Frage der Triage kümmere sich ein Gremium der Spitäler unter Einbezug des Gesundheitsdepartementes.

Derweil nimmt die Luzerner Hirslandenklinik St. Anna in einer Medienmitteilung Stellung zu den Aussagen der ZGDK. Die Klinik sei derzeit «voll ausgelastet» und «infrastrukturell wie personell an [den] Kapazitätsgrenzen», ebenso sei die Intensivpflegestation «meistens voll besetzt». Rund die Hälfte der IPS-Betten seien von Covid-Patientinnen und -Patienten belegt, alle davon ungeimpft. Das St. Anna bereitet sich gemäss Mitteilung darauf vor, Triage anzuwenden. Schon seit September seien geplante Operationen verschoben worden.

Am Zuger Kantonsspital gibt es bisher noch keine Triage-Fälle. Dies bestätigt Marketing-Leiterin Sonja Metzger auf Anfrage. Sollte es soweit kommen, halte man sich an die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften.