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GROSS: Der Waldmensch vom Gross

Auf einmal war er da. Niemand wusste, woher er kam und niemand wusste, was er vorhatte. Irgendwann Anfang Juni wurde er im Breukholz erstmals gesehen: Im Wäldchen am Seeufer in Gross bei Einsiedeln hatte er sein Lager mit Schlaf- und Küchenzelt aufgebaut.
Victor Kälin
«Das ist mein Fernseher, mein täglicher Ausblick»: Johann in seinem Waldcamp am Sihlsee. (Bild Victor Kälin)

«Das ist mein Fernseher, mein täglicher Ausblick»: Johann in seinem Waldcamp am Sihlsee. (Bild Victor Kälin)

Die Anwesenheit eines fremden Menschen in einem Wäldchen, angrenzend an ein Siedlungsgebiet und einen Badeplatz, gab im Viertel Gross verständlicherweise zu reden. Die Polizei wurde eingeschaltet. «Wir schauten vor Ort nach und überprüften die Identität des Mannes», gibt Regionenchef Josef Lagler auf Anfrage unserer Zeitung bekannt. Da der Mann nicht zur Fahndung ausgeschrieben sei und bisher auch keine strafbaren Handlungen vorlägen, habe sich für die Polizei kein Handlungsbedarf ergeben. Entscheidend ist aber die Frage, ob die Etzelwerk AG als Besitzerin des Waldes die Anwesenheit toleriert. Dort gibt man sich nach Rücksprache bei der Polizei kulant: Solange der fremde Mann keine Probleme bereite, lasse man ihn gewähren. Die richtige Adresse des «Waldmenschen» sei jedenfalls bekannt.

Doch was hat es mit dem Mann auf sich, von dem im Gross gesagt wird, dass er weder herumstreiche, noch sonst Probleme bereite, aber im Wald zu hören sei, da er Selbstgespräche führe? Unsere Zeitung war bei ihm zu Besuch.

Es herrscht Ordnung im Wald

Johann nennt er sich, streckt die Arme aus zur Begrüssung, und ehe weitere Fragen gestellt werden können, gehts zur Lagerbesichtigung. Es herrscht Ordnung, kaum etwas ist dem Zufall überlassen und selbst die Zigaretten werden fein säuberlich entsorgt. Johann erzählt, dass er im Militär in der Feldküche tätig war und Fischen sein grosses Hobby ist. Seine Outdoor-Tauglichkeit hat er mit seinem kleinen «Waldreich» jedenfalls unter Beweis gestellt. Eindrücklich ist insbesondere seine «Entsorgungsstelle», in welche er zusätzlich eine vollkommen natürlich abbaubare Toilette integriert hat. Der Mann weiss, was zu tun ist. Und wie es gemacht werden muss.

Johann also nennt sich der Mann, der sonst nicht allzu viel Persönliches preisgeben will. Auf die Nennung seines Familiennamens, seines Wohnortes («schreiben Sie: Ich komme aus der Ostschweiz») und seines Alters will er lieber verzichten. Geschätzte 50 wird er sein, «jugendlich» fühlt er sich, ledig ist er und gelernter Konditor-Confiseur. Später hat Johann im Gastgewerbe gearbeitet, und der Traum von der eigenen Beiz liess sich nur darum nicht verwirklichen, weil «sich für mich vor zehn Jahren alles änderte».

Aus der Bahn geworfen

Ab jetzt wird die Geschichte komplizierter, was nicht an Johann liegt, der druckreif spricht. Doch sein fast zweistündiger Monolog fordert. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Johann vor zehn Jahren komplett aus der Bahn geworfen wurde, als «psychotische Schübe» begannen, sein ganzes Leben umzukrempeln. Zwei Monate sass er damals in einer psychiatrischen Anstalt. Diagnose: Schizophrenie. Da Johann Stimmen vernimmt, hängten ihm die Psychiater das Etikett «krank» um. Seither ist er arbeitsunfähig und IV-Rentner. Mit monatlich 900 Franken muss er auskommen.

Doch Johann wehrt sich dagegen, als krank abgestempelt zu werden. Seit zehn Jahren sei er am Recherchieren. Er will beweisen, dass es das gibt: Dass es Menschen gibt, die Stimmen hören, die spüren, dass etwas Fremdes (er nennt es «Schwarze Magie») von einer Person Besitz ergreifen will. Bei ihm persönlich sei das «jeden Tag» der Fall. Und er wisse genau, wer ihn bedrängt: «Das hat mit meiner Lebensgeschichte, mit einigen Lebenserfahrungen zu tun. Ich weiss, welche es sind.»

Konkreter wird er nicht, was ihn aus seiner Vergangenheit derart drückt. Stattdessen spricht er in Allgemeinplätzen und Gleichnissen von Drogen, Spielsucht und der Gier nach Erbschaften, von Gedankenlesen und Gehirnwäsche, von den Zeugen Jehovas und Voodoo-Praktiken. Dem Schreibenden gibt er den Auftrag, sich vier Begriffe zu merken: das lateinische Wort suggerere, das Facial Action Coding System, Burn-out und Schizophrenie.

Keine Einbildung

Seit Jahren sucht er die Argumente, um beweisen zu können, dass er sich seinen Zustand nicht einbildet, sondern Realität ist, dass jemand anderer von ihm Besitz ergreifen will. Unzählige Bücher hat er gelesen, Statistiken verglichen und Zeitungen konsumiert. Er will seine Beweisführung beenden und seine Arbeit niederschreiben. «Die Psychologie», ist Johann überzeugt, «ignoriert die neuesten Erkenntnisse». Denn diese würden sehr wohl bejahen, dass es Stimmen, gar ein Stimmenreich gäbe, und ebenso Menschen, welche diese wahrnehmen, mitunter darunter leiden. Wie er selbst.

Für Johann ist klar: Das sind «Verstösse gegen die innen wohnende Würde des Menschen». Das will er beweisen. Und dann müsse die Psychologie dazulernen und die Rechtsprechung ergänzt werden: Jene Gestalten aus der Vergangenheit, welche ihm schlecht wollen, könnte man dann zur Rechenschaft ziehen; er selbst könnte rehabilitiert werden. Und dann könne er endlich, was er seit langem will: Seinen Frieden finden. «Doch niemand», hat Johannes in all den Jahren erfahren müssen, «will etwas mit dieser Thematik zu tun haben.»

Abstand gewinnen

Etwas Abstand gewinnen will er in diesen Tagen. Abstand von der Ostschweiz. Abstand von seiner Vergangenheit. Die Schönheit der Natur, das Fischen, der Innerschweizer Dialekt … all dies hätte ihn an den Sihlsee geführt.

Und warum gerade im Breukholz? Mit seinem Töffli sei er um den See gefahren und hätte überall Verbotstafeln gesehen. Nur im Breukholz nicht: «Keine Tafel, keine Verbote – oh, da bleibe ich.»

Ende August soll sein Gastspiel am Sihlsee ein Ende haben. Muss man sich um ihn sorgen? «Ich sehe schon, wie es mit mir weitergeht», sagt Johann bestimmt. Um im gleichen Moment zu fragen, ob es irgendwo einen Computer mit Internetzugriff gibt? Hier im Wald könne er weder recherchieren noch schreiben.

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