Kommentar

Gymnasien bleiben überraschenderweise geschlossen – «das ist doch zum Kotzen!»

Ab dem 6. Juni kommt es zu den nächsten grossen Lockerungsschritten im öffentlichen Leben, wie der Bundesrat am Mittwoch beschlossen hat. Bloss: In vielen Kantonen bleiben die Schulen der Sekundarstufe II überraschenderweise zu. Das ist weder glaubwürdig vermittelbar noch sinnvoll - und verärgert viele Schüler und Eltern.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
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Jérôme Martinu, Chefredaktor Luzerner Zeitung und Regionalausgaben.

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Bild LZ

«Die Umstellung hat einiges von Ihnen abverlangt», schreibt die Luzerner Dienststelle für Gymnasialbildung den Eltern und dankt «für die Unterstützung». In diesem Brief vom Donnerstag wird überraschenderweise mitgeteilt, dass es bis zu den Sommerferien nun doch keinen Präsenzunterricht ab Sekundarstufe II mehr gibt. Zuvor wurde wochenlang kommuniziert, dass es am 8. Juni wieder los geht. Der Dank wirkt darum für viele Eltern zynisch. Reaktionen von Gymnasiasten und Eltern zeigen vor allem eines: Unverständnis. Auch weil das monatelange Homeschooling vielerorts für heftige Friktionen sorgte. Die Aussage dieser Mutter zum Entscheid spricht Bände: «Das ist doch zum Kotzen!»

Luzern, und auch Kantone wie Obwalden, Schwyz und Zug,berufen sich auf die nach wie vor geltende 2-Meter-Abstandsregel, darum sei Präsenzunterricht nicht umsetzbar. Die vom Bund erlassenen Grundprinzipien für die überobligatorischen Schulen sind denn auch das Problem: Sie datieren vom 13. Mai und passen überhaupt nicht mehr zu den weiteren Lockerungsschritten, die am Mittwoch verkündet wurden. Die Abstandsregeln in Schulen sind nicht mehr belastbar. Unverständlich, dass der Bund hier keine Korrekturen vorgenommen hat. Und dass die Kantone das offensichtlich auch nicht eingefordert haben.

Bis zu 30 Personen dürfen sich nun treffen, in den Restaurants sind Gruppen wieder zugelassen, bis zu 300 Besucher dürfen in Veranstaltungslokale – aber in den Gymnasien mit stabil zusammengesetzten Klassen herrscht striktes Abstandsregime? Das ist weder glaubwürdig vermittelbar noch sinnvoll.

Fragwürdig ist auch dies: Der Präsenzunterricht liesse sich – nebst betrieblichen und organisatorischen Gründen – für «die restlichen vier Wochen (...) pädagogisch nicht sinnvoll bewerkstelligen». Wie bitte? Welches Licht wirft das generell auf die Qualität des Präsenzunterrichts? Es spielt also keine Rolle, dass 15- bis 19-Jährige vier statt drei Monate lang zu Hause im improvisierten Unterricht stecken? Oder wie ein Vater schreibt: «Eigentlich unglaublich, man kann es sich wirklich einfach machen!»

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