Heilende Kräfte – mitten in der Stadt

Ein Arzneipflanzengarten an unscheinbarer Stelle in der Stadt – das ist das Reich von Ursula Schwotzer. Ein Exkurs in die Geschichte der Naturheilkunde.

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Ursula Schwotzer im Arzneigarten bei der Ufschötti in Luzern. (Bild: Pius Amrein/Neue LZ)

Ursula Schwotzer im Arzneigarten bei der Ufschötti in Luzern. (Bild: Pius Amrein/Neue LZ)

Im Sommer ist die «Ufschötti» beim Alpenquai in Luzern ein beliebter Badeort. Dass sich in unmittelbarer Nähe des öffentlichen Freibads ein ganz spezieller Garten befindet, ist hingegen weit weniger bekannt. Auf dem Dach eines Bootshauses neben dem Kiosk ist im Jahr 1978 ein Arzneipflanzengarten eingerichtet worden. «Er war ein Geschenk des Luzerner Apothekervereins an die Stadt zu deren 800-Jahr-Jubiläum», erzählt Dr. Ursula Schwotzer. Die 63-jährige Neuenkircherin, die in Wolhusen eine Apotheke führt, ist eine von vier Frauen, welche gelegentlich nach dem Garten schauen und im Sommer jeweils vier Führungen veranstalten. Auf der überschaubaren Fläche haben sich mittlerweile 120 verschiedene Pflanzensorten angesammelt. Sie alle haben eines gemeinsam: heilende Kräfte. Sei es zur Behandlung von banalen Erkrankungen oder zur Unterstützung bei der Heilung von ernsteren Leiden.

Bild: Pius Amrein/Neue LZ
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Nützlich und schädlich

Weshalb das so ist, erklärt Schwotzer so: «Jede Pflanze hat den primären Stoffwechsel, die Fotosynthese. Daneben gibt es noch einen sekundären Stoffwechsel, der zu Form, Farbe und Duft der Pflanze führt.» Das kann dem Schutz vor Frass dienen. Oder dem Anziehen von Insekten, welche für die Vermehrung benötigt werden. Oder der Verbreitung via Wurzel ins Erdreich. «Diese Inhaltsstoffe nützen nicht nur der Pflanze, sondern können auch den Menschen helfen», führt Schwotzer aus. Im Arzneipflanzengarten ist auf einem Schildchen jeweils der deutsche und der lateinische Name der Pflanze vermerkt sowie jener Teil, der pharmazeutisch verwendet wird. Beim Beinwell sind es beispielsweise die Wurzel und die Blätter. «Ein Beinwell-Umschlag lindert die Schmerzen bei einer Verstauchung und wirkt entzündungshemmend», so Schwotzer. Wie bei vielen Pflanzen ist aber auch beim Beinwell Vorsicht geboten. «Die Einnahme oder der übermässige Gebrauch von Beinwell kann die Leber schädigen.» Vorübergehend sogar verboten wurde in vielen Ländern, so auch in der Schweiz, das wie Zucker schmeckende Steviakraut, weil es angeblich krebserregend sei.

Die Exemplare im Luzerner Arzneipflanzengarten sind alles Ausstellungsstücke. In der Praxis ist der Umgang mit ihnen völlig unterschiedlich. Bei gewissen Pflanzen werden Teile direkt verwendet. Aus anderen werden Stoffe extrahiert, weil sie natürlich genutzt zu stark oder zu giftig wären (Fingerhut). Und wieder andere dienen als Lehrmeister, als Vorläufer für ein Medikament. Ihre Heilkraft wird mittlerweile von der Industrie synthetisch imitiert, wie das schmerzstillende Morphin aus dem Mohn. Daneben gibt es auch Pflanzen, die heute nicht mehr genutzt werden. «Diptam diente früher beispielsweise bei fraulichen Leiden», erklärt Schwotzer.

Unerwünschte Selbstbedienung

Die meisten der ausgestellten Pflanzen stammen aus der Schweiz. Eine Ausnahme bildet der rote Sonnenhut, welcher in Nordamerika beheimatet ist und dort den Indianern zur Kräftigung des Immunsystems diente. Anhand dieser Pflanze lasse sich gut illustrieren, wie eine Heilwirkung, die zunächst nur auf Erfahrungen basierte, später durch Studien wissenschaftliche belegt wurde. Um den Bestand zu kontrollieren und gegebenenfalls aufzustocken, machen Schwotzer und ihre Kolleginnen jeweils im Frühjahr Inventur. Nicht selten stellen sie fest, dass Pflanzen herausgerissen oder Beschriftungsschildchen entfernt wurden. «Es ist nicht total schlimm, aber wir sehen es grundsätzlich nicht gerne, wenn Pflanzen angefasst werden», sagt Schwotzer. Jene Pflanzen, denen die Legende eine aphrodisierende, also verführerische Wirkung zuspricht, werden gar nicht erst neu beschriftet. Diese, so zeigt sich, werden besonders gerne mit nach Hause genommen ...

Stephan Santschi

HINWEIS
Nächste Führung: Mittwoch, 8. August, 18 Uhr (Treffpunkt beim Kiosk am Alpenquai). – Thema: Zauberhafte Kraftkräuter. – Kontakt: arzneipflanzengarten@gmx.ch. – Kosten: 15 Franken.

 

«Crème brûlée mit Lavendel»

Heilpflanzen können auch über die Sinnesorgane zu Wohlbefinden führen. So lässt sich mit Lavendel, der Heilpflanze des Jahres 2008, eine nicht alltägliche Crème brûlée kreieren. Dazu wird die Grundmasse mit abgezupften Lavendelblüten, die vor dem Vergiessen wieder abgesiebt werden, aromatisiert.

ss.