HELDEN: «Es gibt sehr viele unerkannte Helden»

Unsere Zeitung sucht unbekannte Helden. Weshalb diese noch lange nicht ausgestorben sind, sagt uns der ehemalige Luzerner Sozialdirektor Ruedi Meier.

Interview Rahel Schnüriger
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Ruedi Meier (61) war von 2000 bis 2012 Stadtrat (Grüne) in Luzern. Er hat Geschichte und Philosophie studiert. (Bild: Archiv Dominik Wunderli / Neue LZ)

Ruedi Meier (61) war von 2000 bis 2012 Stadtrat (Grüne) in Luzern. Er hat Geschichte und Philosophie studiert. (Bild: Archiv Dominik Wunderli / Neue LZ)

Ruedi Meier, wer ist für Sie ein Held?

Ruedi Meier: Es ist schwierig für einen Alt-68er, einen Held zu nennen (lacht). In der 68er-Bewegung gab es dieses antiautoritäre Element, das sehr kritisch gegenüber Führungspersonen war. Es gibt heute Intellektuelle, die sich immer wieder gut äussern, weshalb ich sie mag. Als Bub hatte ich zudem Vorbilder wie den ehemaligen FCL-Goalie Antonio Permunian.

Wie hat sich das Heldenverständnis von früher zu heute verändert?

Meier: Ganz massiv. Nach alten Lexika ist der Held definiert als einer, der besondere Fähigkeiten hat, wie etwa Kraft, Schönheit oder Intelligenz. In Verbindung mit diesen Voraussetzungen erbringt er eine aussergewöhnliche Tat. Meist waren Helden Männer, die französische Märtyrerin Jeanne d’Arc war eine der wenigen Frauen mit Heldenstatus. Im Begriff Held steckt also ein gutes Stück Patriarchat. Oft waren Helden auch Figuren, die gar nicht existiert haben.

Etwa Wilhelm Tell?

Meier: Ja, oder Arnold von Winkelried. Bei Tell ist speziell, dass seine Heldentat ja die Grussverweigerung war. Gegenüber eines Diktators, wie Gessler einer war, brauchte das aussergewöhnlichen Mut. Der Mord an Gessler in der Hohlen Gasse ist rechtsstaatlich eher bedenklich. Wir sehen dies anhand der aktuellen Situation in der Weltpolitik. Es gibt Tyrannen auf der Welt, wie den syrischen Diktator Baschar el Assad. Die Frage ist, ob man Tyrannen einfach aus der Welt schaffen kann und Probleme damit gelöst werden. An Tell ist spannend, dass sich alle politischen Milieus an ihm bedienen konnten. Im 18. Jahrhundert ist die Sage immer stärker in den Vordergrund getreten: Die katholisch konservativen Kräfte sahen ihn, den Urschweizer, als einen der ihren, für die Liberalen war er ein Freiheitsheld und für die Arbeiterschaft ein Sozialrevolutionär.

Und heute? Gibt es noch Helden?

Meier: Heute ist für mich ein – «abgemilderter» – Held eine Vorzeigefigur, die in einer wichtigen Funktion Verantwortung getragen hat und sich danach auch wieder zurückziehen und einreihen kann. Putin ist es definitiv nicht, eher schon Papst Benedikt.

Wie sieht es allgemein mit Helden in der Politik aus?

Meier: Es gibt in der Politik Leute, die sehr wichtig sind, weil sie sich getrauen, etwas zu formulieren, das nicht angenehm ist. Helden in der Politik sind Leute, die Zivilcourage haben und mutig sind. Dies gilt für Diktaturen und Demokratien.

Sie sprechen Mut und Zivilcourage an. Wie stehen Sie dazu?

Meier: Es gibt Leute, die in Extremsituationen schnell, richtig und eben mutig schalten. Darum sagt man häufig, die Situation schafft Helden. Es gibt aber auch falsche Helden. Hoch-Risikosportler gehören meines Erachtens dazu.

Wie heldenhaft sind Sportler grundsätzlich?

Meier: Im Sport wird auch von Helden gesprochen, die nichts damit zu tun haben. Ein Gareth Bale, der für 100 Millionen zu Real Madrid geht, ist ein Fussballkünstler, ein Star. Sein gesellschaftlicher Status ist aber übertrieben. Als ich dagegen im Schlussgang am vergangenen Wochenende gesehen habe, wie sich die beiden Schwinger Christian Stucki und Matthias Sempach umarmt haben – war das wirklich sehr berührend und vorbildlich. Ein Held muss auch Vorbild sein.

Apropos Vorbilder: Wie wichtig sind in unserer Gesellschaft Leute, die sich uneigennützig engagieren?

Meier: Unsere Zivilgesellschaft lebt natürlich ganz stark von diesen Menschen. Oft sind es Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde, die sich einsetzen. Sich umeinander kümmern und füreinander interessieren finde ich etwas ganz Wichtiges. Daraus entstehen besondere Engagements und ebendiese sozialen Helden des Alltags. Solche laufen sehr viele herum, als Heldinnen und Helden unerkannt.

Die Gesellschaft bewegt sich hin zum Individualismus. Wird es diese freiwillige Hilfe in Zukunft noch geben?

Meier: In unserer Gesellschaft funktioniert die Solidargemeinschaft nach wie vor, der Mensch ist per se ein soziales Wesen. Individualismus ist aus meiner Sicht nichts Schlechtes. Eine starke Fokussierung auf Individualismus hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern es ist die Möglichkeit, aus den eigenen Fähigkeiten etwas zu machen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um den andern etwas geben zu können.

Sie haben vorhin die Familienmitglieder angesprochen. Die Familien werden immer kleiner. Ist das problematisch?

Meier: Am Beispiel meiner eigenen Mutter habe ich erlebt, dass es nicht zwingend eine verwandtschaftliche Beziehung braucht. Sie wohnt bereits sehr lange im selben Haus, wo die Bewohner sich füreinander interessieren. Vor allem auch das Wohn- und Arbeitsumfeld hat aus meiner Sicht grosses Potenzial, um soziale Strukturen zu schaffen. In unserer Wohnbaugenossenschaft ABL schauen wir zum Beispiel stark darauf, dass Orte vorhanden sind, wo man sich begegnen kann – etwa ein gemeinsamer Aussenplatz.

Sie sagen, der Mensch ist per se ein soziales Wesen. Wie meinen Sie das?

Meier: Bei meinem Philosophiestudium bin ich auf Ludwig Feuerbach gestossen. Dieser sagte, der Mensch sei an und für sich ein «göttliches» Wesen. Damit meinte er, wenn ein Mensch seine guten Eigenschaften erkennen kann, hat er ein riesiges Potenzial. Zudem hielt er fest: Jemand wird nur zum Ich, wenn er auch ein Du hat – so entsteht das Wir. Das finde ich sehr schön; es zeigt, was der Mensch ist. Allein ist er niemand, er braucht ein Gegenüber und eine Gemeinschaft.

Melden Sie uns Ihre Helden

Wir suchen Menschen in der Zentralschweiz, die durch ihre aussergewöhnliche, aufopfernde, freiwillige Tätigkeit auffallen. Dies sind etwa Personen, die durch ihr selbstloses, couragiertes Handeln anderen geholfen haben. Gesucht sind Menschen aus unserer Region, die nicht offizielle Vertreter von Behörden, Parteien oder Verbänden sind.

Schicken Sie uns eine kurze Beschreibung Ihrer heldenhaften Person mit Angabe von Name, Adresse, Alter, Telefonnummer sowie Ihren eigenen Koordinaten an:

LZ Medien
«Unbekannte Helden»
Maihofstrasse 76
6002 Luzern

helden@lzmedien.ch

Viermal pro Jahr werden zwei Quartalshelden gekürt. Aus dem Zweiervorschlag können Sie schliesslich Ihren Quartalshelden wählen. Aus den Quartalshelden wählt eine Jury Ende Jahr den Unbekannten Helden des Jahres 2013.

4-Gang-Menü als Danke

Wenn Ihr Vorschlag zur Kür eines Quartalshelden führt, erhalten Sie als Dankeschön ein 4-Gang-Saisonmenü für zwei Personen im Hotel Schweizerhof in Luzern. Die Serie wird zudem unterstützt durch Klug Krankenversicherung, B Swiss und das Regionalfernsehen Tele 1.