HERRENHÄUSER: Ein Zeuge längst vergangener Pracht der Oberschicht

Im Luzerner Quartier Obergrund steht der Steinhof. Es ist das einzige echte Schloss auf Luzerner Stadtboden.

Drucken
Teilen
Das Hauptportal des Schlosses Steinhof in Luzern. (Bild Andreas Z’Graggen)

Das Hauptportal des Schlosses Steinhof in Luzern. (Bild Andreas Z’Graggen)

Die Luzerner Aristokraten bauten sich im Laufe der Zeit rund um die Stadt ihre Landsitze, um dort jeweils die warme Jahreszeit zu verbringen. So auch im Süden Luzerns, im Obergrund, wo bis ins 19. Jahrhundert alles noch ziemlich ländlich war. Einige dieser Herrenhäuser stehen nach wie vor, etwa das Himmelrich oder der Grundhof, während andere, wie der Eichhof und das Guggi, verschwunden sind. Der bedeutendste dieser Landsitze ist zwar zivilisatorisch eingekesselt und hat damit viel von seiner einstigen, die Umgebung dominierenden Grandeur verloren, ist aber noch immer ein beeindruckender Zeuge längst vergangener Pracht der Luzerner Oberschicht: der Steinhof. Mächtig auf hügeliger Terrasse thronend, am Südostausläufer des Sonnenbergs gelegen, galt er zur Zeit seiner Erbauung vor rund 240 Jahren als Luzerns bedeutendstes zeitgenössisches Bauwerk und einziges echtes Schloss auf Stadtboden.

Vorgänger war das «Sandschloss»

Urkundlich erwähnt ist das Grundstück bereits 1405, und im 16. Jahrhundert liess die vornehme, inzwischen ausgestorbene Familie Fleckenstein dort ein Landhaus bauen, im Volksmund «Sandschloss» genannt. 1674 erwarb Heinrich von Sonnenberg die Liegenschaft. Einer seiner Nachkommen, Johann Thüring von Sonnenberg, baute dann den Steinhof, von 1759 bis 1777. Inspiriert von der mittelalterlichen Viereckburg sowie vom französischen Schlossbau, erhebt sich seither über fast quadratischem Grundriss das an seinen Ecken mit turmartigen Risaliten betonte, dreigeschossige Schloss. Fünf Fensterachsen, deren mittlere drei durch Flachgiebel, im Norden und Süden zusätzlich durch Risalite zusammengefasst werden, gliedern die Fassade. Im zweiten Geschoss befindet sich an jeder der vier Fassaden ein Balkon mit dem Wappenzeichen der Sonne. Abgeschlossen wird der Mittelbau von einem Mansarddach, während sich über die Türme Kuppeldächer wölben.

Durch das südliche Hauptportal gelangt man ins Erdgeschoss, wo sich mehrere erwähnenswerte Räume befinden, wie etwa das Winter- und das Sommer-Esszimmer, welches an den Wänden mit Stuckornamenten und stuckierten Kriegstrophäen geschmückt ist. Ein grau-weisses Marmorcheminée und ein schwarz-weisser Marmorboden in Schachbrettmuster verleihen dem Raum eine kühle Würde. Östlich daran angrenzend liegt der inzwischen leider auf die Hälfte reduzierte Festsaal. In die oberen, kunsthistorisch halt nicht mehr so attraktiven Räume gelangt man über eine zweiläufige Treppe mit vom Bauherrn selbst entworfenem Geländer im Stil von Louis XVI.

Barockbau für den Hund

Der hinter dem Schloss gelegene einstige Ökonomietrakt enthielt die Unterkünfte für Kutscher, Gärtner und Bauern, Mägde und Knechte, Pferdestall und Remise, Geräte- und Vorratsräume. Selbst der Hund logierte in einem liebevoll gestalteten Barockbau. Eingebettet war das prächtige Anwesen in einen grossartigen Garten, unterteilt von herrschaftlichen Alleen und eingefasst von einer teilweise noch existierenden Mauer.

Schlossherr Johann Thüring von Sonnenberg war als Militärunternehmer und Söldnerführer reich geworden, brachte es in Diensten Frankreichs bis zum Feldmarschall und war ein typischer Vertreter der Luzerner Aristokratie. Spätestens seit dem 16. Jahrhundert hatte diese ihre Macht zementiert und beherrschte das entscheidende politische Gremium, den Kleinrat. Man führte meist den Titel eines Junkers, liess sich von fremden Fürsten adeln oder mit Wappenbriefen ehren. Solche erhielten die von Sonnenberg vom ungarischen König Mathias Corvinus sowie vom Habsburger Kaiser Leopold I. Stammvater der von Sonnenberg war Jost, seit 1418 Bürger von Luzern, dessen Sohn Hans der erste von vier Schultheissen der Familie war. Seit 1506 besitzt die Familie in der Luzerner Franziskanerkirche gar ihren eigenen Altar.

Verkauf an die Krankenbrüder

Ende des 19. Jahrhunderts ging es zumindest mit dem Steinhof-Zweig der von Sonnenberg finanziell offenbar bergab. Jedenfalls musste 1924 das inzwischen arg heruntergekommene Schloss verkauft werden, wobei zuvor das gesamte wertvolle Inventar noch schnell versilbert worden war. Käufer des Schlosses war die schweizerische Provinz der Krankenbrüder von Maria-Hilf aus Trier, die im Steinhof seither ein Pflegeheim betreibt. Gründer der Organisation war der 1985 seliggesprochene Kaminfeger Peter Friedhofen aus Weitersburg beim rheinländischen Koblenz. Durch seine Arbeit erhielt er Einblick in die Not vieler Menschen, was in ihm offensichtlich den Wunsch erweckte, es dem barmherzigen Samariter gleichzutun und sein Leben der Krankenpflege zu widmen. 1850 begründete Friedhofen die Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf. Seit 1923 führen diese die Psychiatrische Klinik Franziskusheim in Oberwil bei Zug, ein Jahr danach kam der Steinhof dazu. 1993/94 wurde das Schloss umfassend restauriert und umgebaut.

Die von Sonnenberg gibt es immer noch, sogar als Schlossbesitzer: Heinrich baute sich 1684 unterhalb der einstigen Burg Kastelen im luzernischen Alberswil einen Landsitz. Sein Nachkomme Hubert von Sonnenberg liess diesen vor zwei Jahren komplett renovieren. Nun steht Schloss Kastelen frisch herausgeputzt da, fast so herrschaftlich wie der Steinhof.

HINWEIS:
Weitere Porträts auf