HERRENHÄUSER: Hier erholte sich General Suworow von den Franzosen

Die Renovation des Jauch’schen Hauses in Altdorf wurde mit Wodka begossen. Und noch heute besuchen Russen den Herrensitz.

Andreas Z'graggen
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Der Herrensitz liegt etwas ausserhalb des Altdorfer Zentrums: das Jauch'sche Haus, erbaut um 1550. (Bild: Andreas Z'Graggen)

Der Herrensitz liegt etwas ausserhalb des Altdorfer Zentrums: das Jauch'sche Haus, erbaut um 1550. (Bild: Andreas Z'Graggen)

Vor fünf Jahren war seine Renovation beendet, und seither strahlt das Jauch’sche Haus wieder in prächtigem Glanz. Es ist nicht nur der älteste, sondern auch der kunst- und kulturhistorisch wertvollste Herrensitz im Kanton Uri. Das um 1550 erbaute Haus, südöstlich und etwas ausserhalb von Altdorfs Zentrum gelegen, wie sich das gehört von einer Hofstatt umfasst, wendet dem Dorf seine hochragende Hauptfassade mit Zinnengiebel zu. Höchst bemerkenswert: Nicht bloss das Äussere des imposanten Kubus ist aus der Erstellungszeit, auch in seinem Innern erinnert noch viel ans 16. Jahrhundert. Es gibt kaum ein Gebäude in der Innerschweiz, das derart echt geblieben ist.

Mit Lotterbett und Turmofen

Prunkstück des Jauch’schen Hauses ist die Prunkstube, ein Täferzimmer mit umfangreichem Intarsien-Ensemble und skulptierten Schmuckelementen aus der Bauzeit, den Übergang von der Gotik in die Renaissance markierend. In der einen Ecke steht eine «Gutsche», ein Lotterbett, in der anderen ein wunderschöner Turmofen. Die «Gutsche» des Hauses Jauch ist die älteste derart gut erhaltene in der gesamten Schweiz. Dominiert wird der Raum freilich vom eingebauten Buffet, mit Lavabo, Anrichte, Schrankfächern und Schubladen. Mit seinen wunderschönen Intarsien ist es das künstlerisch bedeutendste Buffet der Innerschweiz. Oberhalb der Prunkstube, im 2. Stock, liegt der Salon mit seiner eleganten Régence-Stuckdecke. Besucher können beide Zimmer besichtigen.

Erbauer der Liegenschaft war Landammann Jakob Arnold von Spiringen. Wahrscheinlich war es sein Sohn Hieronymus Arnold-von Beroldingen, der den Herrensitz verkaufte, worauf er verschiedentlich die Hand wechselte - bis 1725, im Rahmen eines Haustausches, Landvogt Johann Sebastian Jauch das Haus erwarb und ihm seinen Namen gab.

Seither ist es im Besitz der Jauchs, einer der bedeutendsten Urner Familien, die unzählige Politiker stellte und ihr Geld vor allem als Militärunternehmer in fremden Kriegsdiensten verdiente. Hans Jauch führte 1531 die Vorhut der katholischen Orte beim Sieg in der Schlacht bei Kappel, wo Reformator Huldrych Zwingli den Tod fand. Hauskäufer Johann Sebastian Jauch war Landvogt zu Sargans, Urner Landammann, und besass Kompanien in spanischen Diensten, während sein Bruder Karl Franz als Brigadier für das Königreich beider Sizilien ein eigenes Regiment führte. Ein Jauch brachte es in Neapel zum Feldmarschall, ein anderer war Generalkapitän von Aragonien. Emanuel Jauch war 1802 Gesandter Uris bei Napoleon, als der Franzosenkaiser der Schweiz die Mediationsverfassung aufoktroyierte. Franz Jauch diente dem Land als Bundesrichter, und Giovanni Jauch, Oberst im Sonderbundskrieg, vertrat später den Kanton Tessin im Nationalrat.

1799 kam der Generalissimus

Der bedeutendste Bewohner des Jauch’schen Hauses war ebenfalls ein Militärunternehmer, allerdings aus Russland, und blieb an der Altdorfer Hellgasse bloss für eine Nacht: Generalissimus Alexander Wassiljewitsch Suworow. Der in unzähligen Kriegen und Konflikten des 18. Jahrhunderts erprobte Offizier der Armee des Zaren stieg dort, wohl ziemlich ermüdet, am 26. September 1799 ins Bett. Und das kam so: Nach Siegen der österreichischen und russischen Streitkräfte gegen die Franzosen in Oberitalien versuchte Suworow mit seiner rund 20 000 Mann zählenden Armee durch einen Vorstoss über den Gotthardpass den in der Schweiz stehenden Truppen des französischen Generals Massena in den Rücken zu fallen. Nach der Übernachtung im Jauch’schen Haus wollte Suworow entlang dem Vierwaldstättersee nach Schwyz marschieren, was aus topografischen Gründen damals indes nicht möglich war. Deshalb zog er über den Kienzigpass ins Muotatal, und von dort, von den Franzosen bedrängt, wich er über die Pässe Pragel und Panixer ins Bündnerland aus - eine gewaltige Parforce-Leistung mit unzähligen Opfern an Menschen und Tieren.

«Es chemid immer wiedär Russä und wend das Hüs alüegä», sagt Hedy Ruoss, zusammen mit ihrer Tochter die letzten Jauch-Nachkommen, die noch im inzwischen vor allem als Suworow-Haus bekannten Herrensitz wohnen. Sie war stark engagiert, als es darum ging, für die Instandstellung des jetzt der Stiftung ihres verstorbenen Onkels Karl Jauch gehörenden Liegenschaft das nötige Geld zu sammeln.

Christoph Blocher: Halbe Million

5,4 Millionen Franken brachte die vom damaligen Ständerat Hansheiri Inderkum präsidierte Stiftung zusammen - die letzten, wichtigen 500 000 Franken spendete Christoph Blocher. Wodka sorgte für gute Stimmung bei der Feier zur gelungenen Renovation, wie Uris Denkmalpfleger Eduard Müller lachend erzählt. Mitgebracht hatte den Schnaps eine russische Delegation, zur Erinnerung an Feldmarschall Alexander Wassiljewitsch Suworow.

HINWEIS:
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