HERRENHÄUSER: Schlössli Götzental – ein unveräusserliches Bijou

Das Schlössli Götzental in Dierikon sieht zwar aus wie ein Bauernhaus, ist es aber mitnichten. Im Gegenteil.

Andreas Z’graggen
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Das Schlössli Götzental in Dierikon. (Bild: Andreas Z'Graggen)

Das Schlössli Götzental in Dierikon. (Bild: Andreas Z'Graggen)

Unzählige Autofahrer brausen jeden Tag daran vorbei. Einige werden vielleicht denken, welch schönes Bauernhaus. Die meisten jedoch, würde man sie fragen, sehen wohl nicht mal das, und schon gar nicht, dass es sich bei diesem Gebäude mitnichten um ein Bauernhaus, sondern um einen veritablen Luzerner Landsitz handelt. Er heisst Schlössli Götzental, benannt nach dem Tal, das, eingebettet zwischen Rooter Berg und Dottenberg, Dierikon mit Adligenswil verbindet, und steht dort seit beinahe 500 Jahren.

Um 1400 erstmals erwähnt

«Götzental» hat nichts mit Götzen zu tun, sondern geht auf einen altdeutschen Personennamen zurück. Erwähnt wird der Hof «Goessental» erstmals um 1400, und erbaut hat den Herrensitz ein Herr: Jost Pfyffer von Wyher, zwischen 1582 und 1591. Vielleicht war das Haus als Jagdschloss gedacht, arrondiert mit diversen landwirtschaftlichen Liegenschaften. Geblieben sind davon ein 14 Hektar umfassender Bauernhof mit im 19. Jahrhundert angebautem Pächterhaus, wo, oh tempora mutantur, heute – und darauf weist ein Plakat vor der Einfahrt hin – Glace angeboten wird.

Äusserlich wie im Innern ist der Landsitz weitgehend erhalten geblieben. Das Hauptgebäude mit seinem fast quadratischen Grundriss wird, anders als bei den Bauernhäusern aus jener Zeit, von einem steilen Teilwalmdach gedeckt und verfügt über einen breiten, zur Laube führenden Quergang. Aussergewöhnlich: Im Nordosten des Hauses ist eine grosse, hölzerne Abortlaube angefügt, auf vier Eichenpfeilern ruhend, oxidrot angemalt.

Prächtige Stuben

Im Sockelgeschoss befindet sich die Sala terrena, eine die gesamte Hausbreite einnehmende Halle, jetzt zu einer Einliegerwohnung umfunktioniert. In den prächtigen Stuben des ersten und zweiten Obergeschosses hat vieles die Jahrhunderte überlebt, wie Decken und Böden, Buffet, Sitzbank, Täfer und Türeinfassungen. Scheints völlig unverändert ist jenes Zimmer, wo jeweils der Kaplan nächtigte, wenn er in der zum Landsitz gehörenden Kapelle Unserer Lieben Frau die Messe las oder sonst wie zu Gast war. Kapelle und Mauer, welche die Hofstatt umfasst und deren hinterem Teil entlang bis ins 19. Jahrhundert die Strasse verlief, unterstreichen die Distinguiertheit des ehemals aristokratischen Landsitzes, dessen vornehme Ausstattung die bäuerliche Aussenansicht bloss erahnen lässt.

Pfyffer-Linie ausgestorben

Erbauer Jost Pfyffer, Schulthess der Stadt Luzern, war der Anherr der inzwischen ausgestorbenen Pfyffer-Linie derer von Wyher und Bruder von Ludwig Pfyffer, der wegen seiner politischen Bedeutung und seines Reichtums Schweizerkönig genannt wurde. Das Schlössli Götzental, eine Rarität, blieb bis zum heutigen Tag in der Familie. Die Tochter jenes Jost Pfyffer, Anna Maria, heiratete in zweiter Ehe Rudolf Dürler, ebenfalls Schultheiss von Stadt und Republik Luzern. Die Urenkelin, Maria Elisabeth Dürler, vermählte sich mit einem Herren Rüttimann. Deren Sohn war Vinzenz Rüttimann, auch er Schultheiss von Luzern und überdies erster Landammann der Schweiz.

Im Besitz der Familie Schwytzer

Und damit sind wir bei der heutigen Besitzerschaft angelangt, der Familie Schwytzer. Denn das Grosskind dieses Vinzenz Rüttimann heiratete 1869 Franz Albert Schwytzer von Buonas. Wie die Meyer von Schauensee oder die Mayr von Baldegg, die Schnyder von Wartensee, die Pfyffer von Altishofen oder die Segesser von Brunegg nannten sich die Luzerner Aristokraten, um ihre Vornehmheit gegenüber den Gewöhnlichsterblichen zu betonen, oft nach ihrem Herrensitz. Durch die Heirat von Johann Martin Schwytzer mit Anna Maria von Hertenstein anno 1654 gelangte die Familie in den Besitz der Herrschaft Buonas am Zugersee samt Burg und hiess daher fürderhin «von Buonas».

Familie stellte Schultheissen

Nach der gewonnenen Schlacht von Sempach trat die Luzerner Führungsschicht die Rechtsnachfolge der Grafen von Habsburg an und errichtete im Laufe der Zeit eine zunehmend aristokratische Verfassung. Neben den ähnlich regierten Orten Bern, Freiburg und Solothurn besass Luzern die konzentrierteste Aristokratie, die sich nur auf etwa 30 an der Regierung beteiligte Familien beschränkte. Die Schwytzer von Buonas gehörten dazu. Sie stellten verschiedentlich den Schultheiss und taten für fremde Fürsten Dienst, was bis zum Untergang der alten Eidgenossenschaft 1798 gutes Geld einbrachte. Ihrer Familie gehört nach wie vor das Herrenhaus Dorenbach am Luzerner Dietschiberg sowie am Kapellplatz in Luzern ein Stadtsitz.

Ausstellung im Oktober

1919 wurde das Fideikommiss der Familie Schwytzer von Buonas vom Hof Herdschwand in Emmen auf das Götzental übertragen, und seither ist das Schlössli unveräusserliches und unteilbares Familiengut, mit dem ältesten Sohn als Fideikommissär, zurzeit Emanuel Schwytzer. Seine Mutter, Helen Schwytzer von Buonas, ist Künstlerin. Am Wochenende vom 19./20. Oktober zeigt sie im Götzental ihre Werke – eine gute Gelegenheit, auch das Herrenhaus zu besichtigen.

HINWEIS:
Weitere herrschaftliche Landsitze aus der Zentralschweiz auf www.luzernerzeitung.ch/serien