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Interview

91-jähriger Wanderfreund: «Herumhocken? Dann geht es bald bergab mit einem»

Peter Enz ist als Bauernbub in Giswil aufgewachsen, lebt seit 45 Jahren in Kriens und hat im Alter von 72 das Wandern entdeckt. Vor neun Tagen ist Enz 91 Jahre alt geworden. Und er wandert und wandert weiter.
Interview: Turi Bucher
Wackerer Wandersmann: Peter Enz auf seinem Balkon - mit vorzüglichem Blick auf den Pilatus. (Bild: Pius Amrein, Kriens, 15. Januar 2019)

Wackerer Wandersmann: Peter Enz auf seinem Balkon - mit vorzüglichem Blick auf den Pilatus. (Bild: Pius Amrein, Kriens, 15. Januar 2019)

Peter Enz, was bedeutet Ihnen das Wandern? Was geht in Ihnen vor, wenn Sie wandern?

Auf einer Wanderung sticht mir alles klar in die Augen. Auf einer Wanderung wird einem die Natur, die Umwelt, ja die Welt viel, viel deutlicher vor Augen geführt. Eine Wanderung heisst für mich: Erholung, vor allem, wenn ich alleine wandere. Die Gruppenwanderungen geniesse ich natürlich auch.

Wie sind Sie Wanderer geworden?

Nun, es ist so: Ich habe mit meiner Frau Hedi 32 Jahre lang ein Reinigungsgeschäft für Vorhänge betrieben. Da blieb nicht viel Freizeit. Ausserdem bin ich ja schon in den Bergen aufgewachsen, da war ich in jungen Jahren halt nicht so am Wandern interessiert. Es ist nun 18 Jahre her, da haben mich Kollegen zu einer Wanderung überredet. Völlig untrainiert ging’s für mich morgens um sechs Uhr auf den Huetstock, der auf 2776 Metern zwischen dem Melchtal und dem Engelbergertal liegt. Als wir die erste Pause einlegten, sagte unser Wanderführer Fredy, wenn wir so weiter laufen würden, seien wir um 11.30 Uhr oben. Das haben wir dann auch geschafft …

«Das Geheimnis des Vorwärtskommens besteht darin, den ersten Schritt zu tun.» (Mark Twain)

… kurze rechnerische Kontrolle: Wie alt waren Sie da?

72 Jahre alt. Das war meine erste Wanderung. Oben auf dem Huetstock angekommen, war ich total «auf den Felgen». Ich habe mich vor dem Abstieg aber gut erholen können. Doch jetzt kommt’s: Beim Abstieg braute sich ein Gewitter zusammen. Und als der Regen plötzlich nur so runterprasselte, rannten meine Kollegen in die Richtung eines Unterstandes, der in der Nähe war: ich natürlich hinterher, aber da versagten plötzlich meine Knie. Es war zu viel, ich sackte zusammen wie eine Marionette. Ja ... soviel zu meiner allerersten Wanderung.

Was haben Sie in Ihrem Leben gemacht, bevor Sie den Huetstock bestiegen haben?

Ich bin Obwaldner, bin als Bub auf einem Bauernhof in Giswil aufgewachsen und besuchte die Landwirtschaftliche Schule in Pfäffikon. Mit 18 Jahren habe ich dann auf einem Bauernhof im aargauischen Vordemwald gearbeitet. Dort lernte ich meine spätere Ehefrau kennen. Mit 23 arbeitete ich für die Rentenanstalt im Aussendienst. Mit 25 habe ich meine Hedi geheiratet. Dann kam das Reinigungsgeschäft. Hedi ist zehn Jahre nach meiner Pensionierung gestorben. Seit 16 Jahren lebe ich allein. Und ich habe zwei Töchter, fünf Enkel und fünf Urenkel.

Sie sind auch noch Mitglied beim Stadtturnverein Luzern.

Ja, von 1949 bis 1953 war ich Langstreckenläufer. Ich habe rund achtzig Wettkämpfe bestritten, wurde 25-mal Erster und 25-mal Zweiter. Ich bin schuld, dass es nachmittags keine 10 000-m-Bahnläufe mehr gibt. Denn 1951 erlitt ich nachmittags um 15 Uhr in Bellinzona einen Hitzeschlag. Und dann habe ich 1953 so aufgeführt: Ich habe bei einem Rennen geführt und plötzlich Angst vor einem erneuten Hitzeschlag bekommen. Also habe ich das Rennen abgebrochen. Meine Hedi war dankbar, dass ich aufgehört habe.

«Wandern ist eine Tätigkeit der Beine und ein Zustand der Seele.» (Josef Hofmiller)

Zurück zum Wandern. Wie viele Wanderungen unternehmen Sie pro Jahr?

Ich habe es in einem Jahr bis zu 86 Wanderungen geschafft. 2018 waren es 82 Wanderungen. Teils in Gruppen, viele aber auch ganz alleine. Ich bewandere nebst der Zentralschweiz das Tessin, das Bündnerland, das Wallis, den Jura. Letztes Jahr habe ich übrigens in sieben Etappen auch den Vierwaldstättersee umrundet.

Ihre schönste Wanderung?

Ach, es gibt so viele. Wenn Sie wollen: Vom Brünig auf den 1000 m höher gelegenen Giebel und dann via Planplatten zur Tannalp, zum Jochpass und zum Trübsee. Oder via Pilatus nach Langis, Lungern-Schönbühl und auf den Brünig. Einmal pro Jahr wandere ich auf das Stanserhorn und natürlich sowieso auf den Pilatus. Es gibt ja verschiedene, schöne Routen auf den Pilatus.

Haben Sie sich beim Wandern nie ernsthaften Verletzungen zugezogen?

Ich blieb verschont. Sehr viele Wanderungen unternehme ich ja allein, und wenn man allein unterwegs ist, passt man auch viel besser auf. Vor drei Jahren war ich auf dem Schwarzenberg in Richtung Mittaggüpfi unterwegs, da hab’ ich tatsächlich den «Weg verloren», war ein wenig eingekesselt. Rauf konnte ich nicht weiter, runter auch nicht, weil es zu gefroren war. Da dachte ich wirklich: Jetzt muss ich telefonieren, um Hilfe rufen. Aber dann habe ich noch einen «Ecken» entdeckt, wo ich mich an einer jungen Tanne festhalten konnte, und zehn Meter daneben habe ich den richtigen Weg wieder gefunden.

Sie sind am 19. Januar 91 Jahre alt geworden. Wie sieht es mit gesundheitliche Beschwerden aus?

Ich habe seit 20 Jahren einen zwei Zentimeter grossen Tumor im Rücken. Es ist ein gutartiger Tumor, den man nicht operieren kann. Aber er drückt manchmal auf den Nerv, dann legt er mich für eine kurze Zeit «ausser Gefecht». Ja, ich bin 91, fahre immer noch Auto, bin «zwäg», nehme kein einziges Medikament.

«Der Berg ruft.» (Luis Trenker)

Welchen Tipp geben Sie mir also, damit ich 90 werde und so fit bin wie Sie?

Man muss immer dranbleiben, in Bewegung bleiben. Herumhocken? Dann geht es bald bergab mit einem. Morgens hole ich mir die Zeitung vom Briefkasten und laufe vom 6. Stock runter und dann wieder hoch. Früher bin ich zuerst raus und rüber zum Sonnenberg. Dort hat es ganz viele Treppen. Die längste hat 480 Stufen. Morgens um 9 war ich wieder daheim, glücklich.

Gesundheit wünschen Ihnen ja sowieso alle – Ihr grösster Wunsch für das Jahr 2019?

Mein Wunsch ist … gesund zu bleiben. Wenn man gesund ist, kommt alles andere von allein.

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