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HILFE: «Die Menschen spüren, dass sie nicht alleine sind»

Urs W. Studer, ehemaliger Stapi von Luzern, präsidiert den Beirat der LZ-Weihnachtsaktion. Dieser prüft alle eingegangenen Hilfsgesuche. Studer berichtet, welche Ereignisse Menschen heute am häufigsten in Notsituationen führen. Und sagt, warum auch kleine Beiträge Grosses bewirken können.
Der ehrenamtliche Beirat von links stehend: Anna Christen (Amt Willisau), Werner Riedweg (Stadt Luzern), Margrit Thalmann (Amt Entlebuch), Ruth Garcia (Nidwalden), Ueli Kaltenrieder (Verlag Neue LZ), Renate Falk (Zug), Esther Ettlin (Obwalden), Marianne Moser (Amt Hochdorf), Elisabeth Portmann (Geschäftsleiterin LZ-Weihnachts­aktion), Urs W. Studer (Präsident Beirat), Markus Tresch (Uri). Kniend von links: Hans Bucher (Amt Sursee), Hans Lustenberger (Luzern-Land), Eugen Müller (Schwyz). (Bild Dominik Wunderli)

Der ehrenamtliche Beirat von links stehend: Anna Christen (Amt Willisau), Werner Riedweg (Stadt Luzern), Margrit Thalmann (Amt Entlebuch), Ruth Garcia (Nidwalden), Ueli Kaltenrieder (Verlag Neue LZ), Renate Falk (Zug), Esther Ettlin (Obwalden), Marianne Moser (Amt Hochdorf), Elisabeth Portmann (Geschäftsleiterin LZ-Weihnachts­aktion), Urs W. Studer (Präsident Beirat), Markus Tresch (Uri). Kniend von links: Hans Bucher (Amt Sursee), Hans Lustenberger (Luzern-Land), Eugen Müller (Schwyz). (Bild Dominik Wunderli)

Urs W. Studer, Sie haben gerade wieder eine Reihe von Gesuchen geprüft und inzwischen schon unzählige von Ihnen gelesen. Bleiben Sie da jeweils ganz distanziert oder gibt es auch emotionale Reaktionen?

Urs W. Studer: Die gibt es immer wieder. Die allermeisten Gesuche, welche ja von Gemeindebehörden oder sozialen Institutionen gestellt werden, sind zwar recht nüchtern formuliert. Trotzdem scheint immer wieder auf, welche menschlichen Schicksale dahinterstecken. Das sind zum Teil furchtbare Ereignisse und auch sehr komplexe Probleme. Ich und auch die anderen Beirätinnen und Beiräte haben die Erfahrungen gemacht, dass man bei der Prüfung der Gesuche immer wieder mal eine Pause machen muss. Weil diese Tätigkeit schon sehr anspruchsvoll ist. Fachlich, aber auch emotional.

Die Beiträge, die Sie an die betroffene Einzelpersonen und Familien ausrichten, können sicher helfen, aber oft ja nicht die ganzen Schwierigkeiten dieser Menschen lösen.

Studer: Das ist richtig. Aber auch ein kleinerer Beitrag kann eine enorme Wirkung haben. Zum einen gibt es akute Notsituationen, die überbrückt werden können. Oder wenn etwa eine Familie in Not Geld bekommt, um für die Kinder Kleider zu kaufen, löst das natürlich nicht alle ihre Probleme. Aber es hilft im Moment sehr stark und hat zudem auch eine psychologische Wirkung: Die Menschen spüren, dass sie nicht alleine sind. Sie fassen neuen Mut, glauben wieder an die Zukunft und entwickeln daraus auch Tatkraft, diese positiv zu gestalten.

Gibt es in den eingegangenen Gesuchen bestimmte Themen, die immer wieder auftauchen?

Studer: Aus meiner Sicht gibt es vor allem zwei Ursachen, die besonders häufig akute Not und Armut auslösen: Zum einen eine schwere Krankheit oder ein Unfall, was das Leben des Betroffenen, aber auch seiner Familie, völlig verändert. Und man muss sehen, dass so etwas jeden treffen könnte. Zum anderen sind es Trennungen von Paaren mit Kindern, welche meist für beide Seiten nicht nur emotional, sondern auch finanziell sehr belastend sind. Besonders schlimm ist es dann, wenn ein Elternteil sich einfach verabschiedet und den anderen mit den Kindern hängen lässt. Ich habe es schon damals als Richter erlebt: Wenn sich zum Beispiel jemand ins Ausland absetzt, ist es völlig aussichtslos, ihn noch irgendwie belangen zu wollen. Und zurück bleibt dann eine alleinerziehende Person mit ihren Kindern.

Die LZ-Weihnachtsaktion zahlt ja auch Beiträge für eine Unterstützung, die die Sozialbehörde der Gemeinde nicht leisten kann. Warum gibt es in einem Sozialstaat überhaupt solche Lücken?

Studer: Auch in einem gut ausgebauten Sozialwesen wie dem unseren braucht es klare Spielregeln, was der Staat übernehmen kann und was nicht. Er soll die Lebensgrundlage sichern auf der Basis eines definierten Existenzminimums. Das muss so sein, weil das Sozialwesen sonst völlig ausufern würde. Diese Praxis aber führt immer wieder zu Härtefällen. Und da kann die Weihnachtsaktion sehr viel Gutes bewirken.

Können Sie ein Beispiel sagen?

Studer: Nehmen wir eine Familie, welche sich aufgrund einer Notlage auch den Musikunterricht oder den Sportklubbeitrag für ihre Kinder nicht mehr leisten kann. So etwas kann eine Gemeindebehörde normalerweise nicht übernehmen. Die Weihnachtsaktion aber kann einen Beitrag leisten und mit vergleichsweise wenig Geld diesen jungen Menschen etwas sehr Wertvolles ermöglichen. Oder wenn sich etwa eine betagte Person, die finanziell extrem knapp gestellt ist, dank Spenden eine neue Brille beschaffen kann, bedeutet das für ihre Lebensqualität enorm viel.

Hier kann man also relativ einfach etwas Gutes tun. Aber dann gibt es ja auch komplexere Fälle.

Studer: Not hat viele Gesichter, und diese sind ja immer auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Aus Sicht eines Jugendlichen zum Beispiel kann Not oder Ungerechtigkeit schon bedeuten, dass seine Kollegen Dinge besitzen, die sich seine Familie einfach nicht leisten kann. Aber es gibt schon auch viele sehr harte Schicksale. Mit Situationen, die eigentlich fast nicht zu bewältigen sind. Und da frage ich mich oft: Wie schaffen diese Leute das überhaupt? Hier gibt es ein stilles Heldentum von Menschen, die unermüdlich kämpfen. Die LZ-Weihnachtsaktion mit ihren Spenderinnen und Spendern kann ihnen zusätzliche Hoffnung und Kraft geben.

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