HOCHSCHULE: Den Buben fehlen Identifikationspersonen

In der Kindererziehung sind Männer massiv in der Unterzahl. Zwei Absolventen der Hochschule Luzern finden: Das sollte sich ändern.

Roger Rüegger
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Die HSLU-Absolventen Benjamin Jenny (links) und Mario Bärtsch bei der Gemeindeverwaltung in Emmenbrücke. (Bild Pius Amrein)

Die HSLU-Absolventen Benjamin Jenny (links) und Mario Bärtsch bei der Gemeindeverwaltung in Emmenbrücke. (Bild Pius Amrein)

In der Familie, in Tagesstätten, im Kindergarten und in der Primarschule werden Kinder hauptsächlich von weiblichen Bezugspersonen betreut. Das zeigen Daten, die Mario Bärtsch (32) aus Sempach und Benjamin Jenny (27) aus St. Urban in ihrer Bachelorarbeit ausgewertet haben. Der Spruch «do bruuchts en Maa» hat die beiden Absolventen der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit HSLU zum Thema ihrer Abschlussarbeit geführt. Sie gingen der Frage nach, welche Bedeutung Männer der Sozialen Arbeit in der Schule für die Entwicklung der Geschlechteridentität von Kindern haben.

Im Alltag werden Jenny und Bärtsch oft mit dem traditionellen Familienbild, wo der Vater arbeitet und die Mutter sich um die Kinder kümmert, konfrontiert. «Am deutlichsten zeigt es sich bei getrennt lebenden Eltern. 86 Prozent der Kinder wachsen bei der Mutter auf. Nur sechs Prozent der Eltern teilen sich die Kinderbetreuung zu gleichen Teilen», sagt Bärtsch. Dieses Szenario setze sich in der Bildungslandschaft fort. Im Kindergarten sei der Frauenanteil über 95 Prozent, gefolgt von der Primarschule mit über 80 Prozent.

Braucht es eine Männerquote?

Ähnlich ist es in anderen Ländern. In Deutschland wurden Ideen entwickelt, um mehr Männer für die Arbeit in Kindertagesstätten zu gewinnen. Dafür wurden in den letzten Jahren 13 Millionen Euro aufgewendet. Die EU strebt in diesem Bereich eine Männerquote von 20 Prozent an. Fachpersonen fordern auch bei uns mehr Männer für die Kinder. Für Bärtsch und Jenny ist dies berechtigt. «Kinder sollen in der öffentlichen Erziehung die Chance haben, auch mit männlichen Bezugspersonen Kontakt zu haben», sagt Bärtsch. Eine Quote hingegen lehnt er ab.

Weshalb mehr männliche Bezugspersonen sinnvoll wären, ist jedoch kaum wissenschaftlich begründet. So haben sich Bärtsch und Jenny mit der Frage befasst, was dahintersteckt. Sie wälzten Berge von Fachliteratur und stellten fest, dass vor allem Buben das Bedürfnis nach männlichen Ansprechpersonen haben. Dieses Bedürfnis entstehe unter anderem deswegen, weil männliche Bezugspersonen rar sind und den Buben als Identifikationspersonen fehlen.

Konstruierte Geschlechterrollen

Die beiden gingen davon aus, dass die Geschlechterdifferenz durch die Wertehaltung der Gesellschaft konstruiert ist. «Familie, Spielzeuge und Medien haben Einfluss auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität. Man lässt Buben mit Modellautos oder Cowboyfiguren spielen, während Mädchen Puppen, die sie frisieren können, als Geschenke erhalten. Mädchen und Jungen werden unterschiedlich behandelt, machen andere Erfahrungen, dürfen andere Erwartungen stellen und müssen andere erfüllen. Es werden Botschaften transportiert, wie ein Mann zu sein hat: wohlhabend, erfolgreich und begehrt», sagt Bärtsch.

Auf Pausenplatz harte Kerle

Diese Geschlechterstereotype sollten in der Schule nicht verstärkt, sondern sichtbar gemacht werden. Im Praktikum machte er die Erfahrung, dass Buben auf dem Pausenplatz die harten Kerle sein wollen. «In einer kleineren Gruppe geben sie eher zu, dass sie verletzlich sein können und es wehtut, wenn man sie als Verlierer bezeichnet.» Diese vermeintliche Schwäche sei für Buben einfacher einzugestehen, wenn ein männliches Gegenüber zuhöre. Er zitiert einen Satz, der jedem Buben anstehen würde: «Ein Indianer kennt seinen Schmerz und spricht darüber.»

Bärtsch, der gelernte Kaufmann, und Jenny, der eine Lehre als Hochbauzeichner absolvierte, haben sich im Studium kennen gelernt. Beide fanden nach ihrem Lehrabschluss den Weg in die Sozialarbeit. Bärtsch in Ecuador, wo er als Englischlehrer Kinder aus ärmsten Verhältnissen unterrichtete, und Jenny im Zivildienst. «Ich arbeitete in einem Heim mit schwererziehbaren Jungs und später mit schwerbehinderten Menschen.» An einer Infoveranstaltung der HSLU entdeckten die beiden, dass Sozialarbeit ihr Gebiet ist. Jenny arbeitet auf dem Sozialamt in Emmen und Bärtsch als Schulsozialarbeiter in Ermensee und Inwil.