HOCHWASSER: Als das Wasser kam und siegte

Man wusste immer, dass es auch mal richtig heftig werden könnte. Und trotzdem kam das Wasser im August 2005 mit einer Wucht, welche selbst die Betagtesten noch nicht erlebt hatten. Weite Teile der Zentralschweiz wurden überflutet. Eine Chronik der dramatischen Ereignisse.

Arno Renggli
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22. August 2005: Die Hauptstrasse in Werthenstein wird von der Kleinen Emme weggerissen. (Bild Daniel Tischler)

22. August 2005: Die Hauptstrasse in Werthenstein wird von der Kleinen Emme weggerissen. (Bild Daniel Tischler)

Es war, nicht untypisch für hiesige Sommer, recht wechselhaft, das Wetter im August 2005. Schon Mitte Monat gab es einige heftige Gewitter, dann zwei sonnige Tage. Am Donnerstag, 18. August, und Freitag, 19. August, regnet es wieder kräftig. So weit, so normal.

Das «Genua-Tief»

Am Samstag, 20. August, bildet sich über dem Golf von Genua ein «Bodentief», das sich in den folgenden Tagen langsam ostwärts über Norditalien, die Adria und den Balkan bewegt. Dabei wird über Tage feuchte Meeresluft im Gegenuhrzeigersinn um die Alpen herum getragen. Dies führt zu grossflächigen Landregen in den Voralpen und im Mittelland.

Nun ist ein solches «Genua-Tief» keine Seltenheit. Aber das Tempo der Luftmassenverschiebungen ist aussergewöhnlich und überrascht sogar die Experten. Auch die Wettermodelle der Computer erkennen die Gefahr praktisch erst, als das verheerende Wasser bereits niedergeht. Erst am Morgen des 22. August beschreiben Unwetterwarnungen das volle Ausmass der Niederschläge. Da gibt es bereits massive Schäden.

Im Nachhinein wird klar, dass auch der Wetterverlauf des gesamten Augusts die Schäden mitverursacht hat. Wegen der bereits vorher starken Regenfälle sind Aufnahmefähigkeit und Stabilität der Böden schon stark eingeschränkt. Hinzu kommt die extrem hohe Schneefallgrenze von meist über 2500 Metern in diesem Sommer. Dies führt dazu, dass nur der geringste Teil der Niederschläge in Form von Schnee gebunden wird.

Die Vorboten

Zu den ersten Brennpunkten gehört die­ Stadt Luzern, wo es bereits am 21. August zu ersten Evakuationen kommt. In verschiedenen Quartieren ist das Wasser knietief. Auch aus vielen anderen Orten wie Willisau, Wolhusen oder Root gehen Notrufe ein, Häuser stehen nicht nur unter Wasser, sondern werden von Hangrutschen bedroht. Vielerorts werden Strassen zerstört, Zuglinien unterbrochen. Auch im Kanton Zug erhält die Polizei Dutzende von Meldungen. Besonders stark betroffen ist zunächst Rotkreuz. In Alpnachstad kommt es zu einem massiven Erdrutsch, Sorgen bereitet auch der Pegel des Sarnersees.

Doch noch sind diese Ereignisse erst Vorboten. Richtig los geht es in der Nacht vom 21. auf den 22. August mit sintflutartigen Regenfällen, am 22. August wird das Ausmass der Katastrophe sichtbar.

Das Wasser bringt den Tod

Doch bei all den dramatischen Schauplätzen und spektakulären Bildern, etwa die von einer Flutwelle fortgespülte Strasse in Werthenstein, der meterhoch überschwemmte Seetalplatz oder das komplett im Wasser stehende Dorf Ennetbürgen: An dem Tag überwiegt die Betroffenheit über den Tod von zwei Feuerwehrleuten in Entlebuch. Sie haben ihr Leben in einem Hangrutsch verloren, als sie bei einem Bauernhof helfen wollten. Ein Schock nicht nur für die Familien – beide Feuerwehrleute haben Kinder –, sondern auch für die an den Einsätzen beteiligten Rettungskräfte, die in diesen Tagen Gigantisches leisten.

Es sollten die einzigen Todesopfer des Unwetters in der Zentralschweiz bleiben (vier weitere gibt es am nächsten Tag in Bern, Zürich und Graubünden). Viele andere haben insofern Glück, als sie «nur» ihr Hab und Gut verlieren. Zum Beispiel die Bewohner eines Bauernhauses in Flühli, als der angebaute Stall samt Tieren in die Tiefe gerissen wird.

Kliniken und Patienten betroffen

Zu den vielen überschwemmten Orten gehört etwa Littau (heute zu Luzern gehörend), wo 450 Personen evakuiert werden müssen. 1500 sind es im ganzen Kanton Luzern. Hunderte weitere in den übrigen Zentralschweizer Kantonen, darunter in Engelberg, in Flüelen und Isenthal, im Schwyzer Talkessel oder im Ägerital, dort auch Patienten der Klinik Adelheid, in deren Nähe ein Hang abrutscht. Besonders stark betroffen ist auch Obwalden: Ausser Lungern stehen alle Gemeinden unter Wasser, auch Sarnen, wo der Strom ausgefallen ist. Der Sarnersee hat die Rekordmarke weit überstiegen. Auch in Nidwalden sind viele Orte betroffen, ganz besonders Wolfenschiessen, aber auch Stansstad und Stans. Im dortigen Kantonsspital fällt der Strom aus, Patienten müssen verlegt werden. Im Kanton Uri steht neben Flüelen auch das Industriegebiet Schattdorf/Altdorf unter Wasser.

Viele Bahnstrecken und Strassen sind unterbrochen, darunter die Kantonsstrasse im Ägerital, die Strasse ins Melchtal oder die Axenstrasse. Ganze Dörfer sind abgeschnitten.

Dann tritt nochmals die Stadt Luzern in den Brennpunkt. Am 22. August, kurz vor Mitternacht, erreichen See und Reuss die kritische Hochwassergrenze. Wieder gehts überraschend schnell.

Die Hauptstrasse zwischen Wolhusen und Luzern ist in Werthenstein weggespült. (Bild: Archiv Neue LZ)
59 Bilder
Ennetbürgen NW: Weite Teile des Dorfes wurden überschwemmt. (Bild: Archiv Neue LZ)
Schwemmholz im Gebiet Meierhöfli in Emmen. (Bild: Archiv Neue LZ)
Littauerboden: Im Gewerbegebiet ist das Wasser versickert – der Schlamm ist geblieben. (Bild: Archiv Neue LZ)
Industriezone Altdorf aus der Luft. (Bild: Archiv Neue LZ)
Nördlich des Eugenisees in Engelberg hat das Aawasser den Fels weggespült und die Kantonsstrasse und die Gleise der Zentralbahn abstürzen lassen. (Bild: Archiv Neue LZ)
Der Seetalplatz in Emmen LU und dessen Zufahrten waren zum Teil meterhoch überschwemmt. (Bild: Archiv Neue LZ)
Bei diesem Erdrutsch in Schwendi oberhalb von Entlebuch starben zwei Feuerwehrmänner. (Bild: Archiv Neue LZ)
In Bristen zeigt sich ein gravierendes Schadensbild. Ganze Häuser fielen dem Unwetter zum Opfer. (Bild: Archiv Neue LZ)
Die Strasse ins Bisistal wurde im Bereich Herrgottstutz von der Muota weggerissen. Das Tal ist von der Umwelt abgeschnitten. (Bild: Archiv Neue LZ)
Zerstörerische Fluten in Amsteg (Bild: Archiv Neue LZ)
Der geborstene Melchaa-Damm in Sarnen. Zu sehen ist auch das unterspülte Trassee der Zentralbahn. (Bild: Archiv Neue LZ)
Die Strasse wird freigeräumt. Doch dies ist gar nicht so einfach. Die Bagger versinken zuweilen im Schuttberg, hier bei St. Niklausen. (Bild: Archiv Neue LZ)
Hosen hoch - die Fluten bringen in der Stadt Luzern auch Freude. (Bild: Archiv Neue LZ)
Viele Luzernerinnen und Luzerner gingen gelassen mit der Situation um (Bild: Archiv Neue LZ)
Alles überschwemmt, hier bei der Kapellbrücke. (Bild: Archiv Neue LZ)
Ein Bagger bringt am Grendel in der Stadt Luzern Sandsäcke. (Bild: Archiv Neue LZ)
Wer zuerst kommt, bleibt vielleicht trocken: Am 23. August 2005 war der Ansturm auf Sandsäcke am Grendel in Luzern gross. Das Wasser drang bis weit in die Altstadt vor. (Bild: Archiv Neue LZ)
Die zerstörte Brücke beim Restaurant Bad in Wolhusen. (Bild: Archiv Neue LZ)
Ein Erdrutsch hat bei Sisikon die SBB-Bahnlinie und die Axenstrasse völlig verschüttet. (Bild: Archiv Neue LZ)
Eine Schlammlawine hat sein ganzes Gut, die Lagerhalle der Albisser Bau AG beim Bachmattli in Menzingen zerstört. (Bild: Archiv Neue LZ)
Der Bahnhof Sachseln: Der Sarnersee hatte das ganze Quartier Ried überflutet, die Bewohner mussten evakuiert werden. (Bild: Archiv Neue LZ)
Aus der Vogelperspektive zeigt sich das Ausmass der Verwüstung in der Urner Reussebene. (Bild: Archiv Neue LZ)
Der über die Ufer getretene Chärstelenbach hat das Gebiet bei der Golzern-Talstation im Kanton Uri vollständig überflutet und riesige Schäden hinterlassen. (Bild: Archiv Neue LZ)
Schutt und Geröll bewegt sich oberhalb von Goldau. (Bild: Archiv Neue LZ)
Angehörige des Arther Zivilschutzes richten eine Befestigung beim Grosswiyer in Goldau an, welche den Schlamm und das Wasser zurückhalten soll. (Bild: Archiv Neue LZ)
Der Vierwaldstättersee steigt und steigt. Die enormen Wassermassen haben auch den Campingplatz in Merlischachen im Küssnachter Becken überflutet. (Bild: Archiv Neue LZ)
Das Gewerbegebiet im Wintersried in Ibach Goldau bis Brunnen gleicht einem riesigen See. (Bild: Archiv Neue LZ)
Ein grosser Teil von Ennetbürgen steht unter Wasser. (Bild: Archiv Neue LZ)
In Stansstad begannen in der Zielmatte die Bewohner, die Häuser freizuräumen. (Bild: Archiv Neue LZ)
Ein trauriges Bild: Das überflutete Wolfenschiessen im Gebiet Fallenbach (Bild: Archiv Neue LZ)
Überschwemmt und abgeschnitten von der Umwelt: die Gemeinde Wolfenschiessen im Engelbergertal. Im Bild das Gebiet Dörfli. (Bild: Archiv Neue LZ)
Das Wohnhaus an der Renggstrasse in Entlebuch beim Zerbersten. (Bild: Archiv Neue LZ)
Bei der Talstation der St.-Jakob-Seilbahn in Isenthal im Kanton Uri hat der Bach viel Kulturland zerstört. (Bild: Archiv Neue LZ)
Reusswehr bei Perlen hält viel Holz zurück. (Bild: Archiv Neue LZ)
Dieser Bauernhof in Flüelen ist abgeschnitten. (Bild: Archiv Neue LZ)
Das Rössli im Ägerital ist überflutet. (Bild: Archiv Neue LZ)
Eine Fahrt mit dem Traktor durch das Naturschutzgebiet Rüssspitz. (Bild: Archiv Neue LZ)
Die Strasse von Hünenberg nach Maschwanden ist komplett überschwemmt. (Bild: Archiv Neue LZ)
Die Strasse zwischen Zug und Arth war unbefahrbar und musste vom Geröll befreit werden. (Bild: Archiv Neue LZ)
In Neuägeri steht Silvio Andermatt knietief im Wasser; dort, wo sonst die Kantonsstrasse Zug - Ägeri vorbeiführt. (Bild: Archiv Neue LZ)
Morgens um halb neun in Altdorf. Das Wasser auf dem Bahnhofplatz steigt und steigt. «Das ist der Schächen», sagt Feuerwehrmann Ruedi Stadler (rechts). (Bild: Archiv Neue LZ)
Ein Pneutrax beseitigt eine Schlammlawine, die auf die Kantonsstrasse zwischen Arth und Immensee niederging. (Bild: Archiv Neue LZ)
Als Folge des Dauerregens entstand im Gebiet Häldeli in Flüelen beträchtlicher Schaden. (Bild: Archiv Neue LZ)
Baumstämme und Schlamm überdecken die Kantonsstrasse Brunnen–Gersau beim Fallenbach. (Bild: Archiv Neue LZ)
Feuerwehrleute pumpen an der Seewernstrasse Wasser zurück in die Seewern. Sie ist über die Ufer getreten. (Bild: Archiv Neue LZ)
Der Bahnhof Giswil von der Kleinen Melchaa übersart. Die Zentralbahn wurde aber auch an weiteren Stellen unterbrochen. (Bild: Archiv Neue LZ)
In Alpnachstad wurden Personen nach Erdrutschen evakuiert. (Bild: Archiv Neue LZ)
Ausnahmezustand in Obwalden: In Sarnen sind Feuerwehrleute mit Booten unterwegs (Bild: Archiv Neue LZ)
Die Rettung kam in Stansstad mit dem Bagger: Feuerwehrleute evakuieren 14 Hausbewohner. (Bild: Archiv Neue LZ)
Um noch grösseren Schäden vorzubeugen, wurde der Engelberger-Aa-Damm zwischen Ennetbürgen und Buochs absichtlich aufgerissen. (Bild: Archiv Neue LZ)
Ein Mitarbeiter des Verkehrshauses räumt im überfluteten Kellertrakt der Schifffahrtshalle auf. (Bild: Archiv Neue LZ)
Das Unwetter richtete im Gebiet Hälteli in Flüelen beträchtliche Schäden an. (Bild: Archiv Neue LZ)
Der Gartensitzplatz von Doris Ottiger in Rootwurde überschwemmt (Bild: Archiv Neue LZ)
Knietief stand das Wasser in der Kreuzbuchstrasse in Luzern nahe dem Verkehrshaus, weil sich Wasser aus dem Gebiet Dietschiberg/Felsental einen Weg über die Strassen des Quartiers gesucht hatte. (Bild: Archiv Neue LZ)
In Wolhusen versuchen Feuerwehrleute Abwasserschächte von Geröll zu befreien. (Bild: Archiv Neue LZ)
Feuerwehrleute schaufeln Schlamm aus dem Keller von Peter Jost in Root. (Bild: Archiv Neue LZ)
Alois Roos schaut auf den Bilbach in Werthenstein, der durch den Regen stark angestiegen ist. (Bild: Archiv Neue LZ)
Marco und Andreas Iten paddeln auf einem improvisierten Floss in Oberägeri beim Segelclub. (Bild: Archiv Neue LZ)

Die Hauptstrasse zwischen Wolhusen und Luzern ist in Werthenstein weggespült. (Bild: Archiv Neue LZ)

Eine Stadt unter Wasser

Das Bild, das sich am 23. August bietet, wird wohl niemand vergessen: Die Innenstadt Luzerns steht unter Wasser. Die Feuerwehr ist im Grosseinsatz, muss aber den Uferschutz zugunsten des Schutzes einzelner Objekte preisgeben. Gewerbetreibende in der Altstadt versuchen, mit Sandsäcken und Plastikfolien ihr Eigentum zu schützen. Der Verkehr bricht zusammen, auch die Autobahnzufahrt beim Kasernenplatz muss gesperrt werden. Hier steht das Wasser zeitweise 1,50 Meter tief, die Feuerwehr muss bei einem zusätzlichen Wassereinbruch aus dem Tunnel fliehen.

Doch während die Überschwemmungen an vielen anderen Orten vor allem den Eindruck von Zerstörung vermitteln, haben sie in Luzern auch etwas Pittoreskes. Viele Stadtbewohner und noch mehr Schaulustige gewinnen dem Ganzen auch Unterhaltsames ab, und manch einer schwimmt oder fährt mit dem Boot durch die Stadt.

Derweil sich in Engelberg Dramatisches abspielt: Wegen Unterbruchs von Strasse und Bahnlinie sind 5000 Menschen eingeschlossen, der Strom ist weg, eine Luftbrücke wird eingerichtet. Die Situation wird sich erst am 8. September dank einer Notstrasse entschärfen.

Das grosse Aufräumen

Bereits an diesem 23. August gibt es kaum mehr Niederschläge. In der ganzen Zentralschweiz ist man mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Nach einigen Tagen tritt wieder so etwas wie Normalität ein, auch Luzern ist wieder trocken. Am 29. August wird die Seebrücke wieder für den Verkehr geöffnet. Am schwierigsten ist die Rückkehr in den Alltag für Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben. Oder viel mehr. Wie die Familien der Entlebucher Feuerwehrmänner.

Zeitung: Bis zu 13 Seiten am Tag

Wie sehr das Hochwasser alle überrascht hat, zeigt auch folgende Anekdote: In der Ausgabe der «Neuen Luzerner Zeitung» vom Samstag, 20. August, kommt das Wetter nur in der Frontmeldung vor, laut der das Leichtathletikmeeting in Zürich verregnet worden sei. Da damals noch keine Sonntagsausgabe erschien, folgte die Fortsetzung erst am Montag, 22. August: Neben dem Frontbeitrag wurde auf anderthalb Seiten über das Unwetter berichtet. Einen Tag später, am 23. August, erfolgte die Berichterstattung auf acht Seiten plus Front. Gar dreizehn Seiten (immer mit eigenen Versionen in den Regionalausgaben) waren es am Mittwoch, 24. August. Erst am Samstag, 28. August, kehrte auch in die Berichterstattung die Normalität ein.