Im Suff auf Kollegen eingestochen – Eritreer wird vom Luzerner Kriminalgericht zu sechs Jahren verurteilt

Nach einer durchzechten Nacht in Luzern geraten zwei Männer im Streit aneinander. Einer zieht ein Taschenmesser und sticht dreimal zu.

Roger Rüegger
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Auf das Urteil gegen einen 29-jährigen Eritreer reagiert ein Mädchen im Gerichtssaal mit einem unterdrückten Schrei. Soeben hat der Kriminalrichter dem Onkel des Mädchens eröffnet, dass dieser für versuchte eventualvorsätzliche Tötung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt wird.

Bei der Verhandlung am Luzerner Kriminalgericht sind am Freitagmorgen neben dem Beschuldigten, seiner Schwester und deren Tochter auch ein Dolmetscher und zwei Polizisten anwesend. Der Eritreer betont bei der Befragung durch den Richter immer wieder, er könne sich nicht an die Tat erinnern, die sich am Morgen des 3. Dezember 2017 in Luzern ereignet hatte.

Laut Anklageschrift der Luzerner Staatsanwaltschaft war es im dritten Stock in einer Wohnung zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und einem Kollegen gekommen. Die beiden hatten zuvor die ganze Nacht lang zusammen mit einem weiteren Mann in einer Bar Alkohol getrunken. In der Wohnung haben die drei weiter gezecht.

Der Beschuldigte gibt bei der Befragung an, es sei noch Wodka und Bier geflossen. Gemäss Akten der Staatsanwaltschaft hat er nach einem Wortwechsel ein Taschenmesser hervorgeholt und mit diesem mehrere Male auf seinen Gesprächspartner in die Bereiche Brust und Kopf gestochen.

Während einer zustach, schlief der andere

«Was geschehen ist, war ein Unfall. Ich weiss wirklich nicht, was sich abgespielt hatte. Aber wenn das Opfer sagt, dass ich auf ihn eingestochen habe, dann akzeptiere ich dies», sagt der Beschuldigte. Immerhin schildert er, wie das Opfer nach der Tat mit einer Hand den Notruf alarmierte und mit der anderen ihn (den Beschuldigten) am Arm festhielt.

Erinnerungen sind also vorhanden. Der Staatsanwalt glaubt ihm jedoch nicht alles. «Wenn der Beschuldigte sagt, er könne sich an nichts erinnern, ist dies eine Schutzbehauptung.» Er schildert in seinem Plädoyer, auf welche Weise der Beschuldigte auf sein Opfer eingestochen haben muss. «Die Tiefe der Verletzung weist auf heftig ausgeführte Stichbewegungen hin. Die Klinge misst sechs Zentimeter, eine der Wunden aber hatte eine Tiefe von acht Zentimetern. Diese hätte nur wenig tiefer sein müssen, dann wäre das Opfer lebensgefährlich verletzt worden», sagt er. Sein Antrag: Freiheitsstrafe von sieben Jahren und Landesverweis von zwölf Jahren.

Blutalkoholkonzentration von 2,7 Promille

Der Dritte schlief während der Tat, obwohl es sehr laut gewesen sein muss. Als er aufwachte, nahm er dem Beschuldigten das Messer ab und warf es aus dem Fenster. Bei der Tatzeit hatte der Beschuldigte eine Blutalkoholkonzentration von 2,7 Promille. Als die Polizei eintraf, sass das Opfer blutüberströmt auf dem Bett, auf dem Schoss hielt er den Beschuldigten fest.

Der Verteidiger sagt: «Was in dieser Nacht geschah, bleibt für immer ein ungeklärt.» Er führt aus, dass mit einem Taschenmesser keine lebensgefährlichen Verletzungen verursacht werden könnten. Sein Mandant habe zum Opfer eine kollegiale Beziehung gehabt und ihn nicht verletzen wollen. Er beantragt eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten und eine Entschädigung für die Zeit, die er in Unfreiheit verbringen musste. Das Gericht stützt sich auf den Sachverhalt der Anklage. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.