IMMENSEE: Mutmassliches Missbrauchsopfer spricht von Gehirnwäsche

Nach Missbrauchsvorwürfen gegen einen früheren Lehrer des Gymnasiums Immensee meldet sich die ehemalige Schülerin zu Wort: Sie erklärt, wieso sie sich jetzt und über die Medien zu den Vorfällen äussert.

Lena Berger
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Der Urner Erziehungsrat will griffigere Grundlagen für «Homeschooling» schaffen. (Bild: Boris Bürgisser (17.10.2016))

Der Urner Erziehungsrat will griffigere Grundlagen für «Homeschooling» schaffen. (Bild: Boris Bürgisser (17.10.2016))

Der heutige Rektor des Gymnasiums Immensee, Benno Planzer, hatte sich am Freitag an die Öffentlichkeit gewandt. Dies, nachdem die ehemalige Schülerin in einem Artikel des «Tages-Anzeigers» die Vorwürfe erhoben hatte. Planzer legte offen, dass es sich bei der anonymisierten Schule um das Gymnasium Immensee handle. Die Frau habe sich gemäss den ihm vorliegenden Akten 2001 an die Schule gewandt, sei dann aber nicht mehr für Nachfragen zur Verfügung gestanden. Vor diesem Hintergrund habe es keine rechtlichen Gründe gegeben, den Mann zu entlassen, sagte er im Interview mit unserer Zeitung.

Der beschuldigte Lehrer, der inzwischen pensioniert ist, räumt ein, ein Verhältnis mit der Schülerin gehabt zu haben. Zu sexuellen Handlungen sei es aber erst gekommen, nachdem diese bereits volljährig gewesen sei. Von einer Strafanzeige gegen ihn wisse er nichts.

Sexuelle Kontakte bereits vor Volljährigkeit

Die ehemalige Schülerin erklärt sich dies damit, dass sie die Anzeige erst Ende April gemacht habe. Sie sagt, der Geschlechtsverkehr habe bereits vor ihrer Volljährigkeit stattgefunden. In diesem Punkt steht es nun also Aussage gegen Aussage. Eine Strafverfolgung der Taten ist allerdings ohnehin ausgeschlossen, da die Taten inzwischen verjährt sind. Rektor Benno Planzer kündigte jedoch an, den Fall zusammen mit dem mutmasslichen Opfer schulintern aufzuarbeiten.

Entgegen den Akten, die gemäss Planzer noch erhalten sind, habe zwischen der damaligen Schulleitung, der Opferhilfe Luzern und ihr durchaus ein Gespräch stattgefunden. «Ich habe mich nicht total entzogen. Ich war damals aber so labil, dass ich nicht die Kraft hatte, mich länger mit dem rein männlichen Team der Schulleitung auseinanderzusetzen», schreibt sie unserer Zeitung. Trotzdem wäre es einfach gewesen, mehr Informationen einzuholen, ist sie überzeugt. Fast die ganze Schule hätte sehr vieles mitgekriegt. «Man hätte zum Beispiel andere Lehrer oder den Schulpsychologen befragen können.»

«Viele haben sich entschuldigt»

Die ehemalige Schülerin des Gymnasiums Immensee sagt, sie habe seit dem Erscheinen des «Tagi»-Artikels unzählige E-Mails von ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern erhalten, die ihr alle bestätigten, wie offensichtlich es war, dass die Beziehung des Lehrers zu ihr «arg falsch» gewesen sei. «Viele haben sich seither entschuldigt, dass sie damals nichts unternommen hätten. Sie waren ja aber selber Teenager.»

Rückblickend seien die «Gehirnwäsche», die Isolation von den Gleichaltrigen und die totale Fremdkontrolle genauso verletzend gewesen wie die sexuellen Taten selbst, sagt die ehemalige Schülerin. Ihr Ziel sei es gewesen, die Gesellschaft für eben diese Aspekte zu sensibilisieren, indem sie sich nun an die Öffentlichkeit gewandt habe.

Lena Berger

lena.berger@zentralschweiz.ch