IN EIGENER SACHE: «Zeitung muss Kritik ernst nehmen»

Andreas Z’Graggen ist seit 2008 Ombudsmann unserer Zeitung. Nun übergibt er das Amt seinem Nachfolger – und wagt einen Blick in die Zukunft der abonnierten Tageszeitungen.

Interview Jérôme Martinu
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Andreas Z’Graggen (rechts) übergibt das Amt des Ombudsmanns an Rudolf Mayr von Baldegg. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 20. Januar 2017))

Andreas Z’Graggen (rechts) übergibt das Amt des Ombudsmanns an Rudolf Mayr von Baldegg. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 20. Januar 2017))

Interview Jérôme Martinu

jerome.martinu@luzernerzeitung.ch

Während neun Jahren hat er die Interessen der Leserinnen und Leser unserer Zeitung gegenüber der Redaktion vertreten. Seit 1. Februar 2008 im Amt, gibt Andreas Z’Graggen seine Aufgaben als Ombudsmann nun ab. «Neun Jahre sind eine lange Zeit, in denen ich das Amt sehr gerne ausgeübt habe», so Z’Graggen. «Nun ist aber auch ein guter Zeitpunkt für eine Übergabe.» Zumal der in der Stadt Luzern aufgewachsene ehemalige Chefredaktor der «Berner Zeitung» (1996–2005) und Mitbegründer der ­«Bilanz» selber einen Nachfolger dem Verwaltungsrat und der Chefredaktion vorgeschlagen hat: den Luzerner (Medien-)Anwalt Rudolf Mayr von Baldegg (siehe Kasten).

Andreas Z’Graggen, Lügenpresse, Fake News, gleich geschaltete Mainstream-Redaktionen. Gemessen an der aktuellen, teils harten Kritik an den Medien: Ist die Arbeit als Ombudsmann zu einem Vollzeitjob geworden?

Nein, gar nicht. Die Kontakthäufigkeit mit der Leserschaft der «Luzerner Zeitung» und ihrer Regionalausgaben in Zug, Nid-, Obwalden und Uri ist stabil geblieben. Es mag vielleicht überraschen, aber inhaltlich gab es bislang keine einzige Beanstandung im Kontext von Lügenpresse, Fake News oder Mainstream-Medien.

Was wird am häufigsten beanstandet?

Traditionsgemäss die politische Berichterstattung. Den einen ist die Zeitung «zu links», den anderen «zu rechts». Dann gibts die Fälle, in denen falsche Fakten bemängelt werden. Viele Leser melden sich auch, weil sie technische Probleme haben, insbesondere in Sachen Zustellung. Das gehört zwar eigentlich nicht in meine Zuständigkeit. Die Hauptaufgabe eines Ombudsmannes sind die Inhalte. Es ist aber ganz wesentlich für eine grosse Regionalzeitung, dass sich die Leserschaft im Reklamationsfall an eine neutrale Ansprechperson wenden kann.

Und wie interpretierten Sie dann jeweils Ihre Rolle?

Es war meine Aufgabe, das Interesse des Lesers wahrzunehmen. Ich agierte jeweils unabhängig von der Redaktion, das ist auch reglementarisch so gewollt.

Was heisst das konkret?

Wenn es einen Fehler gab, habe ich die Redaktion angewiesen, dies zu korrigieren. Dabei ging ich jeweils auch direkt auf die Journalisten zu. Die Redaktion platziert Korrekturen aber auch ohne mein Zutun.

Zurück zur Politik, dem häufigsten Grund für Beschwerden.

Man könnte eine Kurve zeichnen. Alle vier Jahre herrscht erhöhte Temperatur, weil Wahlen sind. Was manchmal schwierig einzuordnen war: Ist das nun ein Parteigänger oder ein normaler Leser, der sich beschwert? Auch bei emotionalen Sachabstimmungen gab es Ausschläge.

Wie hat sich Ihr Aufwand seit dem Start 2008 entwickelt?

Ich hatte in jüngerer Vergangenheit weniger zu tun als noch zu Beginn. Die Gründe können verschieden sein, was genau zutrifft, kann ich nicht zuverlässig beantworten. Die Zeitung ist qualitativ besser geworden, oder sie interessiert weniger – wobei die Leserzahlen ja recht stabil sind – oder das Blatt ist zu wenig angriffig. Letzteres hören Sie als Chefredaktor wohl als These nicht gern.

Ich kann zumindest festhalten, dass wir an unserem inhaltlichen Kurs – regional, kritisch, unabhängig – nichts geändert haben. Mussten Sie der Redaktion oft den Marsch blasen?

Es gab pro Jahr vielleicht drei, vier Fälle mit erhöhtem Aufwand. Insgesamt erlebte ich die Redaktion als anständig und aufmerksam. Man gibt sich Mühe, auf Interessen der Kritiker einzugehen. Das ist wohl der Punkt, wo sich die Zeitungen am auffälligsten entwickelt haben; den Leser ernst nehmen, Inputs und Kritik annehmen. Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung ist das nicht überraschend.

Welche Themen sind in den acht Jahren als Ombudsmann verschwunden, welche sind neu aufgetaucht?

Grosse Auffälligkeiten gabs hier nicht. Von den gern zitierten Wutbürgern zum Beispiel spüre ich in der Zentralschweiz nichts. Auch beim grossen Thema Asyl, Migration bleibt es überraschend anständig. Meine Vermutung: Wutbürger lesen den Boulevard oder sie lesen gar nicht.

Gab es ein Ereignis, an das Sie sich nur ungern erinnern?

Ich habe schon ein paar spezielle Figuren kennen gelernt (schmunzelt). Aber prägende Ereignisse gab es eigentlich nicht.

Wirklich nicht?

Generell gesagt: Die «schwierigsten Kunden» waren die Politiker. Die wollen einfach immer Recht haben. Dies im Unterschied zu Unternehmern, die sich auch immer mal wieder meldeten.

Auf Smartphones, Tablets und Bürocomputern: Nachrichten sind zunehmend digital verfügbar. Die abonnierte Tageszeitung wird gerne als Auslaufmodell beschrieben – zumal die Branche gegen sinkende Inseratevolumen kämpft. Ihre Einschätzung: Gibt es Zeitungen auf Papier in zehn Jahren noch?

Eine grosse Frage. Finanziell wird es für die Verlage immer enger, darum stellt sich die Frage, ob man den qualitativ guten Journalismus noch bezahlen will und kann. Inhaltlich steht irgendwann das Preis-Leistungs-Verhältnis auf der Kippe. Kommt hinzu, dass die jüngere Generation die Zeitung kaum mehr liest ...

... oder nur noch digital, gratis und sehr selektiv liest. Heisst: Die Zeitungen müssen auch auf die digitalen Kanäle setzen, die Leserschaft dort erweitern und so neue Erträge erwirtschaften.

Eine logische Strategie. Wobei ich Bedenken habe, ob die Jungen überhaupt noch bereit sind, für Informationen zu bezahlen. Journalistisch aufbereitete Inhalte haben aber einen Wert. Gratis zu streuen, dieser Entscheid der Branche war rückblickend ein grosser Fehler.

Welche Fehler gilt es aktuell zu vermeiden?

Tageszeitungen wählen aus und bieten so ein breites und umfassendes tägliches Menü. Sie sind ein Konterprogramm zum ausfransenden, (zu) schnellen Internet – und das gilt es zu pflegen. Vertiefung, Hintergrund, Kommentierung, weniger den News vom Vortag hinterherrennen.

Was wünschen Sie Ihrem Ombudsmann-Nachfolger Rudolf Mayr von Baldegg?

Ich hoffe, dass er die gleichen Erfahrungen wie ich sammeln kann. Der Kontakt mit den meisten Lesern ist wirklich interessant. Man sieht, was die Leute wirklich bewegt, hat so Einblicke in die gesellschaftliche Realität. Trump? Putin? Ja, das interessiert. Aber noch viel mehr interessiert das, was vor der eigenen Haustür passiert. Die Zeitung muss also die kleinen Probleme im Alltag ernst nehmen. Tendenziell besser mehr als weniger.

Mayr von Baldegg übernimmt

Ombudsmann Ab 1. Februar haben die «Luzerner Zeitung», ihre Regionalausgaben und die «Zentralschweiz am Sonntag einen neuen Ombudsmann. Der selbstständige Anwalt und bekannte Luzerner Medienrechtler Rudolf Mayr von Baldegg (65) übernimmt die Aufgabe von Andreas Z’Graggen. Mayr von Baldegg vertritt seit vielen Jahren häufig die rechtlichen Interessen von Medien (auch unserer Zeitung) und Medienkonsumenten. Im Konfliktfall würde er als Ombudsmann in den Ausstand treten. Mayr von Baldegg hat etwa zusammen mit dem ehemaligen Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, Peter Studer, das Lehrbuch «Medienrecht für die Praxis» verfasst.

Reglement sichert Unabhängigkeit

Gemäss Reglement unserer Zeitung besteht die Ombudsstelle «aus einer von Verlag, Redaktion und Unternehmung unabhängigen Person». Mit dem Ombudsmann soll «ein geeigneter Beitrag zur Konfliktprävention und Konfliktlösung im Zeitungsbereich geleistet sowie ein Mittel zur Qualitätssicherung gebildet werden». Unsere Zeitung war die erste in der Deutschschweiz, die ihre Arbeit von einem Ombudsmann begleiten liess. Andreas Z’Graggens (Jhg. 1945) Vorgänger war während 12 Jahren der Luzerner Peter Schulz gewesen. (jem)