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ISLAM: Imame von Erdogans Gnaden?

Das türkische Regime soll hiesige Imame steuern und bezahlen. Der Vorwurf betrifft auch vier Moscheen in der Zentralschweiz.
Gabriela Jordan
In der Moschee in Baar wirken seit Jahrzehnten Imame, die durch die türkische Religionsbehörde Diyanet vermittelt werden. (Bild Werner Schelbert)

In der Moschee in Baar wirken seit Jahrzehnten Imame, die durch die türkische Religionsbehörde Diyanet vermittelt werden. (Bild Werner Schelbert)

Gabriela Jordan

Schweizer Moscheen werden mit Geld aus der Türkei finanziert. Dieses Thema sorgte jüngst mehrfach für Schlagzeilen. Politiker forderten daraufhin ein Verbot ausländischer Gelder an islamische Gotteshäuser. Letzte Woche reichte der Tessiner SVP-Nationalrat Lorenzo Quadri dazu eine Motion ein (Ausgabe vom 29. April). Im Fokus der Debatte steht die in Zürich ansässige «Türkisch-Islamische Stiftung für die Schweiz», die den hiesigen muslimischen Vereinen Imame aus der Türkei vermittelt. Laut der «Sonntagszeitung» ist die Stiftung eng mit der «mächtigen Religionsbehörde» Diyanet in Ankara verbunden. Das Erdogan-Regime – so die Befürchtung – beeinflusse mit diesen «Import-Imamen» die Schweizer Moscheen. Dem Artikel zufolge predigen diese einen streng konservativen Islam und werden von Diyanet entlöhnt. Seit 2012 hätten sich die von Ankara finanzierten Imame nahezu verdoppelt, so die «Sonntagszeitung».

Eine Jahrzehnte lange Praxis

Auch in der Zentralschweiz gibt es vier Moscheen, die ihre Imame von Diyanet zugeteilt bekommen: Die Gotteshäuser befinden sich in Reussbühl (Luzern), Bürglen (Uri), Cham und Baar (Zug). Eine neue Entwicklung ist dies allerdings nicht. Weil es in der Schweiz keine Imamausbildung gibt, kommen die Vorbeter für die türkische Gemeinschaft seit jeher aus der Türkei in die Schweiz. Die Türkisch-Islamische Stiftung für die Schweiz (Tiss) gibt es seit 1987. Diese Praxis hat sich auch darum etabliert, weil die Schweiz nur Imame mit einer Ausbildung zulässt. Der Präsident der Moschee in Baar, Dilaver Cicek, erklärt, dass die Moscheen bei der Auswahl ihres Imams durchaus Wünsche äussern könnten, etwa mit Blick auf dessen Alter. Letztlich entscheide aber das Zufallsprinzip. «Dass Imame in der Schweiz ausgebildet werden können, ist Zukunftsmusik», sagt Cicek. Deshalb kämen die Imame der Baarer Moschee seit er denken könne über Diyanet zu ihnen.

«Es wird keine Politik gemacht»

Laut der «Sonntagszeitung» kritisierten Türken in der Schweiz, die anonym bleiben wollten, die besagte Stiftung. Ihnen zufolge wird in den Moscheen Politik betrieben und die Freitagspredigten verkommen zu Propagandareden der Regierungspartei AKP. Auf die Moschee in Baar treffe dies überhaupt nicht zu, sagt deren Präsident Cicek. «Bei uns wird keine Politik gemacht. Es trägt auch nur etwa die Hälfte der Frauen ein Kopftuch», fügt er hinzu.

In der Kritik steht auch die wöchentliche Freitagspredigt, die angeblich direkt von der türkischen Religionsbehörde verfasst wird und an alle von Diyanet unterstützten Moscheen verschickt wird. Wird so radikales Gedankengut in die hiesigen Moscheen getragen? Im Gegenteil sagt Cicek, der in der langjährigen Praxis nur Vorteile sieht. «So hat die Stiftung in Zürich, welche die Predigt verfasst, auch eine Kontrolle, dass der Koran nicht radikal ausgelegt wird.» Auch Kadir Eskin, im Vorstand der Eyüub Moschee in Luzern, findet die vorbereiteten Predigten problemlos: «Die Predigten haben immer einen gewöhnlichen religiösen Inhalt. Sie müssen auch nicht zwingend benutzt werden.» So bereite ihr Imam, Nurettin Bulut, meistens selbst etwas vor.

Zu den Vorwürfen äusserte sich die Stiftung kürzlich in einer Medienmitteilung: «Wir konzentrieren uns ausschliesslich auf die Unterstützung der religiösen Bedürfnisse der in der Schweiz lebenden türkischen Muslime.» Ihre Aktivitäten würden weder von der Türkei noch von anderen Staaten finanziert, heisst es darin weiter. Stattdessen finanziert sie sich nach eigenen Aussagen über Mitgliederbeiträge, Spenden und Erträgen aus Pilgerreisen. Neben den vier Zentralschweizer Moscheen unterstützt die Tiss 46 weitere Moscheenvereine in der Schweiz.

Faktisch eine Verschärfung

Ende 2012 wurde die Obergrenze von insgesamt 20 Imamen aufgehoben und eine für alle Religionsgemeinschaften gültige Weisung eingeführt. In der Folge reisten mehr Imame in die Schweiz ein. Dem Staatssekretariat für Migration (SEM) zufolge sind es derzeit rund 30. Doch diese neue Bewilligungspraxis ist de facto eine Verschärfung des Gesetzes, wie Martin Reichlin, Leiter Kommunikation des SEM, sagt.

Vor der Änderung seien die von der Türkei geschickten Imame quasi ohne Überprüfung eingereist. Die neue Regelung hingegen gebe der Schweiz mehr Einfluss darauf, welche religiösen Betreuungspersonen einreisen. Damit der Imam eine Arbeitsbewilligung erhält, muss er (und sein Arbeitgeber) verschiedene Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehören etwa Deutschkenntnisse oder ein Nachweis der Finanzierung des Lohnes. Wenn Hinweise bestehen, dass die Person die Sicherheit in der Schweiz gefährden könnte, werden weitere Behörden wie Fedpol oder der Nachrichtendienst des Bundes beigezogen. Seit 2012 wurde fünf Personen die Einreise in die Schweiz verweigert. Will ein Imam länger als ein Jahr bleiben, wird er zudem wiederholt überprüft, wie Alexander Lieb, Leiter des Migrationsamtes Luzern, sagt. Übrigens: Aus anderen Ländern sind zurzeit rund 10 Imame in der Schweiz (mehrheitlich aus dem ehemaligen Jugoslawien und Ägypten).

«Soziales Gift»

Trotz der Vorkehrungen vor der Einreise eines Imams gibt es begründete Vorbehalte gegenüber ausländischen Imamen. So findet zum Beispiel Valentina Smajli, Vize-Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, die Situation bedenklich: «Niemand weiss genau, wer wo was predigt.» Ihr zufolge liegt die Schwierigkeit darin, dass ausländische Imame die hiesige Kultur nicht kennen würden. Es sei deshalb möglich, dass die Person eine andere – etwa salafistische – Ideologie vertrete. Dafür wählt Smajli deutliche Worte: «Solche Prediger oder Imame sind soziales Gift für eine demokratische Gesellschaft. Deshalb dürfen wir sie bei uns nicht dulden.» Ausserdem komme es auch vor, dass sich einzelne Muslime aus ganz banalen Gründen einen inländischen Imam wünschten: etwa weil er so ihre alltäglichen Probleme besser verstünde.

Doch solange es in der Schweiz nicht möglich ist, Imame auszubilden, werden sie weiterhin aus dem Ausland geholt. Christin Achermann, Professorin für Migration, Recht und Gesellschaft an der Universität Neuenburg, gibt zu bedenken, dass die Finanzierung eines Imams unter den heutigen Regelungen für viele Moscheen eine Herausforderung darstellt. Denn als nicht anerkannte Religion steht es der islamischen Glaubensgemeinschaft (und etwa auch Buddhisten und Hinduisten) nicht zu, eine «Kirchensteuer» zu erheben, wie die Mitverfasserin der Studie über das schweizerische Zulassungssystem für religiöse Betreuungspersonen sagt. Die grosse Mehrheit der Moscheen finanziert sich somit über Mitgliederbeiträge.

Übersicht über Imame gibt es nicht

Wie viele Imame insgesamt in der Schweiz tätig sind, ist nicht bekannt. Das SEM kennt lediglich die Zahlen der Imame, die aus Drittstaaten einreisen. Die grosse Mehrheit ist jedoch aus anderen Gründen aufenthaltsberechtigt (Personenfreizügigkeit, Asyl, Familiennachzug). Achermann ist deshalb der Auffassung, dass strengere Regelungen für die Zulassung von religiösen Betreuungspersonen aus Drittstaaten aus staatlicher Sicht nicht sinnvoll wären: «Dann würde die Zahl dieser recht streng kontrollierten Personen sinken. Weil aber ein Bedarf nach ihrer Arbeit besteht, würden anders eingereiste Personen die Lücke füllen – die jedoch weniger kontrolliert werden.»

Stiftungsaufsicht hat falsch informiert

Ob eine Stiftung ihr Vermögen ihrem Zweck entsprechend einsetzt, überprüft die Eidgenössische Stiftungsaufsicht. Gegenüber der «Sonntagszeitung» bestätigte eine Sprecherin des Innendepartements (EDI), dass die Aufsicht eine Untersuchung über die Geldflüsse der Türkisch-Islamischen Stiftung für die Schweiz eröffnet habe. Bei dieser Information handelt es sich jedoch um ein Missverständnis, wie Markus Binder, Sprecher des EDI, gegenüber unserer Zeitung sagt: «Bei der Türkisch-Islamischen Stiftung für die Schweiz findet derzeit nur die ordentliche Prüfung von Jahresrechnung, Revisionsbericht und Tätigkeitsbericht statt.» Zusätzliche Untersuchungen seien nicht geplant. Zum Missverständnis kam es laut Binder, weil die französischsprachige Mediensprecherin den Begriff der Untersuchung unpräzise verwendet hatte. Mit «Untersuchung» sei jene Abklärung gemeint, welche die Stiftungsaufsicht jährlich bei jeder Stiftung vornimmt und nicht eine Untersuchung im juristischen Sinn.

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